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Militärseelsorger Schönborn: „Not schweißt auch die Religionen zusammen“

Diakon Rainer Schönborn ist Militärseelsorger der Bundeswehr – und begleitet die Soldaten mit Leidenschaft auch auf Auslandseinsätzen. Dort seien Glaube und Religion oft viel mehr gefragt als in der Heimat.
Lichterprozession in Lourdes 2017
Foto: Dana Kim Hansen (KNA) | Soldaten bei der Lichterprozession auf der 59. Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes am 20. Mai 2017.

Hemdsärmelig, fast kumpelhaft, im T-Shirt statt Kollar kommt Diakon Rainer Schönborn auf seine Gesprächspartner zu. Und genau diese Offenheit macht ihn für viele Bundeswehrangehörige zum gefragten Gesprächspartner.

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Denn Schönborn ist Soldatenseelsorger am mittlerweile größten Bundeswehrstandort in Deutschland – in Wilhelmshaven, wo vor allem die Marine präsent ist. Und er kennt die Nöte und Ängste der Soldaten im Einsatz. Ob in Mali oder im Mittelmeer – Schönborn fährt mit den Soldatinnen und Soldaten zur See, erlebt ihre Einsätze hautnah mit.

Gespräche über Tod und Verwundung 

„Die NATO-Manöver werden größer – und der Ukraine-Konflikt hat eine andere Bedeutung als die Einsätze in Afghanistan oder Mali“, sagt Diakon Schönborn im Gespräch mit der „Tagespost“. „Das ist nur 200 Kilometer von unserer Nase entfernt.“ Schon jetzt verstärke die NATO ihre Truppen im Baltikum, sollte sich der Ukraine-Krieg ausweiten. „Das sehe ich nicht nur abends im Fernsehen, das ist direkt vor unserer Haustür.“

Und das spiegele sich in der Truppe wieder – auch im „Lebenskundlichen Unterricht“, den der Diakon für seine Soldaten anbietet. „Da gibt es mittlerweile mehr Seelsorgegespräche, mehr Diskussionen. Früher haben wir darüber diskutiert, was ein gerechter Krieg ist. Heute sprechen wir über gerechten Frieden“, erzählt der Soldatenseelsorger. „Die Soldaten fragen sich: Was ist, wenn wirklich etwas passiert, denken über Tod und Verwundung im Einsatz nach.“ Als es einen Anschlag auf Bundeswehr-Soldaten in Mali gab, da habe er viele Gespräche über Tod und Verletzungen geführt, sagt Schönborn.

Alle in einem Boot

Und ein weiterer Punkt kommt hinzu: Die Truppe ist derzeit in keinem guten Zustand. Jahrelange Sparrunden haben ihre Spuren hinterlassen, die Ausrüstung ist oftmals nicht so, wie sie sein müsste. Rainer Schönborn drückt es diplomatischer aus: „Die Soldaten beklagen schon, dass das eine oder andere fehlt.“ Da stecke bei ihnen oft ganz viel Herzblut dahinter, sagt der Seelsorger. „Was wir hinkriegen, kriegen wir selber hin und tun trotzdem unser Möglichstes“ – so laute häufig die Devise.

Und das gilt auch für den Soldatenseelsorger: Auf See sitzen alle Soldaten buchstäblich in einem Boot. In einer Situation, wo alle füreinander einstehen müssen, sind konfessionelle, auch religiöse Grenzen plötzlich weniger wichtig. „Als ich mit der Truppe im Mittelmeer unterwegs war, waren wir 240 Leute an Bord. Und wegen Corona hatten wir keinen einzigen Tag Landgang“, erinnert sich Schönborn. Wenn „zu Hause gerade die Hütte brennt“, wie es der Diakon in seiner typischen Art ausdrückt, weil der Mann oder auch die Frau monatelang auf See unterwegs ist, konnte er nicht einfach mal mit den Soldaten an Land gehen und einen Ausflug unternehmen.

Immer mehr Soldaten kamen zum Gottesdienst

Stattdessen gab es Spiele an Bord – „Mensch, ärgere dich nicht“ oder andere Klassiker, auch ein Kickertisch oder ein Laufband, um in Bewegung zu bleiben, erfreuten sich großer Beliebtheit. Und mit jedem Sonntag kamen immer mehr Leute zum Gottesdienst, berichtet der Diakon. „Manchen ging es weniger um das Kirchliche, sie waren einfach froh über eine Stunde Auszeit in der Woche.“

So habe er die Gottesdienste immer unter ein bestimmtes Thema gestellt, ob Fasten, Ostern oder Tod und Verwundung. „Eigentlich bin ich ganz anders“ war ebenso ein thematischer Schwerpunkt. „Erst kamen sechs Soldaten, dann waren es 24“, erinnert sich Schönborn. „Das war ein regelrechter Kirchencocktail“. In der Osternacht sei plötzlich auch der Kommandant erschienen – ein Atheist aus Ostdeutschland. Er wollte eine Lesung übernehmen – für Schönborn gar kein Problem. Viele Soldaten sind weder katholisch noch evangelisch. „Die Leute sind so weit weg von der Kirche, die haben nicht mal mehr Vorurteile“, sagt der Diakon.

