Leuchtturm für Wahrheitssucher

16. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath Alter Christus – Die Stellung des Priesters in der Liturgie“. Von Katrin Krips-Schmidt
Philippinischer Geistlicher feiert die Eucharistie in der Börse von Makati City in Manila
Foto: dpa | Je ungewöhnlicher der Messort, desto mehr hebt sich der Priester ab: Ein philippinischer Geistlicher feiert die Eucharistie in der Börse von Makati City in Manila.
Philippinischer Geistlicher feiert die Eucharistie in der Börse von Makati City in Manila
Foto: dpa | Je ungewöhnlicher der Messort, desto mehr hebt sich der Priester ab: Ein philippinischer Geistlicher feiert die Eucharistie in der Börse von Makati City in Manila.

Herzogenrath (DT) In der von einer deutschen Diözese herausgegebenen Broschüre über den Priesterberuf heißt es: „Durch die Weihe wirst du für die Menschen in besonderer Weise zu einem Zeugen, dass Jesus Christus mitten unter ihnen lebt. Wie ein Brückenbauer übersetzt du das Evangelium in den Lebensalltag der Menschen. So bist du ihnen Hilfe, die Spur Gottes in ihrem Leben zu entdecken. Als Diözesanpriester begleitest du die Menschen an wichtigen Knotenpunkten ihres Lebens: Sakramente, Taufe, Kommunion, Hochzeit, Sterben.“

Das klingt poetisch, lieblich und menschenfreundlich. Mit einer an Metaphern überreichen Sprache und an Marketinggestaltung geschickt ausgerichteten Strategie wird hier um Nachwuchs für den Klerikerstand geworben. Doch wird das Berufsbild „Priester“ mit einem solchen Text wirklich hinreichend oder zumindest ansatzweise korrekt charakterisiert? Zweifel sind da durchaus angebracht. Was also ist überhaupt ein Priester?

Der „Stellung des Priesters in der Liturgie“ widmete sich unter dem Titel „Alter Christus“ die 16. Kölner Liturgische Tagung in Herzogenrath mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen und einem Priesterkonvent. Organisatoren waren die Initiativkreise katholischer Laien und Priester im Erzbistum Hamburg und in der Erzdiözese Köln, das Netzwerk katholischer Priester, die Una Voce Deutschland sowie die Katholische Gemeinde St. Gertrud in Herzogenrath und ihr Pfarrer Guido Rodheudt.

Trotz Pilotenstreiks, Totalsperrungen von Autobahnen und dem schon alltäglichen Ausfall von Bahnverbindungen fanden die 160 Teilnehmer, darunter sechzig mehr junge als ältere Priester – was erfahrungsgemäß längst nicht mehr verwundert bei einer Veranstaltung, die sich der klassischen römischen Liturgie verbunden fühlt –, den Weg dennoch pünktlich zu Beginn der Vorträge in den äußersten Westzipfel der Republik. Sie kamen aus Husum und Wien, aus München und Berlin, aus der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien.

Am Anfang jeder weiteren Debatte steht bekanntlich die nähere Begriffserläuterung. Ist der Priester tatsächlich ein „Tischvorsteher“ (so Hans Küng 1971 in seiner Schrift „Wozu Priester?“), soll er ein von der Gemeinde zu wählender Laie sein, wie es dem holländischen Theologen Schillebeeckx vorschwebte? Pater Bernward Deneke von der Priesterbruderschaft St. Petrus rückte ausgehend von Josef Piepers Suche nach der „differentia specifica“ – dem „eigentümlichen Unterschied“ des Priesters – die Vorstellungen über das Sein und die Aufgabe des Priesters wieder zurecht, die seit einigen Jahrzehnten nicht nur „schwammig“ zu werden drohten, sondern in denen zusehends „die katholische Lehre vom Priestertum verdunstete“. Stattdessen gehe es aber in erster Linie um das unauslöschliche Prägemal, das der Priester bei seiner Priesterweihe empfange und das ihn in seinem „tiefsten Sein erfasst“. Deneke zitierte Papst Johannes Paul II. aus dessen Gründonnerstagsbrief von 1979: „Dem Leben des Priesters liegt als tragende Wirklichkeit das Weihesakrament zugrunde, das unserer Seele das Zeichen eines unauslöschlichen Merkmals einprägt. Dieses Prägemal in der Tiefe unseres menschlichen Seins erfasst dynamisch auch unsere Person.“

