Krautwaschl: „Kraftvolle Kirche braucht Erneuerung“

Die Diözese Graz setzt auf neue Formen von Kirche-Sein, vielfältige Berufungen und differenzierte Leitungsmodelle. Von Stephan Baier

Graz (DT) Wenige Wochen vor ihrem 800-Jahr-Jubiläum hat sich die Diözese Graz-Seckau ein „Zukunftsbild“ gegeben, das laut Diözesanbischof Wilhelm Krautwaschl „wesentliche Wegmarkierungen für die Katholische Kirche in der Steiermark“ zeigt und Elemente beschreibt, „für das Leben der Kirche, wie sie in 20 Jahren sein kann“. Dieses Zukunftsbild solle helfen, „in einem weiteren Schritt klare Ziele zu formulieren, unsere Ressourcen neu zu ordnen und verantwortungsvoll einzusetzen“, so Krautwaschl, der überzeugt ist, dass „eine kraftvolle Kirche“ Erneuerung braucht. Diese wachse im Gebet, in der Hinwendung zu Gott und im Blick auf den Auferstandenen, meint der steirische Diözesanbischof.

Dem am ersten Adventsonntag veröffentlichten Zukunftsbild ging eine breite Konsultation voraus, an der sich mehr als 2 600 Christen beteiligten. Es beginnt mit einer theologischen Klarstellung: Wie in einem Brennpunkt ist das, was die Kirche ausmacht, gesammelt in der Feier der Eucharistie. Daraus lebt die Kirche.“ Die Feier der sonntäglichen Eucharistie werde als Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens in jedem Seelsorgeraum gewährleistet. Jesus und seine Botschaft seien für die Kirche immer „Vor-Gabe, das Geschenk und die dauernde Aufforderung zu einer grundlegenden Neuorientierung“. In Anlehnung an die Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanums heißt es im Zukunftsbild, die Kirche nehme „die Menschen in ihren Lebenswirklichkeiten, in ihrer Sehnsucht nach einem geglückten Leben und in ihren Fragen ernst“. Die Diözese Graz-Seckau will sich „kontinuierlich mit Trends und Entwicklungen in unserem gesellschaftlichen und lokalen Umfeld sowie in Technik und Wirtschaft“ auseinandersetzen. Die Seelsorgeräume sollen sich am Lebensraum der Menschen orientieren.

Neue Erfahrungsräume von Kirche fördern

Blindem Aktionismus erteilt das Zukunftsbild eine Absage. Stattdessen soll es in jedem Seelsorgeraum Menschen geben, die „andere kompetent in der Lebensgestaltung aus dem Glauben begleiten“, sich aber auch „in ungewohnte, fremde, nicht vertraute Lebensräume“ vorwagen. Man wolle in der Steiermark „Kirche bewusst auch in neuen Formen und Weisen leben und neue Erfahrungsräume von Kirche fördern“, heißt es in dem Papier. In solchen Erfahrungsräumen, die als „Kirchorte“ bezeichnet werden, sollen Menschen Stärkung finden und die Nähe Gottes erfahren. Wörtlich heißt es im diözesanen Zukunftsbild: „Wir schaffen Rahmenbedingungen und Organisationsstrukturen, damit traditionelle und neue Formen von Kirche-Sein sich entwickeln, sich entfalten und voneinander lernen können.“ Es sollten „neue Kirchorte“ initiiert werden, „wo innovative, selbstorganisierte Formen des Kirche-Seins mit und für Menschen, die bisher nicht regelmäßig am kirchlichen Leben teilgenommen haben, erprobt, geprüft und implementiert werden“. Diese „Kirchorte“ entstehen offenbar von unten, können unterschiedliche Formen haben und sollen „in großer Selbstständigkeit“ handeln. Es ist aber doch zugleich auch eine kirchliche Beauftragung vorgesehen.

Die Diözese Graz-Seckau will vielfältige Formen von Berufungen fördern. Ausdrücklich wird jedoch klargestellt: „Die Kirche in der Steiermark braucht den unverzichtbaren Dienst von Priestern und Diakonen und fördert ein Klima, in dem diese Berufungen wachsen können.“ Der Dienst der Orden und geistlichen Gemeinschaften für Kirche und Gesellschaft wird ausdrücklich gewürdigt. Zugleich soll der Blick geweitet werden: „Gott schenkt seiner Kirche die Fülle an Berufungen, die sie braucht.“ In der Zukunft werde die Kirche „maßgeblich von Ehrenamtlichen und freiwillig Engagierten gestaltet“. In Graz stellt man sich darauf ein, dass sich die Rollenbilder und Aufgaben der Hauptamtlichen verändern. Diese sollten „geistliche Menschen und theologisch kompetent“ sein, und zugleich Raum für pastorale Initiativen geben: „Priester, Diakone und hauptamtliche Laien stehen im Dienst derer, die das Leben und die Pastoral der Kirche tragen.“

Die geistliche Leitung bleibt beim Priester

Der Begriff der „Leitung“ umfasse geistliche, sakramentale, pastorale, organisatorische und ökonomische Aspekte. So verstanden strebt die steirische Diözese nach Formen geteilter Leitung „von Haupt- und Ehrenamtlichen, von Frauen und Männern, die Kirche vor Ort gestalten und verantworten“. Auf allen Ebenen sollten „unterschiedliche Leitungsmodelle“ entwickelt und erprobt werden. Ausdrücklich heißt es im Zukunftsbild: „Die geistliche und sakramentale Leitung eines Seelsorgeraumes – die Ausrichtung der Kirche auf Christus, an seinem Dienst, an seiner Liebe, an seiner Hingabe – ist einem Priester anvertraut.“

Die Diözese Graz-Seckau will „eine Kultur des verantwortungsvollen Experimentierens“ leben, allerdings mit einem klaren Ziel: „damit das Evangelium so verkündet werden kann, dass es die Menschen erreicht und bewegt“.

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