Kirche

Man kann nicht zwei Herren dienen

Medien-Krieg in Italien: In der Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nimmt die Kirche alle katholischen Politiker in die Pflicht

Rom (DT) Die Aufgabenteilung folgt dem bewährten Schema: Während Papst Benedikt XVI. zurzeit keine Gelegenheit auslässt, den hohen und unveräußerlichen Wert der Familie sowie der Ehe von Mann und Frau herauszustellen, geht die Italienische Bischofskonferenz zum Angriff über. Sei es in der Person ihres Vorsitzenden, Kardinal Camillo Ruini, sei es mit geharnischten Artikel in der Tageszeitung der italienischen Bischöfe, „Avvenire“. Seitdem die vom Mitte-Links-Bündnis getragene Regierung unter Romano Prodi vergangene Woche ihre Absicht erkennen ließ, nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften einen öffentlich-rechtlichen Status zu verleihen, herrscht Krieg.

Kein Recht auf Kindesadoption für Homosexuelle

Nicht auf den Straßen und nicht an den Theken der Bars, sondern in den Leitartikeln und Feuilletons der nationalen Zeitungen. Auf der einen Seite stehen die Laikalen, die das Recht des Staats und der Politiker verteidigen, auf der anderen die Vertreter der Kirche, die deren Freiheit bekräftigen, sich auch in zivilen Angelegenheiten, die die Politik und Gesetzgebung zu regeln haben, zu Wort melden zu dürfen.

Es geht um einen Gesetzentwurf, den sich die Ministerinnen für Gleichstellungsfragen und für die Familie, Barbara Pollastrini und Rosy Bindi, am Donnerstag vergangener Woche vom Kabinett absegnen ließen. Findet dieser Gesetzentwurf über die „Rechte und Pflichten der zusammenlebenden Paare“ die Mehrheit in Parlament und Senat, werden sich demnächst auch zwei Homosexuelle auf dem Standesamt als Lebensgemeinschaft eintragen lassen können – ohne besondere Zeremonie, vor allem ohne Recht auf Kindesadoption, aber mit dem Erwerb einiger Rechte und Pflichten, wie sie auch normale Ehepaare in Miet- und Versorgungsfragen oder bei Krankheit und Tod des Partners haben.

Neben dem Jawort vor dem Traualtar – das der Staat in Italien als Eheschließung anerkennt – sowie der zivilen Heirat auf dem Rathaus wäre dies eine dritte Form der öffentlich registrierten Lebenspartnerschaft, eine Art, wie Gianfranco Fini von der Rechtspartei „Alleanza nazionale“ sagte, „Ehe zweiter Klasse“. Sie stünde Paaren aller Art offen, nicht nur Homosexuellen. Aber jeder weiß, dass es im Grunde um Letztere geht. Noch haben Laikale und Laizisten den Sommer 2005 in schlechter Erinnerung, als prominente Katholiken und die Vertreter der Kirche dafür warben, sich bei einem Referendum der Stimme zu enthalten, mit dem einige Lockerungen bei den strengen Regeln zur künstlichen Befruchtung eingeführt werden sollten. Das Referendum fiel durch, Kirche und Vatikan feierten dies als großen Erfolg.

Auch damals hatte Papst Benedikt positiv über den Lebensschutz und das Recht der Kirche auf Stellungnahmen zu politischen und medizinischen Fragen gesprochen, während die Italienische Bischofskonferenz konkret den Widerstand gegen ein Referendum organisierte, dessen Erfolg ein Aufweichen katholischer Moralpositionen zur Folge gehabt hätte. Diesmal wirbt man nicht um die Wahlbürger, sondern um Politiker, die sich als katholisch verstehen – was bei der überwiegenden Mehrheit dieser Klasse in Italien vorauszusetzen ist. Die große Frage, die sich vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung um die nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften auftut, ist deshalb folgende: Gelingt es der Kirche in Italien noch, katholische Politiker in ihren Gewissensentscheidungen an die Äußerungen des Lehramts zu binden?

