Keim späterer Erneuerung

Ein Symposium in Rom beleuchtet das Wirken des „deutschen“ Papstes Hadrian VI. Von Guido Horst
Hadrians Einzug in Rom, Grabdenkmal des flämischen Papstes in Santa Maria dell'Anima
Foto: Archiv | Hadrians Einzug in Rom, dargestellt auf dem Grabdenkmal des flämischen Papstes in Santa Maria dell'Anima, der Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom.
Hadrians Einzug in Rom, Grabdenkmal des flämischen Papstes in Santa Maria dell'Anima
Foto: Archiv | Hadrians Einzug in Rom, dargestellt auf dem Grabdenkmal des flämischen Papstes in Santa Maria dell'Anima, der Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom.

Rom (DT) Am alten Pilgerweg vom Stadttor im Norden Roms – da, wo heute die Piazza del Popolo liegt – zur Engelsbrücke und zum Vatikan gelegen, ist die „Anima“ ein ganz natürlicher Anlaufpunkt für Rombesucher aus dem „germanischen Norden“. Das architektonische Juwel Santa Maria dell'Anima direkt hinter der Piazza Navona bildet das Kernstück des „deutschen Stützpunkts“ in der Stadt der Päpste – und das schon seit dem vierzehnten Jahrhundert. Sie ist die Kirche der deutschsprachigen Katholiken in Rom. Und auch ein Priesterkolleg sowie ein Zentrum für die Pfarr- und Pilgerseelsorge gehören dazu. Der Pfarrer beziehungsweise Rektor der „Anima“ ist in der Regel ein Deutscher oder Österreicher. Derzeit amtet dort Franz Xaver Brandmayr aus Wien. Alten Privilegien zufolge hat er nur noch den Papst über sich.

Wer die Kirche oder die deutschsprachigen Gottesdienste in ihr besucht, sieht meistens nichts von der Sakristei, einem weiteren Prachtstück der „Anima“. Doch genau die war jetzt Anlass für eine doppelte Feier: Ein Violinkonzert Anfang November und jetzt ein kleines Symposium über Hadrian VI., den Papst, der in der Anima-Kirche begraben ist. Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Renovierung der Sakristei im Juni dieses Jahres abgeschlossen werden konnte. 1635 bis 1643 hatte man an ihr gebaut, die von Anfang an als Versammlungsort und Repräsentationsbau dienen sollte. Und so fand auch das Hadrian-Seminar am vergangenen Mittwoch in ihr statt.

Schon das Bildprogramm der Sakristei zeigt, dass sie etwas mit den Päpsten nördlich der Alpen zu tun hat. Die Bilder der prächtigen Ausgestaltung zeigen Maria und die „deutschen“ Päpste in Rom: Gregor V., Clemens II., Damasus II., Leo IX., Viktor II. und schließlich Hadrian VI., der kein Deutscher war, aber aus dem Heiligen Römischern Reich Deutscher Nation stammte, aus dem Herzogtum Brabant nämlich, womit er für die Römer ein „flamingo“ ist, ein Flame.

Kurzes Pontifikat in der Reformationszeit

Unter Szenen aus dem Marienleben – vor allem dem Gemälde „Die heilige Anna unterweist die Jungfrau Maria“ über dem Altar – und einem aus zwanzig Symbolen bestehenden marianischen Zyklus, der die Reinheit der jungfräulichen Mutter darstellen sollte, erinnerten vier Vortragende an den Papst zu Luthers Zeiten, der nebenan, auf seinem Grabdenkmal im Innenraum der Kirche, als sanft schlafender und träumender Papst auf dem Deckel eines Sarkophags dargestellt ist. Aber schon die Inschrift darunter will andeuten, dass Hadrian kein sanfter Träumer war. „Ach, wie viel hängt davon ab, in welche Zeit auch des besten Mannes Wirken fällt“, steht dort mit einem Wort des Plinius geschrieben – und die Zeiten damals waren alles andere als rosig.

Hadrian, mit bürgerlichem Namen Adriaan Florisz Boeyens und 1459 in Utrecht geboren, war gar nicht in Rom und nicht im Konklave, als ihn am 9. Januar 1522 ganze 39 Kardinäle zum Nachfolger Leos X. wählten. Der flämische Kardinal weilte da als ehemaliger geistlicher Erzieher Karls V. und Bischof von Tortosa in Spanien, womit die Schwierigkeiten begannen. Wie der in Rom wirkende Kirchenrechtler Markus Graulich, von dem bald eine umfangreiche Hadrian-Biografie erscheint, in seinem Referat erwähnte, war es ein Ziel des flämischen Papstes, die Rivalen Karl V. und dessen französischen Widersacher Franz I. gegen die Türken unter ihrem Herrscher Süleyman I. zu einen. So durfte der Gewählte weder durch französisches Gebiet reisen noch die Flotte Karls V. nutzen. Streng auf Unparteilichkeit bedacht dauerte es also ein halbes Jahr, bis Hadrian VI. schließlich in Rom eintraf. Da hatte er als Papst gerade noch ein Jahr.

Schon bei seinem Amtsantritt benannte er in klaren Worten die größten Herausforderungen seines Pontifikats: Die Abwehr der türkischen Expansion und die Reform der Kirche. Vor dem Reichstag in Nürnberg räumte er Ende 1522 durch seinen Gesandten Francesco Chieregati freimütig Versäumnisse und Fehler ein: „Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom Wege abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat.“ Erzbischof Willem Eijk von Utrecht, einer der Referenten des Symposiums, legte dar, dass die Bemühungen Hadrians VI. um eine grundlegende Reform der damals stark verweltlichten Kurie und eine geistliche Erneuerung der Kirche aus langfristiger Sicht keineswegs gescheitert seien. Zu Hadrians Lebzeiten sei diesen Anliegen zwar kein Erfolg beschieden gewesen. Hadrian habe jedoch, so Eijk, den Keim für eine spätere Erneuerung der Kirche in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, der sogenannten Gegenreformation, gelegt. Graulich meinte sogar, dass die pastorale Sichtweise des Papsttums, wie sie Hadrian gezeigt habe, erst im zwanzigsten Jahrhundert wirksam geworden sei.

Papst Hadrian starb am 14. September 1523 in Rom. Die Fülle der Aufgaben und der Mangel an Mitarbeitern, so Graulich, hätten es nicht zugelassen, dass dieses kurze Pontifikat reiche Früchte trug. Aber die tiefe Frömmigkeit und das ernste Bemühen um Reformen machten den Flamen zu einem Vorbild für die ganze Kirche, sagte Rektor Brandmayr am Ende des Studientags, weshalb die Bruderschaft der „Anima“ im kommenden Jahr Schritte unternehmen wolle, um ein Seligsprechungsverfahren für Hadrian VI. zu eröffnen.

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