Letzte Ruhe in der Stadt

Kolumbarium in der Erfurter Magdalenenkapelle eröffnet. Von Ellen Buchberger
Begehrte Urnengräber - Bistum Erfurt
Foto: Buchberger | Begehrte Urnengräber: Das Bistum Erfurt hat bereits Wartelisten.
Begehrte Urnengräber - Bistum Erfurt
Foto: Buchberger | Begehrte Urnengräber: Das Bistum Erfurt hat bereits Wartelisten.

Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Selten wird das so deutlich wie bei einem Besuch des neuen Kolumbariums für Christen und Nichtchristen in der Erfurter Magdalenenkapelle mitten in der Innenstadt. Am Samstag wurde die Urnenbegräbnisstätte in der Kleinen Arche mit einer Vesper um 18 Uhr feierlich eingeweiht. Für die Bistumsstadt ist es bereits das zweite Kolumbarium: Seit 2007 befinden sich in der Allerheiligenkirche 630 Urnenfächer, die innerhalb kürzester Zeit vergeben waren. Die Magdalenenkapelle, die wie die Allerheiligenkirche zur Dompfarrei St. Marien gehört, war seit Mitte des 19. Jahrhunderts profaniert und ab 1992 an eine Restaurierungsfirma verpachtet. Als Ende 2011 der Pachtvertrag auslief, entschied sich das Domkapitel, die Kapelle für etwa 520 000 Euro in ein weiteres Kolumbarium umzubauen.

„Die Nachfrage regelt auch hier das Angebot“, scherzt Domkustos Weihbischof Reinhard Hauke bei einer Pressekonferenz im Vorfeld der Eröffnung. Das Interesse an den Urnenplätzen ist ungebrochen, schon jetzt sind alle Plätze vergeben, auf der Warteliste stehen achtzig Personen. „Die Verstorbenen finden dank des Kolumbariums inmitten einer Stadt ihren Platz, weil sie ja immer noch Teil der Bevölkerung sind. Außerdem können wir so das Thema Tod und Auferstehung wieder in die Stadt holen“, erklärt Hauke begeistert. Auch mithilfe der Kunst sei das möglich, so der Weihbischof. „Ich bin froh, dass einige Kunstwerke zu dieser Thematik im Kolumbarium Platz gefunden haben. Vorher mussten sie im Magazin auf eine sinnvolle Nutzung warten.“ Unter den Kunstwerken ist eine originale Pieta, die bisher in einer Nische an der Außenwand der Allerheiligenkirche platziert war, sowie diverse Darstellungen der Namenspatronin der Kapelle, der heiligen Maria Magdalena.

Für Hauke gibt es mehrere Faktoren, die das Kolumbarium attraktiv machen, etwa die einfache Grabpflege oder der Preis: 20 Jahre Liegezeit mit Möglichkeit zur Verlängerung kosten 1100 Euro. Das sei für viele zu stemmen, meint er. Er denke vor allem an ärmere Menschen, an Rentner, die im Sozialismus kein großes Vermögen anhäufen konnten. Um die Pflege der Kapelle kümmern sich ehrenamtlich zwei Ehepaare. Die Angehörigen erhalten eine Chipkarte und damit Zutritt zur Kapelle. Besucher können durch eine Scheibe in den Innenraum blicken.

