Ökumene

Landesbischof Meister bewertet Reformvorhaben als höchst  anspruchsvoll,  riskant und ehrgeizig

Ralf Meister und der Synodalen Weg. Der Landesbischof lehnt es ab, im Hinblick auf kirchliche Reformbewegungen von einer Avantgarde zu sprechen. In der Ökumene stocken die Gespräche.
Landesbischof Ralf Meister
Foto: Heiko Preller Landeskirche Hannover | Ralf Meister: "Von Schrittmachern oder einer Avantgarde zu sprechen, passt in Bezug auf kirchliche Reformbewegungen nicht."

Herr Landesbischof, Sie haben kürzlich Ihre Skepsis gegenüber kirchlichen Reformdebatten geäußert und darauf hingewiesen, dass der Mitgliederzulauf trotz Reformen in der lutherischen Kirche ausgeblieben ist. Welche Konsequenzen ziehen Sie für Ihre bischöfliche Amtsführung daraus?

In den Kirchen befinden wir uns seit vielen Jahren in Reformdebatten. Allerdings kann ich für meine Landeskirche sagen, dass wir bei unseren Reformanliegen vielleicht nicht immer konsequent genug gewesen sind. Jetzt haben wir in der Landeskirche Hannovers einen Prozess angestoßen, dessen Grundelement Partizipation ist: Die Wege für eine umfassende Reform werden nicht von Kommissionen und Arbeitsgruppen auf Leitungsebene entwickelt, sondern in breiter Beteiligung aller kirchlichen Ebenen. Als Landesbischof bin ich in erster Linie derjenige, der Menschen für diesen Prozess ermutigt und gewinnt. Nicht der Bischof gibt die Linie vor, denn der Auftrag, in dem wir Kirche gestalten, ist uns von Jesus Christus selbst gegeben.

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Wie bewerten Sie vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen die Reformbemühungen des Synodalen Wegs?

Der Synodale Weg hat eine internationale und eine nationale Dimension. Auf internationaler Ebene ist er für die katholische Weltkirche das entscheidende Reformprogramm und enthält den Anspruch, dass alle Teile der Weltkirche, die 4000 Bistümer der katholischen Kirche weltweit, Hochschulen, Orden und Laienbewegungen gemeinsam über den Weg der Kirche nachdenken, Veränderungsvorschläge einbringen und die entscheidenden Themenbereiche dabei selbst mitbestimmen.

Der nationale Synodale Weg der katholischen Kirche beschreibt den Reformbedarf der Kirche in den Handlungsfeldern Macht und Gewaltenteilung, priesterliche Existenz, Dienst der Frauen in den Ämtern der Kirche und die Sexualmoral. Ich bewerte dieses Reformvorhaben in nationaler und internationaler Dimension als höchst anspruchsvoll, riskant und ehrgeizig. Man kann um des ökumenischen Miteinanders der Kirchen willen auch aus protestantischer Sicht nur hoffen, dass der synodale Beratungsgang in der katholischen Kirche in Deutschland Erfolge zeitigt.

Mit großem Respekt und hoher Anerkennung sehe ich den Weg unserer Glaubensgeschwister. Die breite Beteiligung und die Kernthemen, unter denen die Debatten geführt werden, mit nachdenklichen und weitsichtigen Textentwürfen, werden, so hoffe ich, das Miteinander in der katholischen Kirche bereichern und verändern. Er wird Vertrauen aufbauen und zu einer Stärkung der Laien führen.

Sie kritisieren eine Tendenz zur Übersteuerung: Könnten Sie das an Beispielen veranschaulichen?

Wir tendieren als Institution dazu, dass wir zu viel regeln. Institutionen leben aus ihrer Bestandssicherung. Das ist ein Teil ihres Tuns. Doch so gewiss wir grundlegende Rahmenbedingungen brauchen, so kritisch müssen wir Verfahren und Ordnungen überprüfen, die das Miteinander erschweren, verzögern oder verhindern. Aber wir brauchen keine Rechtsvorschriften, die alles bis ins kleinste Detail regeln. Nur so viele Gesetze wie unbedingt nötig, und so viel Freiheit in der Gestalt des kirchlichen Lebens wie möglich.

"Die Lehrgespräche zwischen den Kirchen
stocken zurzeit auf nationaler und internationaler Ebene."

Wo sollten größere Freiräume gewährt werden?

Heute sieht unsere kirchliche Struktur in Niedersachsen von den Kasseler Bergen über den Harz bis zur Nordsee sehr ähnlich aus. Das wird in zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr der Fall sein. Wir benötigen unterschiedliche Konzepte, wie wir vor Ort als Kirche nah bei den Menschen sein können und zwar auch bei den Menschen, die wir aktuell wenig oder gar nicht im Blick haben. Und wie das gelingt, kann ich nicht in Hannover festlegen, sondern das muss vor Ort geschehen mit möglichst wenig Handlungsvorgaben durch eine übergeordnete Ebene. Und wir müssen unsere Strukturen flexibler machen für neue Formen von Gemeinden, die digitaler, ökumenischer oder internationaler sein werden als wir uns das heute vorstellen können.

