Katholischer Publizist im Widerstand

Pater Friedrich Muckermann SJ – Ein Verteidiger der Weimarer Republik, entschiedener NS-Gegner und seine antiliberale Deutung des Nationalsozialismus. Von Wolfram Ender
Friedrich Muckermann SJ
Foto: IN | Der Jesuit Friedrich Muckermann SJ leistete als Publizist Widerstand im Nationalsozialismus.

Trotz anfänglicher Täuschungen durchschaute der Jesuitenpater Friedrich Muckermann das Totalitäre im Nationalsozialismus und bekämpfte ihn. Das Nein zu Demokratie und Liberalismus, das nationalkonservative Katholiken mit den Nationalsozialisten teilten, machte diese anfällig für den Nationalsozialismus. Diese konservativen Katholiken erstrebten keine totalitäre Diktatur wie die Nationalsozialisten, sondern den Ständestaat. Doch zeigt sich an Personen wie Martin Spahn und Franz von Papen, die später von den Nationalsozialisten kaltgestellt wurden, dass die Einsicht in die Unvereinbarkeit von antidemokratischem Konservatismus und Nationalsozialismus eher von den Nationalsozialisten ausging als von ihren konservativen Mitläufern und Kritikern.

Die antidemokratischen Konservativen lehnten Volkssouveränität und Liberalismus – kurz: „die Ideen von 1789“ – ab und zwar so sehr, dass, wenn sie sich enttäuscht vom Nationalsozialismus abwandten, sie ihn als Ausgeburt der westlichen Demokratie und des Liberalismus umdeuteten. Und um die Verwirrung zu steigern: Die Nationalsozialisten bekämpften zwar den Liberalismus, vertraten aber einen antiwestlichen Demokratiebegriff. Goebbels sprach von der „germanischen Demokratie“, von Hitler hieß es, er verkörpere die Identität von Führer und Volk.

Jesuit, Vortragsreisender, Publizist

Wegen seines Antiliberalismus hatte auch der der modernen Gesellschaft zugewandte, eher „linke“ Zentrumsanhänger und NS-Gegner Pater Friedrich Muckermann SJ zunächst Schwierigkeiten, eine klar ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus einzunehmen. Der Sohn eines Schuhmachers, geboren am 17. August 1883 in Bückeburg – ins heutige Jahr 2018 fällt sein 135. Geburtstag – war ungeheuer produktiv als Vortragsreisender und Publizist. Mit 16 Jahren trat Muckermann dem Jesuitenorden bei – in Holland, denn in Deutschland war der Orden damals verboten. Noch während seiner Studienzeit unterrichtete er an Kollegien in Österreich und Dänemark. Den Neugeweihten schickte man damals als Geistlichen an die Ostfront. Nach Ende des Ersten Weltkriegs inhaftierten ihn Bolschewisten in Wilna, wo er verblieben war, um eine Jesuiten-Niederlassung einzurichten. Frei kam er, weil ihn die polnische Regierung gegen den Komintern-Funktionär Karl Radek austauschte. Die Erlebnisse in den Gefängnissen von Smolensk und Minsk lösten Muckermanns Kampf gegen den Bolschewismus aus. Für Muckermann war klar, dass Bolschewismus mehr war als eine sozialreformerische Bewegung. „Das Wider Gott ist ihre innerste Seele, ist ihr eigentliches Ziel“, schrieb er 1920 in der Schrift „Wollt ihr das? Wie ich den Bolschewismus in Rußland erlebt habe“. Der Jesuitenorden stellte Muckermann zur publizistischen Arbeit frei. Ab 1923 baute er in Münster unter dem Namen „Katholische Korrespondenz“ eine Presseagentur auf. Dort veröffentlichte er Hunderte von Aufsätzen, schrieb Bücher mit Titeln wie „Das geistige Europa“, „Der Mönch tritt über die Schwelle“ oder „Goethe“ (1931), ein Buch, das ihm die Goethe-Medaille der Stadt Frankfurt einbrachte und in dem er die aus seiner Sicht tiefe christliche Bindung des größten deutschen Dichters aufzeigte. Denn Muckermann setzte sich in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der Gral“ für hochwertige katholische Literatur ein. Aller-dings stieß sein Goethe-Buch wegen der positiven Würdigung des Dichters in kirchlichen Kreisen auf Ablehnung.

