Frankreich

Kirche Frankreichs: Von einer Krise in die nächste

Die Selbstanzeige des Kardinals Jean-Pierre Ricard wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen überschattet die Kirche Frankreichs.
Missbrauchsfälle katholische Kirche - Frankreich
Foto: Charly Triballeau (AFP) | Eric de Moulins-Beaufort (MItte), Erzbischof von Reims und Präsident der französischen Bischofskonferenz, während der Pressekonferenz zum Abschluss der Vollversammlung der französischen Bischöfe am Dienstag.

Selten hat eine bischöfliche Vollversammlung einen derart dramatischen Verlauf genommen. Während die französischen Bischöfe noch ganz im Zeichen der Enthüllungen um die Missbrauchstaten des emeritierten Bischofs von Créteil, Michel Santier, vom 3. bis zum 8. November in Lourdes tagten, erschütterte bereits der nächste Skandal die Kirche Frankreichs. In einem Brief an seine Mitbrüder hat sich der französische Kardinal Jean-Pierre Ricard wegen „verwerflichen Verhaltens“ gegenüber einer Minderjährigen selbst angezeigt. Wörtlich schrieb der Kardinal in der am Montag durch den Vorsitzenden der Bischofskonferenz verlesenen Mitteilung: „Vor 35 Jahren habe ich mich als Pfarrer gegenüber einem vierzehnjährigen Mädchen verwerflich verhalten. Mein Verhalten hat bei dieser Person zwangsläufig zu schweren und dauerhaften Folgen geführt. Ich habe mit ihr darüber gesprochen und sie um Vergebung gebeten.“ Er habe sich dazu entschlossen, nicht länger zu schweigen und sich der zivilen und kirchlichen Justiz zu stellen. „Dieser Schritt ist schwierig, aber an erster Stelle stehen das Leid, das die Menschen als Opfer erfahren haben, und die Anerkennung der begangenen Taten“, so Ricard, der von 2001 bis 2007 den Vorsitz der französischen Bischofskonferenz innehatte.

Kardinal Jean-Pierre Ricard ist einer der sechs französischen Kardinäle der katholischen Kirche. 2006 hat der damalige Papst Benedikt ihm die Kardinalswürde verliehen. 2019 nahm Papst Franziskus seinen Rücktritt als Erzbischof von Bordeaux aus Altersgründen an. Kardinal Ricard ist Mitglied der Glaubenskongregation und hat noch im August am Kardinalskonsistorium in Rom teilgenommen.

Vorermittlungen wegen schwerer sexueller Belästigung

Wie die Staatsanwaltschaft in Marseille am Dienstag mitteilte, hatte der Bischof von Nizza Jean-Philippe Nault am 24. Oktober die Staatsanwaltschaft informiert. Die Behörde hat nun Vorermittlungen wegen schwerer sexueller Belästigung gegen den Kardinal eingeleitet. Nachdem sich die Eltern der Betroffenen bereits im Februar an den Bischof von Nizza gewandt hatten, habe Jean-Pierre Ricard gegenüber Nault zugegeben, die damals Vierzehnjährige „geküsst“ zu haben, so die Mitteilung der Staatsanwaltschaft. Anzeige wurde bisher nicht erstattet. Die Voruntersuchung soll neben dem genauen Zeitpunkt und den Umständen der Tat auch feststellen, ob es weitere Betroffene gibt.

Ebenfalls am Dienstag gab der Vorsitzende der französischen Bischofskonferenz Eric de Moulins-Beaufort bekannt, dass auch er seit Februar von dem Fall wisse und in engem Kontakt mit der Betroffenen stehe. Eine Vertuschung könne er hierin nicht erkennen, da unter anderem auch seine Bemühungen zur Meldung an die Staatsanwaltschaft und zum Geständnis des Kardinals geführt hätten, so Moulins-Beaufort.

Mit Kardinal Ricard steigt die Zahl französischer Bischöfe, die wegen Vertuschung oder sexuellen Missbrauchs Gegenstand einer kirchen- oder strafrechtlichen Untersuchung sind oder waren, auf elf. Dazu gehört auch Kardinal Barbarin, der 2020 von dem Vorwurf der Vertuschung freigesprochen wurde. Namentlich bekannt sind acht der elf Bischöfe, von denen keiner mehr im Bischofsamt und einer verstorben ist. Gegen drei weitere emeritierte Bischöfe laufen kirchen- und/oder zivilrechtliche Untersuchungen. Namen und Details sind der Öffentlichkeit unbekannt. Auf wiederholte Nachfrage erklärte Moulins-Beaufort auf der Pressekonferenz zum Abschluss der Herbst-Vollversammlung, dass die Identität dieser drei Bischöfe unter das Untersuchungsgeheimnis falle. Wörtlich sagte er: „Wenn der betreffende Staatsanwalt sprechen möchte, kann er das tun. Es ist aber sicherlich nicht meine Aufgabe, Informationen darüber preiszugeben, ich bin nicht der Staatsanwalt der Kirche von Frankreich.“

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Kundgebungen in mehreren Diözesen

Bereits vor der Vollversammlung der Bischöfe hatte sich die Empörung unter französischen Gläubigen an vielen Orten Frankreichs Luft gemacht. Die Laien-Initiative „Agir pour notre Eglise“ (Handeln für unsere Kirche), die sich in Reaktion auf die Veröffentlichung des CIASE-Berichts als Kollektiv von Gläubigen aller Couleur gegründet hat, veranstaltete Kundgebungen in mehreren Diözesen. Unter dem Hashtag #SortonsLesPoubelles (Bringen wir den Müll raus) solidarisierten sich zahlreiche Gläubige und Priester über die sozialen Medien mit der Initiative.

In Reaktion auf die jüngsten Vorgänge haben die Bischöfe auf ihrer Vollversammlung die Einrichtung eines nationalen Aufsichtsrats entschieden, der Bischöfe begleiten soll, die eine Anzeige gegen einen Amtsbruder erhalten. Der Aufsichtsrat heißt „Vos estis lux mundi“ in Anlehnung an das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus von 2019 zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Eine Delegation der französischen Bischöfe wird außerdem in Kürze nach Rom reisen, um im Gespräch mit der Glaubens- und der Bischofskongregation die Prozeduren im Fall eines Verfahrens gegen einen Bischof zu verbessern. Während des Treffens tauschten sich die Bischöfe auch zur Anwendung von „Traditiones Custodes“ aus. Über einen Brief von Kardinalstaatssekretär Parolin hatte Papst Franziskus die französischen Bischöfe vor ihrem Treffen zur „größtmöglichen Fürsorge und Väterlichkeit“ gegenüber den Gläubigen eingeladen, die das Motu Proprio verunsichert habe. Zum Abschluss ihrer Vollversammlung veröffentlichten die Bischöfe außerdem zwei Briefe an die Gläubigen Frankreichs, einen zu den Fällen Santier und Ricard, sowie einen weiteren zum Thema des assistierten Suizids, der Gegenstand eines aktuell laufenden Bürgerkonvents ist.

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