Allerheiligenkirche und Magdalenenkapelle liegen nah beieinander und sollten konzeptionell miteinander verbunden sein. Die Erfurter Künstlerin Evelyn Körber gestaltete für das Kolumbarium in der Allerheiligenkirche fünfzehn Stelen mit Urnenfächern, deren Form sie in der Magdalenenkapelle beibehalten hat. Aus den Recherchen vor Beginn ihrer Arbeit wusste sie, dass die ästhetische Qualität darüber entscheidet, wie eine solche Begräbnisstätte angenommen wird: „Ich hatte den Eindruck, dass es tödlich ist, wenn man das Ganze wie eine Schließfachwand gestaltet.“ Befinden sich die fünfzehn Stelen in der Allerheiligenkirche lediglich im Nordschiff, füllen die zehn Stelen in der Magdalenenkapelle den ganzen Raum, sodass hier keine Gottesdienste und keine großen Trauerfeiern stattfinden können. Dennoch wirkt der Raum nicht überladen. Die von Körber entworfenen Stelen strahlen Ruhe und Beständigkeit aus. Das durch das Milchglas einfallende Licht erhellt die einzelnen Fächer und scheint dort Leben einzuhauchen, wo gar keines mehr ist. Beeindruckend ist vor allem die Gestaltung der Glasplatten, hinten denen später die Urnen durchschimmern werden und auf denen der Name sowie das Geburts- und Sterbedatum des Toten stehen wird. Jede Platte ziert ein eigenes Relief, das sich die jeweilige Person aussuchen kann, um darin sich selbst wiederzufinden. Es ist zudem etwas Besonderes, schon zu Lebzeiten die eigene Grabstätte besichtigen und sich so die weltliche „Heimat“ nach dem Tod vorstellen zu können.

Dank der sensiblen Auswahl der Materialien und Farben bilden die Stelen mit jeweils 42 Urnenplätzen eine Einheit mit den räumlichen Gegebenheiten. Vor gut einem Jahr war an eine solche Harmonie noch nicht zu denken. Anfang 2013 wurden Reste des alten Mauerwerks ausgegraben, die zu einer romanischen Kapelle gehörten. Christel Zschiegner vom Dombauamt Erfurt ist Projektleiterin des Kolumbariums und beschreibt, wie die Grabungen zur Quelle der Inspiration wurden: „Innerhalb einen Jahres wurde hier eine neue Bodenplatte beidseitig eingebaut und ein anthrazitfarbener Gipsestrich ausgebildet in Anlehnung an den Fund: Im Mittelgang konnte man unter den Fliesen noch den alten Gipsestrich ausmachen.“ Es fanden sich Hinweise auf eine bewegte Baugeschichte, die für Kopfzerbrechen sorgte, so erinnert sich Evelyn Körber: „Der Chor flieht förmlich nach links außen, was uns nicht nur eine, sondern gleich mehrere Mittelachsen und verschiedene Raumachsen bescherte. Wir mussten uns entscheiden.“

Zudem sei es eine Herausforderung gewesen, die Einbauten aus den 1880er Jahren wie die Decke, die Empore, die Fenster, die Ornamentik sowie die Böden mit einzubeziehen in die Gestaltung, ergänzt die Künstlerin. Moderne Materialien wie Stahl kommen zum Einsatz etwa im Sockel der Pieta, drängen sich aber nicht in den Vordergrund und lenken nicht ab vom Wesentlichen.

„Ein Kolumbarium ist in erster Linie ein seelsorgliches Angebot“, stellt Weihbischof Hauke heraus. Domvikar Bernhard Drapatz ist Seelsorger der beiden Kolumbarien und weiß um die Bedeutung einer behutsamen seelsorglichen Begleitung, die notwendig ist angesichts der zunehmenden Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod. Weltliche Redner sind im Gegensatz zu evangelischen Pfarrern bei den Trauerfeiern nicht zugelassen, geht es doch um Sinngebung über den Tod hinaus.

Themen & Autoren

Kirche

Das deutsche Ergebnis der Befragung zur Weltbischofssynode zeigt: Mit dem Synodalen Weg können Gremien Monologe führen, aber keine jungen Leute hinter dem Ofen hervorlocken.
09.08.2022, 11 Uhr
Regina Einig
„Du sollst dir kein Bild von Gott machen“ – oder doch? Der Bilderstreit des achten und neunten Jahrhunderts.
09.08.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Beeindruckendes Buch: Andreas Sturm beschreibt seinen Weg zum Austritt aus der katholischen Kirche mit schonungsloser Ehrlichkeit. Ein Spiegel der Kirche unserer Tage.
06.08.2022, 07 Uhr
Peter Winnemöller