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Lehrstühle im Wind des Zeitgeistes

Kurt Flasch befasst sich mit der Haltung von Michael Schmaus, Joseph Lortz und Josef Piepers zur Machtergreifung.
Josef Ratzinger
Foto: KNA | Kardinal Joseph Ratzinger schätzte den Münsteraner Denker Josef Pieper(l).

Benedikt XVI. stieß schon als junger Wissenschaftler in München mit dem ebenso renommierten wie weltoffenen Universitätsprofessor für Dogmatik Michael Schmaus (1897–1993) zusammen. Viele konnten bei ihm promovieren, selbst Ute Ranke-Heinemann. Die Habilitation Joseph Ratzingers aber wollte er partout verhindern. Gott sei Dank ohne Erfolg. Ratzinger sollte zu einem der gelehrtesten Theologen unserer Zeit avancieren.

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Schmaus und die Nazis

Schmaus selbst konnte sich in Münster als Professor in der Zeit der Nationalsozialisten etablieren. Zunächst lehrte er von 1928 an fünf Jahre lang Dogmatik an der Karls-Universität Prag. 1933 bekam er den Lehrstuhl an der Katholisch-Theologischen Fakultät der seit 1902 bestehenden Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zwei Jahre später kam auch Joseph Lortz (1887-1975) nach Münster: als Professor für allgemeine Kirchengeschichte mit Berücksichtigung der Missionsgeschichte. Er kam aus Ostpreußen, wo er seit 1929 eine Professur an der Staatlichen Akademie Braunsberg, Lyceum Hosianum, innehatte.

Neun Jahre zuvor hatte er an der Universität Bonn promoviert und sich drei Jahre später an der Universität Würzburg habilitiert. Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, publizierte er 1933 die Abhandlung Katholischer Zugang zum Nationalsozialismus. Hier bejahte er wesentliche Grundprinzipien des Nationalsozialismus und wurde selbst Mitglied der NSDAP. Ob er aus dieser Partei bereits vor 1938 ausgetreten sei, wie er 1945 behauptete, ist nicht belegt. Jedenfalls hat er nachweislich bis Juni 1944 seinen Beitrag bezahlt.

Kurt Flasch, bekennender Agnostiker, nennt beide, Michael Schmaus und Joseph Lortz, zusammen mit dem jüngeren Josef Pieper „Katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus“. Allerdings: Der Nachweis für diese schwerwiegende Behauptung gelingt ihm nicht.

Keine Wegbereiter

„Wegbereiter“ Hitlers waren andere Personen und Institutionen. Die drei Genannten waren 1933 noch längst nicht die berühmten, viel gelesenen, einflussreichen Professoren, als die sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten.

Dass Kurt Flasch diese drei Gelehrten überhaupt zusammenbringt und in einem Atemzug nennt, irritiert; denn gerade von seinem historischen Ansatz her hätten ihn allein die Geburtsdaten und Berufe zur Vorsicht raten müssen. Lortz und Schmaus waren Geistliche und Theologieprofessoren. Josef Pieper war Laie, verheiratet und verstand sich ganz und gar als Philosoph. Er wollte nie als Theologe angesprochen werden. Er kannte die Grenze zur Theologie, achtete und betonte sie zeitlebens.

Zwischen Lortz und Schmaus liegen glatte zehn Jahre, zwischen Schmaus und Josef Pieper (1904-1997) sieben und zwischen Pieper und Lortz 17 Jahre. Solche Altersdifferenzen sind im Raum der Universität damals wie heute keine Marginalien. Bei einer um historische Gerechtigkeit bemühten Darstellung ihrer Aktivitäten zur Zeit des Nationalsozialismus, also eines Zeitraums von zwölf Jahren (1933-1945), sind sie entscheidend. Natürlich gibt es zwischen ihnen Gemeinsamkeiten. Die grundlegendste: Alle drei waren überzeugte, hochgebildete, reflektierende Katholiken. Sie identifizierten sich voll und ganz mit ihrer Kirche. Sie konnten vom Ansatz, von ihrem Glauben her gar keine Nationalsozialisten, geschweige denn, ihre Wegbereiter sein.

