Assistierter Suizid

Lebensrechtler widersprechen dem italienischen Moraltheologen Carlo Casalone

Umstrittene Stellungnahme eines Jesuiten. Casalone verteidigt den umstrittenen italienische Gesetzentwurf zum assistierten Suizid. Es wäre ein slippery slope käm es zur Verabschiedung.
Sterbebegleitung: Umstrittene Stellungnahme eines Jesuiten
Foto: Daniel Karmann (dpa) | Der Jesuit Carlo Casalone verteidigte einen Gesetzesentwurf zur Sterbehilfe als das kleinere Übel. Lebensschützer wehren dies als eine Relativierung menschlichen Lebens ab.

Der italienische Jesuit Carlo Casalone hat mit einer umstrittenen Stellungnahme zum assistierten Suizid öffentlichen Widerspruch von Lebensrechtlern ausgelöst. Hintergrund ist die Abstimmung über den Gesetzentwurf zur Einführung des straffreien ärztlich assistierten Suizids in Italien, die voraussichtlich im Februar stattfinden wird. 2019 hatte das italienische Verfassungsgericht das Parlament aufgefordert, eine entsprechende gesetzliche Regelung zu schaffen. Am 13. Dezember hat Italiens Parlament über einen Gesetzentwurf zur „medizinisch unterstützten freiwilligen Selbsttötung“ debattiert.

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Umstrittene Selbstbestimmung

Der 1956 geborene Casalone, der 1981 an der Universität Mailand ein Medizinstudium abschloss, ehe er 1984 in die Gesellschaft Jesu eintrat, wählte als Plattform für seine Wortmeldung die prominente Jesuiten-Zeitschrift „Civiltà Cattolica“, um sich in die Diskussion über die Parlamentsdebatte über den „assistierten Suizid“ einzuschalten. Darin erklärt der an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom lehrende Moraltheologe, der auch Mitglied der „Päpstlichen Akademie für das Leben“ ist, der Entwurf erkenne „nicht das Recht auf Selbsttötung an, sondern die Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen um Hilfe bei der Durchführung des Suizids zu bitten“. Casalone nimmt insbesondere Bezug auf das „Gesetz 219/2017“, das die Patientenverfügung regelt.

Der Autor hat in den letzten Jahren immer wieder in „Civiltà Cattolica” einschlägige Artikel publiziert und sich für die „Selbstbestimmung im Zusammenhang mit der ,therapeutischen Übertreibung‘“ ausgesprochen. Obwohl es eine Reihe problematischer und mehrdeutiger Elemente enthalte, erlaube das Gesetz 219/2017 eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen miteinander in Einklang zu bringen, so Casalone. Aus seiner Sicht bestätigt es „den sowohl ethischen als auch rechtlichen Unterschied zwischen ,sterben lassen‘ und ,töten‘“ und ermögliche es, die „Schwelle“ zwischen dem einen und dem anderen zu unterscheiden.

Nicht die Euthanasie

Der Moraltheologe geht ebenfalls auf das Urteil Nr. 242/2019 des italienischen Verfassungsgerichts ein. In dem Gerichtsverfahren ging es um den nach einem schweren Autounfall querschnittsgelähmten und blinden Fabiano Antoniani, besser bekannt als „DJ Fabo“, der den Wunsch geäußert hatte, sein Leben zu beenden. Das Verfassungsgericht bestätigte zwar „Anstiftung und Beihilfe zum Selbstmord“ als Straftatbestände gemäß Artikel 580 des italienischen Strafgesetzbuchs, weil es die Notwendigkeit bekräftigte, das Gut des Lebens rechtlich zu schützen. Es erkannte aber an, dass „die Entwicklungen in der Medizin neue Situationen in Bezug auf das Sterben hervorrufen“.

Auch wenn das zur Debatte stehende Gesetz, „nicht die Euthanasie betrifft“, so weiche es „von den Positionen zur Rechtswidrigkeit der Beihilfe zum Suizid“ ab, die das kirchliche Lehramt in jüngsten Dokumenten bekräftigt habe, gibt Casalone zu. Die Frage sei aber, ob der Gesetzentwurf „insgesamt negativ zu bewerten ist, mit dem Risiko, die Liberalisierung zu begünstigen“, oder es möglich sei „durch Abänderung ihrer schädlicheren Bestimmungen weniger problematisch zu machen“. Dafür beruft sich der Autor auf das Prinzip der „,unvollkommenen Gesetze‘, das auch vom Lehramt in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch angewendet wird“ – auf die Theorie des „kleineren Übels“. Weil einige politische Kräfte ein Referendum zur Freigabe des assistierten Suizids und der Tötung auf Verlangen betreiben, „scheint es dem Verfasser, dass die Unterstützung des Gesetzentwurfs nicht im Widerspruch zu einem verantwortungsvollen Streben nach dem möglichen Gemeinwohl steht.“

Schutz des Lebens

Als Reaktion auf Casalones Artikel nehmen in der italienischen Zeitung „Il Timone“ etwa 60 Lebensschutzverbände Stellung: Es sei „erstaunlich, dass eine als ,Echo des kirchlichen Lehramts‘ verstandene Publikation riskiert, Positionen einzunehmen, die vielleicht indirekt Teil der ,Wegwerfkultur‘ sind, deren negative Auswirkungen Papst Franziskus immer wieder anprangert“, heißt es in dem Beitrag, der insbesondere in angelsächsischen Medien aufgegriffen worden ist. Es sei verwunderlich, dass Pater Casalone den Gesetzentwurf nicht als „Euthanasie-Text“ beurteile, „obwohl jede einzelne Norm in diese Richtung geht, einschließlich derjenigen, die im Falle einer Weigerung des Arztes und des zuständigen Ausschusses festlegt, dass der Richter immer noch zugunsten des Todes entscheiden kann“. Darüber hinaus betonen sie, es sei der Eindruck zu vermeiden, einem etwaigen Referendum nachzugeben, „erst recht ehe sich das Verfassungsgericht über dessen Zulässigkeit entschiedet hat“.

Unabhängig von den Absichten des Verfassers werde die im Artikel bezogene Haltung „von den Befürwortern der ,staatlich anerkannten Tötung‘ positiv eingeschätzt“. Erforderlich sei es indes, „unter säkularen Gesichtspunkten, im Einklang mit der Anthropologie“ darauf hinzuweisen, „dass der Schutz des Lebens und die Unterstützung der Leidenden ein Kampf der Vernunft und der Zivilisation sind“. Dafür forderten die Verbände flächendeckende Palliativversorgung.

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