Dass es sich dabei nicht um eine graduelle, sondern eine wesensmäßige Unterscheidung handelt, legte auch der Freiburger Dogmatiker Helmut Hoping mit seinen Ausführungen zum Thema „Das Taufpriestertum und das Priestertum des Dienstamtes“ dar, indem er unter anderem die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanums „Lumen gentium“ heranzog.

Was tut der Priester? Sein hauptsächlicher Akt ist (nach Thomas von Aquin) die Konsekration, das heißt der Vollzug des Altarsakramentes „in persona Christi“. Der Priester, dem eine besondere Teilhabe am „Priestertum Christi“ zukommt, ist Mittler zwischen Gott und den Menschen.

An diese hohe Würde erinnert auch die Gestalt der heiligen Maria Magdalena von Pazzi (1566–1607), die jeden Priester „Christus“ nannte, wie Athanasius Schneider in seinem Vortrag „Der Priester – Imago et Instrumentum Christi“ anmerkte. Der deutschstämmige Weihbischof der Erzdiözese der Allerheiligsten Maria zu Astana in Kasachstan entfaltete das Wesen des Priesters als Abbild und Werkzeug Christi. Das Bemühen des Priesters, in allem seinem Herrn immer ähnlicher und damit vollkommener zu werden, schlage sich darin nieder, die sakramentalen Handlungen nicht nur gültig, sondern auch heilig zu vollziehen. Für Schneider, der die „große Würde und den hohen sittlichen Anspruch des katholischen Priestertums“ unterstrich, steht dabei die „Wahrheitsfrage“ im Vordergrund: „Das Priestertum Christi muss in seiner Kirche ganz auf die Wahrheit ausgerichtet sein“, stellte der Generalsekretär der Katholischen Bischofskonferenz von Kasachstan fest. Schließlich habe Christus nicht gesagt: „Geht und macht Umfragen über meine Gebote“ oder „Geht und beruhigt ihn über die Legitimität seiner Lebensweise“, sondern er hat gesagt: „Geht und lehrt.“ Nimmt das Interesse für Christus jedoch ab, dann nimmt das Interesse für „Scheinwahrheiten“ zu: Es entstehe eine „Religion der augenblickliche Gefühle“, eine „Religion des Schilfrohrs“, die keine Bekenner mehr hervorbringe. Die Gefahr der geistlichen Verwirrungen und Irrtümer des 20. Jahrhunderts verglich Weihbischof Schneider mit der Epoche des Arianismus des fünften Jahrhunderts. Heute würden göttliche Wahrheiten wie etwa die Unauflöslichkeit der Ehe, der Opfercharakter der Messe und die Ewigkeit der Hölle geleugnet.