Verstörende Verblendung

Doch genau das sieht Flasch völlig anders. Gemeinsam sei ihnen, dass sie in Münster professoral lehrten; Lortz und Schmaus zwar bereits vor, Josef Pieper erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Flasch indes interessiert vor allem die Tatsache, dass sie alle drei in der in Münster erschienenen Schriftenreihe „Reich und Kirche“ 1933/34 jeweils einen Aufsatz publizierten.
Diese Reihe, bestehend aus Broschüren von überschaubarer Seitenzahl, diente dem Aufbau Deutschlands und wurde von Franz von Papen (1879-1969) gefördert. Auf dessen „Karriere“ geht Flasch im Einleitungskapitel ebenso ein wie auf die von Karl Eschweiler (1886-1936) und Carl Schmitt (1888-1985). Sie identifiziert Flasch allzu grob als „Vorredner“ von Lortz, Schmaus und Pieper.

Papen wurde im Juni 1932 von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt, verhandelte aber nach seinem Sturz wenige Monate später mit Hitler über eine Koalitionsregierung. Als Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kam, übernahm von Papen das Amt des Vizekanzlers, wurde aber rasch von Hitler entmachtet und trat schließlich im Sommer 1934 zurück.

Nach diesem Auftakt wendet sich Flasch zuerst Michael Schmaus zu, konkret seiner am 11. Juni 1933 gehaltenen Rede über „Begegnungen zwischen katholischem Christentum und Nationalsozialismus“. Er analysiert sie und sucht ihre tragenden Ideen herauszuarbeiten, ihr Konzept von Wahrheit und Politik, von Kirche und Staat. Erst danach wendet er sich dem älteren Joseph Lortz zu, der in Hitler den von Gott gesandten Retter sieht. Dieser habe mit dem „roten Terror“, dem Bolschewismus, endlich aufgeräumt und zeige, wie die Welt wirklich sei: „Ohne Gewalt geht es nicht.“ Flasch analysiert treffend die Sprache, die von Lortz benutzten Wortbilder und Metaphern. Die „Einbräunung der Terminologie“ ist ebenso unverkennbar wie widerlich. Das von Lortz Festgestellte und Geforderte ist erschreckend und von verstörender Verblendung.

Quadragesimo anno

Ganz anders Josef Pieper. In seinem Aufsatz über das „Arbeitsrecht des Neuen Reiches und die Enzyklika Quadragesimo anno“, erschienen 1934 in besagter Reihe, zeigt sich schnell, worum es dem Autor geht: keineswegs darum, wie Flasch meint, den Katholiken in Münster und im Münsterland den Zugang zum Nationalsozialismus zu ebnen. So verblendet konnte niemand sein, schon gar nicht der nüchtern denkende Pieper, der ja selbst aus dieser urkatholischen Gegend stammte. Er wusste genau, dass solch ein Unterfangen verlorene Liebesmüh gewesen wäre. Selbst nach der Machtübernahme Hitlers und dem zuvor nie gekannten Propagandaexzessen Goebbels blieb das Münsterland schwarz und wählte zu über 50 Prozent das Zentrum und nur zu 22,9 Prozent die NSDAP.

Pieper ging es um die Sozial-Enzyklika „Quadragesimo anno“. Sie vor allem und den dort vorgeschlagenen Weg zur Überwindung des Klassenkampfes will er publik machen. Die „Entproletarisierung des Proletariats“ war ihm wichtig. Ausdrücklich sieht er sein Büchlein als „Ergänzung und Weiterführung“ seiner beiden anderen sozialpolitischen Schriften von 1933, der „Neuordnung der menschlichen Gesellschaft“ und der „Thesen zur Gesellschaftspolitik“.