Darum lesen sich die Feuilletons der großen Zeitungen des Landes derzeit wie historische Lehrstücke. Sie beginnten mit Pius IX., dem Risorgimento und endgültigen Verlust des Kirchenstaats und enden mit den Lateran-Verträgen von 1929, mit denen die Trennung und Aussöhnung von Staat und Kirche auf italienischem Boden besiegelt wurde. Und die Lektion, die die laikalen Medien erteilen wollen, ist leicht durchschaubar: Nachdem Pius IX. sein großes „Non possumus“ (Wir können nicht) gesprochen und sich als „Gefangener im Vatikan“ eingeschlossen hatte, begann ein langer, schmerzhafter Lernprozess der römischen Kirche, an deren Ende der völlige Verzicht auf jede Einmischung in Gesetzgebung und Politik des italienischen Staats begann. Wenn Gesundheitsministerin Livia Turco von der Partei der Linksdemokraten jetzt trocken erklärte, über „Gesetze wird im Parlament abgestimmt, nicht in der Kirche“, schwang der ganze antiklerikale Stolz der italienischen Politikerklasse mit.

Doch die Kirche sieht das anders. Bei der Audienz für die Teilnehmer einer Naturrechts-Tagung an der päpstlichen Lateran-Universität sagte Benedikt XVI. am Montag: „Kein von Menschen gemachtes Gesetz kann die vom Schöpfer errichtete Ordnung umstürzen, ohne dass die Gesellschaft auf dramatische Weise in dem verletzt wird, was ihr grundlegendes Fundament ausmacht: Die Familie zu schwächen bedeutet, die gesamte Gesellschaft zu bestrafen.“ Laikalität hin, Trennung von Kirche und Staat her – wenn es um die natürliche, gottgewollte Ordnung der Dinge geht, ist die Politik nicht frei zu machen, was sie will.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Kardinal Joseph Ratzinger im Jahr 2003 zwei Dokumente veröffentlicht, die ausführten, dass katholische Parlamentarier nicht gegen die Lehre der Kirche verstoßen dürfen. Das erste vom Januar 2003 bekräftigte, dass „der katholische Politiker in Fragen der Abtreibung, der Euthanasie, der menschlichen Embryonen und der auf der Ehe von heterosexuellen Personen gründenden Familie nicht nachgeben darf“. Das zweite Dokument vom Juli desselben Jahres verpflichtete Katholiken im Parlament, keinen Gesetzen die eigene Stimme zu geben, die der Familie schaden oder homosexuellen Verbindungen eine „rechtliche Anerkennung“ verschaffen würden.

Wie winden sich bekennende Christen da heraus?

Als Kardinal Ruini ebenfalls am Montag ankündigte, die italienische Bischofskonferenz werde zur Frage der nicht-ehelichen Partnerschaften bald eine offizielle Note herausbringen, „die für die, die dem kirchlichen Lehramt anhängen, verpflichtend ist und die für alle klärend sein kann“, wusste jeder im Land, dass die Kirche um kein Haar von ihren bisherigen Positionen abweicht.

Das „Haus der Freiheiten“, das Lager der Opposition unter Silvio Berlusconi, freut sich diebisch und wartet nun darauf, ob sich die bekennenden Katholiken wie Rosy Bindi, Mitautorin des jüngsten Gesetzentwurfs, oder Ministerpräsident Romano Prodi aus dieser Schlinge befreien können. Vollmundig jubelte Roberto Calderoli von der eher heidnischen als christlichen „Lega Nord“, dass die Katholiken im linken Regierungsbündnis damit „de facto exkommuniziert“ seien. Was jetzt hinter den Kulissen tobt, ist ein Kampf zwischen den prominenten katholischen Politikern im linken Lagern und den Vertretern der Kirche. Um jedes Wort in der von Kardinal Ruini angekündigten Note wird man ringen. Sollte diese so klar sein wie die beiden Dokumente Ratzingers von 2003, müssen katholische Politiker wie Prodi und Bindi Farbe bekennen. Man kann nicht zwei Herren dienen: der katholischen Kirche und dem laizistischen Staat.

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