Doch immer stärker rückte der weltanschauliche Kampf in den Vordergrund. Nicht Kommunismus oder Kapitalismus, sondern ein christlicher Solidarismus könne die Krise seiner Zeit lösen, war Muckermann überzeugt, seien doch die „Ismen seiner Zeit auch eine Folge der wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Industriezeitalters“ so sein Biograf Hubert Gruber in einem 1996 erschienenen Aufsatz.

Muckermanns Urteil über den Nationalsozialismus schwankte. Noch war die NSDAP nur eine Splitterpartei und Hitler ein gescheiterter Putschist, da schrieb er 1923: „Wenn einer käme, der es verstände, das Nationale und das Soziale in eine neue Einheit zu binden, darauf dann das Programm der Zukunft zu bauen, ein solcher Mann könnte Wunder wirken in Deutsch-land.“ Ein Jahr später dagegen warnte Muckermann, mit dem „Münchener Nationalsozialismus“, den „Wotansleuten“, dränge eine Bild- und Gedankenwelt in unsere Jugend hinein, die jegliches Christentum im Keime ersticken muss“. 1930, nach dem erdrutschartigen Wahlsieg der NSDAP am 14. September, nannte Muckermann den Nationalsozialismus „ein von der augenblicklichen Schwäche des Parlamentarismus profitierendes Narkotikum der Verzweifelnden“. In dem Aufsatz „Gebildete Katholiken und Nationalsozialismus“ machte er „unvereinbare Gegensätze zur Rassenethik des Nationalsozialismus“ aus, der, so in einem weiteren Artikel, als „nationalsozialistischer Bolschewismus ebenso gottlos wie Faschismus und Kommunismus“ sei. Anders dagegen der 1931 erschienene Aufsatz „Nationalsozialismus und Christentum“: Hitler sei als Erbe des Liberalismus mit seinem Totalitätsanspruch und seinen antireligiösen Rasseideen abzulehnen, seine Bewegung werde im Bolschewismus enden, hieß es dort einerseits, andererseits wurde dazu appelliert, „liebevoll“ den „gesunden Kern“ in Hitler, den „idealen Teil“ im Programm zu suchen, nämlich das „Naturhafte“, „Organische“, das „lebendige Volkstum“. Verklausuliert hieß es im Resumee: „Wir stehen dem Gesagten zufolge nicht an zu behaupten, dass die Hitlersche Lebensauffassung und der Katholizismus nicht vereinbart werden können.“ Eine Ablehnung ohne Wenn und Aber war dagegen der Aufsatz „Die Häresie des 20. Jahrhunderts“. Dort verwarf Muckermann Bolschewismus und Nationalsozialismus als „echte Söhne des Liberalismus“ und „Produkte eines brutalen Rationalismus“. In seinem 1931 in der „Essener Volkszeitung“ erschienenen Aufsatz „Die positive Überwindung des Nationalsozialismus“ sprach Muckermann dagegen von einer „Pflicht“, mit Hilfe der „edlen und vornehmen“ Nationalsozialisten den Nationalsozialismus und „alles Gute in ihm“ durch christliche Ideen zu „erlösen“ – um in der Schrift „Um das Schicksal der Nation“ dem Nationalsozialismus wieder „Totalität“ und „Nationalbolschewismus“ vorzuwerfen. „Unbegreiflich“ sei es, dass sich das katholische Volk „bis in sehr hohe Stellen hinein so gründlich über den Charakter der Bewegung zu täuschen scheint“. Und im Januar 1932 listete er im „Gral“ die Verwüstungen von Synagogen und Friedhöfen auf und bezeichnete es als „christliche, menschliche und deutsche Pflicht“, der Hetzjagd auf jüdische Mitbürger entgegenzutreten.