Auf einen historischen Streifzug durch die ersten Jahrhunderte der Kirchengeschichte nahm Peter Bruns, Ordinarius für Kirchengeschichte in Bamberg, seine Zuhörer mit. Er beleuchtete die „Theologie des Priestertums bei den Kirchenvätern“ mit dem Ergebnis, dass schon in der Vätertradition der Priester als Abbild Christi verankert war. Den Gedanken, dass der Priester bei seiner Weihe für Gott „ausgesondert“ werde, führte Pater Uwe Michael Lang in seinem Vortrag „Die Sakralität der Liturgie und das Priestertum“ vor Augen. Wenn die wichtigste Aufgabe des Priesters die Konsekration ist, das heißt die Zelebration der heiligen Messe, wie steht es dann um die Feier priesterloser Wortgottesdienste? Um die Frage nach der „Möglichkeit und Unmöglichkeit priesterloser Wortgottesdienste“ ging es bei dem theologischen Referenten im Bischöflichen Ordinariat Augsburg Peter Düren, der seinen Vortrag krankheitsbedingt nicht persönlich halten konnte. Bis in unsere Zeit hinein, so Düren, wurde der katholische Gottesdienst als kultischer Opferritus verstanden, „der sich in der Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers durch den Priester vollzieht“. Der Versuch einiger Theologen, dieses sacerdotale Verständnis aufzubrechen und die heilige Messe als „betende Gemeindeversammlung“ zu betrachten, wird von der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils jedoch nicht gedeckt, für die der Priester noch immer der „alter Christus“, der „andere Christus“ ist. Katholiken sind, so Düren weiter, verpflichtet, jeden Sonntag und gebotenen Feiertag die heilige Messe mitzufeiern. Ein priesterloser Wortgottesdienst sei daher keine Alternative zur Sonntagsmesse: „Die Wort-Gottes-Feier hingegen ist das Zu-Gehör-Bringen der göttlichen Offenbarung – gewiss auch eine heilstiftende Wirklichkeit, jedoch nicht sakramentale Vergegenwärtigung des Heilsmysteriums und auch nicht mit sakramentaler Gnade verbunden.“

Des Weiteren befasste man sich in Herzogenrath mit den Ursprüngen und Wesenselementen des liturgischen Ornats – so Peter Stephan, Kunst- und Architekturwissenschaftler von der Universität Freiburg und der Fachhochschule Potsdam in seinem Vortrag „Das Kreuz mit dem Gold“ –, und der Kulturjournalist Ulrich Mutz stellte Richard Wagner als Komponisten mit christlichen Intentionen und dessen Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ als sein „allerchristliches“ Werk vor. Der Münchner Pastoraltheologe Andreas Wollbold gab in seinem Referat „Zwischen Hierophant und Animateur“ Hinweise, in welchen Bereichen sich die liturgische Frömmigkeit des Priesters entfalten könne. Heinz-Lother Barth, Altphilologe aus Bonn, betonte in seinen Ausführungen zur „Darbringung des heiligen Messopfers: Zentrale Aufgabe des katholischen Priesters“ die Pflicht des Priesters zur täglichen Zelebration, die vom kirchlichen Gesetzbuch von 1983 dem Zelebranten „dringend empfohlen“ werde, womit dieses sogar noch über die Version von 1917 hinausgehe, worin es lediglich um ein wöchentlich mehrfaches Zelebrieren ging.

Nicht nur Geist und Intellekt wurde auf der Tagung anspruchsvolle Nahrung geboten, auch die übrigen Sinne wie Herz und Gehör wurden wohltuend angeregt: neben einem kommentierten Konzert zum Karlsjahr mit Teilen aus einer mittelalterlichen Karlsmesse und dem Karlsoffizium unter der Leitung von Michael Tunger und mit Orgelimprovisationen von Albert Richenhagen, Professor an der UdK Berlin, stand eine „Literarisch-musikalische Soirée“ auf dem Programm: Der Schauspieler Uwe Postl aus München rezitierte auf Burg Rode Texte aus Prosa und Poesie zum Thema „Priestertum“. Die von Weihbischof Schneider und vom Bischof von Lüttich, Jean-Pierre Delville, in der außerordentlichen Form des römischen Ritus zelebrierten Pontifikalämter bildeten die geistlichen Höhepunkte der viertägigen Veranstaltung.

Thema und Termin der nächsten Tagung stehen bereits fest: vom 18. bis zum 21. März 2015 werden sich die Referenten mit der „Liturgie der Sakramente“ beschäftigen.

Themen & Autoren

Kirche

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