Welchen Weg in der Ökumene halten Sie für vielversprechend?

Die Lehrgespräche zwischen den Kirchen stocken zurzeit auf nationaler und internationaler Ebene. Das merken wir in der Abendmahls- und auch in der Ämterfrage. Vielversprechend sind die gewachsenen ökumenischen Allianzen zwischen Diakonie und Caritas. Auch in Fragen der Frömmigkeit und der Spiritualität schauen wir auf eine tiefe ökumenische Vertrautheit. Bei Kirchentagen und auch in der Ökumene vor Ort kann manch dogmatischer Dissens die enge Verbundenheit nicht trennen. In Zeiten, in denen die Lehrökumene nur langsam vorangeht, ist es wichtig, die Partnerschaften vor Ort zu intensivieren und Kontakte nicht abreißen zu lassen. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands hält auch in Zeiten der Pandemie engen Kontakt zur Deutschen Bischofskonferenz und auch zum Einheitsrat in Rom. Deshalb waren wir auch im Sommer beim Einheitsrat und haben bewährte Kontakte erneuert. Gelebte Ökumene ist nicht nur Begeisterung, sondern eine geistliche Verpflichtung. Wir leben in der Verheißung in Christus eins zu sein. Das tröstet besonders dann, wenn Ökumene manchmal mühsames Handwerk ist.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hat die katholische und evangelische Kirche kürzlich zur gegenseitigen Anerkennung von Ämtern, Eucharistie und Abendmahl aufgerufen: Wie bewerten Sie diesen Vorstoß?

Ich begrüße die Äußerungen sehr. Im Zusammenhang mit den ökumenischen Projekten, die im Rahmen des Reformationsjubiläums 2017 in den Blick genommen wurden, hat auch der Präsident des Einheitsrates, Kurt Kardinal Koch, eine gemeinsame Erklärung zu Kirche, Eucharistie und Abendmahl in den Blick genommen. Auch wenn dieses Vorhaben zurzeit auf nationaler und internationaler Ebene stockt, ist es nur zu begrüßen, dass auch aus dem Kreis der Deutschen Bischofskonferenz diese dringende Aufgabe in Erinnerung gerufen wird. Verständigungen in wichtigen Lehrfragen helfen in pastoralen Fragen. Wenn wir in der Ämterfrage und der Abendmahlsfrage weiterkommen, können wir gerade auch für die konfessionsverbindenden Ehen und Familien viel tun. Dieses Thema bewegt mich sehr.

"Von Schrittmachern oder einer Avantgarde zu sprechen,
passt in Bezug auf kirchliche Reformbewegungen nicht."

Sie erwähnten kürzlich Ihre "interessanten, aber ernüchternden" Gespräche im Vatikan? Darf ich nachfragen: Warum waren Sie ernüchtert?

Bei meinem Besuch in Rom gab es vielfältige Begegnungen. In Gesprächen mit Vertretern des Vatikans lag ein Schwerpunkt in der Frage, wie der Weg für konfessionsverbindende Ehen zum Abendmahl geöffnet wird. Wir skizzierten die besondere Situation und Not in Deutschland. Dieses Gespräch darf nicht abreißen, auch wenn bei zentralen theologischen Themen noch keine Übereinstimmungen erzielt worden sind. Zu sehen, dass wir da noch einige Zeit brauchen werden, bis wir zueinanderkommen das war schon ernüchternd.

Wie realistisch ist die in Deutschland des Öfteren in Kirchenkreisen anzutreffende Selbsteinschätzung, ein Schrittmacher beziehungsweise eine Avantgarde für Reformen der weltweiten Christenheit zu sein?

Von Schrittmachern oder einer Avantgarde zu sprechen, passt in Bezug auf kirchliche Reformbewegungen nicht. Ich denke, so, wie wir auch bei den Reformen in unserer Landeskirche darauf schauen, was es für Konzepte für die Kirche vor Ort braucht, so gilt es das auch im globalen Maßstab anzulegen. Kirche verändert sich weltweit. Sie bringt Menschen die Botschaft von Rettung und Heil in Jesus Christus. Die betenden und helfenden Hände sind ihr Zeugnis. So lässt sie sich vollständig auf die Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten ein. Die äußere Gestalt der Kirche ist weltweit sehr unterschiedlich. Und, Gott sei s gedankt, haben gerade die Kirchen im Norden von den Christinnen und Christen auf der Südhalbkugel in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel gelernt.

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