Längste Sure im Koran ist Maria gewidmet

Aber sie haben Fragen – zum Islam, zum Judentum beispielsweise. Und so hätten sich spannende Gespräche entwickelt, zwischen christlichen und atheistischen, zwischen muslimischen und jüdischen Soldaten. „Wir haben zum Beispiel darüber gesprochen, dass wir uns alle auf Abraham beziehen“, sagt der Soldatenseelsorger. „Wir sind an Bord eine Glaubensgemeinschaft.“ So seien viele christliche Soldaten erstaunt gewesen, dass im Islam Maria als „Unsere Frau vom Libanon“ verehrt werde.

Dabei handelt es sich um eine riesige Marienstatue auf einem rund 600 Meter hohen Hügel bei Harissa nördlich der libanesischen Hauptstadt Beirut. Die Wallfahrtsstätte wird von Christen wie Muslimen gleichermaßen besucht, die Maria als ihre Mutter verehren. „Die längste Sure im Koran ist Maria gewidmet, und auch die Muslime kennen den Marienmonat Mai“, unterstreicht der Diakon, der als Militärseelsorger auch an den Soldatenwallfahrten in den französischen Wallfahrtsort Lourdes teilnimmt.

Von religiöser Gleichgültigkeit ist wenig zu spüren

An Bord ist also von der religiösen Gleichgültigkeit, die viele westliche Gesellschaften heute prägt, wenig zu spüren. „Hier spielt Religion eine wichtige Rolle“, sagt Diakon Schönborn. Dreimal sei es während der fünfeinhalb Monate auf See vorgekommen, dass er Soldaten eine Todesnachricht aus der Heimat überbringen musste. Da ist beispielsweise zu Hause der Vater gestorben, doch der Soldat hat in diesem Moment keine Möglichkeit, nach Hause zu fahren und bei seiner Familie zu sein.

„Es kommt jeder zum Seelsorgegespräch – ob Soldat, Zivilangestellter oder Beamter. Und zu 90 Prozent geht es dabei nicht um den Glauben“, sagt Schönborn. Viele könnten theoretisch auch zum Truppenpsychologen gehen. „Aber dort fehlt ihnen diese ganzheitliche Ebene“, meint der Seelsorger. Der Psychologe schicke sogar Leute zu ihm, die an keiner Krankheit leiden, aber einfach mal jemanden für ein intensives Gespräch benötigen.

Sehnsucht nach Segen

Trotzdem: Glaube und Religion würden schließlich doch für die Soldaten zum Thema, ist der Diakon überzeugt. Als eine Einheit von Fallschirmjägern ins Ausland verlegt worden sei, habe der Einsatzführer unbedingt Michaelsplaketten und einen Segen für die Mannschaft haben wollen. „Jetzt kann ich fliegen“, habe der Einsatzführer danach gesagt – ein Atheist aus Ostdeutschland. „Not schweißt da zusammen“, ist Rainer Schönborn überzeugt. Mittlerweile gebe es zu solchen Anlässen sogar eine ökumenische Andacht. „Wir feiern die Gottesdienste immer zusammen“, sagt der Diakon. „Hier gibt es keinen Schwund wie im zivilen Leben. Was die Soldaten mit Kirche erleben, das tut ihnen gut und das brauchen sie.“

So erlebe er Zuspruch über konfessionelle und religiöse Grenzen hinaus. „Es gibt ganz viel Gespräch und Akzeptanz“, sagt Schönborn. „Der Glaube hat doch mehr mit dem Leben zu tun, als ich dachte“ – diesen Satz habe er schon häufiger gehört. Und diese Erfahrungen prägen auch Rainer Schönborns geistliches Leben, der nach einer Tätigkeit als Pastoralreferent seit 2017 in der Soldatenseelsorge arbeitet. „Jetzt weiß ich, warum ich in der Militärseelsorge bin.“

Diakon und Militärseelsorger
Foto: Doreen Bierdel (Doreen Bierdel) | Diakon Rainer Schönborn

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