Berthold Wald, der umsichtige Herausgeber der im Meiner Verlag Hamburg erschienenen Werke Piepers, verharmlost nichts, wie Flasch unterstellt, sondern ordnet historisch korrekt ein. So wird deutlich, was neu ist: Piepers Hoffnung, dass die Nazis den Entproletarisierungsprozess im christlich-katholischen Sinne vorantreiben. Diese Hoffnung war ein böser Irrtum, von dem sich Pieper aber bereits zwei Monate später verabschiedete. Am 21. Juli 1934 und am 22. September bittet er den Verlag, von einer Neuauflage abzusehen.
Flasch merkt, dass er im Blick auf Pieper wenig überzeugt und lädt nach. Er versucht, Piepers philosophisches Gesamtwerk als wenig wissenschaftlich darzustellen. Dabei scheut er sich nicht, aus dem Habilitationsverfahren zu zitieren, dem sich Josef Pieper in der Stunde Null nach dem Krieg unterzog.

Piepers Habilitation 

Der für Piepers Habilitation praktisch allein verantwortliche Ordinarius war der 1940 zum ordentlichen Professor für Philosophie in Münster ernannte Gerhard Krüger. Dieser nimmt Piepers eingereichte Untersuchung offiziell als Habilitationsschrift an, erklärt ihm aber zugleich, dass er nicht damit rechnen dürfe, dass ihm aufgrund seiner zahlreichen Veröffentlichungen irgendetwas geschenkt werde. Im Gegenteil: Pieper erhält, datiert vom 13. Januar 1946, also während des laufenden Verfahrens einen privaten Brief von Krüger, in dem dieser ihm rät, seinen „akademischen Ehrgeiz“ zu zügeln und doch lieber von der Universitätslaufbahn Abstand zu nehmen. Ihm fehle einfach „das wissenschaftliche Handwerk“. Die „gelehrte Forschung“ sei doch seine Sache nicht.

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Merkwürdig auch, was Flasch alles in diesem Zusammenhang zu erwähnen vergisst: zum Beispiel, dass dieser „freundschaftliche“ Brief seinen Adressaten nur wenige Tage vor der entscheidenden Habilitationsprüfung erreicht hat und, wie man sich denken kann, den Kandidaten fast aus der Bahn geworfen hätte. Krüger wirft Pieper mangelnde Tiefenbohrungen vor. Er berichte nur von Wahrheit, gleite aber inhaltlich über sie hinweg, über das auch, „was Ansatzpunkt grundsätzlicher Analyse werden müsste“. Er, Krüger, habe das auch alles erst mühsam lernen müssen; und zwar nach der Promotion bei Martin Heidegger. Doch Flasch unterschlägt, dass Pieper in seiner Habilitationsprüfung durchaus Tiefenbohrungen vorzunehmen weiß. So analysiert er Heideggers Wahrheitsverständnis nach allen Regeln hermeneutischer Kunst. Er weist ihm Defizite und gefährliche Einseitigkeiten nach.

Wenn Christen dem Mainstream folgen

Warum nur erwähnt Flasch mit keinem Wort, dass Krüger stolz darauf ist, Schüler Heideggers zu sein, eines radikalen Denkers, der sich im „Dritten Reich“ mit Begeisterung für das engagierte, was dieser selbst die „nationalsozialistische Revolution“ nannte? Warum wird nicht erwähnt, dass Krüger, damals noch evangelischer Christ und noch gar nicht Professor, trotzdem mit seinem „Helden“ Martin Heidegger das am 11. November 1933 vorgetragene „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“ unterzeichnet hat?

Trotz dieser kritischen Fragen und Einwände ist dem Autor für seine geistreiche Abhandlung zu danken. Zeigt sie doch, wohin es führt, wenn Christen auch nur zeitweilig den Zeitgeist mit dem Geist der Zeit verwechseln, aus Angst oder Ehrgeiz dem Mainstream folgen und vergessen, wozu sie gesandt sind: „Salz der Erde“ zu sein und in der Nachfolge Christi für ein alternatives Leben zu werben.


Kurt Flasch: Katholische Wegbereiter des Nationalsozialismus. Michael Schmaus, Joseph Lortz, Josef Pieper. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt 2021, 192 Seiten, ISBN 978-3465027065, EUR 24,80

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