Würzburg

Missbrauch: Neue Verdachtsfälle im Bistum Würzburg

Eine Untersuchung von Personalakten deutet auf ungeklärte Missbrauchsfälle im Bistum Würzburg hin. Die zuständigen Behörden wurden bereits eingeschaltet.

In den Personalakten des Bistums Würzburg wurden in 47 Fällen Hinweise auf sexuelle Übergriffe gefunden. Im Auftrag der Diözese hatte eine externe Anwaltskanzlei knapp 3 000 Akten von Seelsorgemitarbeitern im Zeitraum von 1946 bis 1999 überprüft. Die Funde stammten ausschließlich aus Akten von Priestern, wie Rechtsanwalt Hans-Jochen Schrepfer am Freitag in Würzburg erklärte.

Insgesamt seien in 94 Akten von Priestern „Auffälligkeiten“ gefunden worden. Neben den Hinweisen auf sexuelle Übergriffe fielen darunter auch 29 Fälle von Grenzüberschreitungen ohne sexuellen Bezug. „Bei den restlichen 18 Akten blieb unklar, ob überhaupt ein relevantes Verhalten im Sinne des Projekts vorlag“, erklärte Schrepfer. Die Untersuchung sollte nach Angaben Schrepfers nicht nur Fälle sexuellen Missbrauchs sammeln, sondern auch Hinweise auf Gewalttaten ohne sexuellen Bezug oder nicht strafbares, grenzüberschreitendes Verhalten. Diese Aktenstudie hatte der Würzburger Bischof Franz Jung im Dezember angekündigt. Es ergänzt die Untersuchung der sogenannten MHG-Studie. Für diese Untersuchung im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz waren im Bistum Würzburg Akten aus dem Zeitraum zwischen 2000 bis 2015 berücksichtigt worden. Im Namen des Bischofs bat Würzburgs Generalvikar Thomas Keßler um Vergebung. „Wir sind diese Aufarbeitung und die Konsequenzen, die wir daraus ziehen, allen Betroffenen schuldig“, erklärte er zur Vorstellung der Untersuchung.

Laut Schrepfer ereigneten sich gut 80 Prozent der nun aufgefundenen Auffälligkeiten vor 1969. 35 Fälle waren bereits in der Vergangenheit Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Urteile seien in 17 Fällen mit sexuellem Bezug ergangen. Laut Schrepfer wurden nach der Untersuchung zudem 13 Personalakten zur weiteren Ermittlung an die Generalstaatsanwaltschaft übersandt.

Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein

Die Tübinger Staatsanwaltschaft hatte bereits am vergangenen Dienstag erklärt, die Ermittlungen gegen Geistliche des Bistums Rottenburg-Stuttgart eingestellt zu haben. Anlass war eine Strafanzeige gegen Unbekannt. Diese hatten sechs Juristen im zurückliegenden Oktober in Reaktion auf die Veröffentlichung der MHG-Studie in allen 27 deutschen Diözesen gestellt. Laut Staatsanwaltschaft habe die Diözese „umgehend nach Anforderung die relevanten Akten“ übergeben, daraus habe sich jedoch in keinem Fall ein strafrechtlich relevantes Verhalten ergeben.

Bereits Mitte Mai hatte die Staatsanwaltschaft in Limburg erklärt, keine Ermittlungen gegen die Diözese Limburg einzuleiten, da trotz Anzeige kein konkreter Anfangsverdacht bestehe.

Ebenfalls in der vergangenen Woche haben Gespräche über eine Neuordnung von Anerkennungs- und Entschädigungszahlungen an Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche begonnen. Auf Einladung der Bischofskonferenz hatten dazu Opfer und Fachleute diskutiert. Laut einem Bericht des „Spiegel“ vom Samstag soll dabei von Opferverbänden eine Einmalzahlung in Höhe von 300 000 Euro pro Person genannt worden sein. Die Deutsche Bischofskonferenz wollte den Bericht auf Nachfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur nicht kommentieren. Die im Jahr 2011 etablierten Zahlungen zur Anerkennung erlittenen Leids bewegen sich bislang in der Regel im mittleren vierstelligen Bereich.

DT/kma/KNA

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