Nach Hitlers Machtantritt gewann wieder eine optimistischere Sicht die Oberhand. Muckermann meinte, christlicher Einfluss könne den Nationalsozialismus verändern, so in dem Artikel „Die Würfel sind gefallen“, der drei Tage nach Annahme des Ermächtigungsgesetzes (24. März 1933) erschien. Unter dem Eindruck der Rede Hitlers forderte Muckermann die Bischöfe auf, ihre Position zum Nationalsozialismus zu überdenken; Hitler wolle den christlichen Konfessionen die Hand zur Zusammenarbeit reichen. Muckermann bezeichnete Hitler als Staatsmann, meinte, achtzig Prozent seiner Rede „hätten auch aus Brünings Mund kommen können“ und schloss mit den Sätzen: „Hitlers Worte zwingen uns nicht zu einer Revision unserer Anschauungen, sondern sie geben uns im Gegenteil, falls ihnen wirklich die Tat folgt, durchaus Möglichkeiten, unsere Ideen vom Aufbau der Nation und von der Erneuerung der Gesamtkultur mit erneuter Kraft durchzuführen. Auf eine solche Weise würdigen wir des Kanzlers Worte mit vollkommener Loyalität, aber auch mit katholischem Stolze.“ Was wie eine Loyalitätserklärung klang, wurde im Lagebericht des Chefs des Sicherheitshauptamtes des Reichsführers SS vom Mai/Juni 1934 aber keineswegs so aufgefasst, sondern als „Frontstellung zum Nationalsozialismus“. Diese Frontstellung wird durch Muckermanns Kritik am Reichskonkordat (20. Juli 1933) bestätigt.

Klares Nein zu religiösem Anspruch der Nazis

Muckermanns Urteil über Wandlungsmöglichkeiten des Nationalsozialismus änderte sich nach einer Begegnung mit Heinrich Brüning Anfang September 1933 sowie nach dem Reichsparteitag der NSDAP, so Johannes Schwarte 2006 in der Zeitschrift „Neue Ordnung“. Hubert Gruber, der Biograf Muckermanns, schrieb dazu: „Eher graduell, so, als müsste er anfangs noch innerlich gegen die bittere Wahrheit ankämpfen, steigerten sich nun seine Artikel zu einer vehementen Abrechnung mit dem Nationalsozialismus, wobei es weniger gegen den neuen Staat nationalsozialistischer Prägung ging, sondern vielmehr um den totalitären Anspruch der nationalsozialistischen Ideologie. So wehrte sich Muckermann in der Reihe „Der Christ in der Zeit“ gegen „arge Missverständnisse“ von nationalsozialistischer Seite und wollte den Nationalsozialismus sozusagen gegen dessen Willen dazu bringen, das Christentum als beste „arteigene“ Religion zu akzeptieren – um im Juni 1934 im „Gral“ unter dem Titel „Pompa diaboli“ („Prunk des Teufels“) jene anzuklagen, die sich der Faszination des Nationalsozialismus nicht entziehen wollten oder konnten. Das waren lebensgefährliche Sätze im Sommer 1934, als Hitler am 30. Juni die SA-Spitze rund um Ernst Böhm und politische Gegner auch aus dem Katholizismus und dem konservativen Lager ermorden ließ, wie Edgar Julius Jung, den Berater Vizekanzlers von Papen und Verfasser von dessen NS-kritischer Marburger Rede vom 17. Juni 1934. Muckermann floh in die Niederlande. Dort gab er in Oldenzaal die katholische Emigrantenzeitschrift „Der deutsche Weg“ heraus, die in vierzig Ländern gelesen wurde. Muckermanns Dilemma gegenüber dem Nationalsozialismus zeigt exemplarisch die 1934 erschienene Exilschrift „Deutschland … Wohin? Der Nationalsozialismus, eine religiöse Erscheinung“. Als erstes zeigt die Schrift: Muckermanns „klares, eindeutiges, kompromissloses Nein“ richtete sich gegen den religiösen Anspruch des Nationalsozialismus.“ Muckermanns Protest kam den Nationalsozialsten gerade recht, um den Jesuitenorden stärker zu bedrängen. 1935 wurde er vom Ordensgeneral nach Rom und im Sommer 1936 zu den „Lettres de Rome“ berufen, die über die bolschewistische Gefahr aufklären sollten. Als seine Versuche scheiterten, die Zielsetzung der „Lettres“ um den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu erweitern, zog er im Oktober 1937 um nach Wien. Dort versuchte Muckermann über Kontakte zu Bundeskanzler Schuschnigg und dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten Benes eine Koalition aus Österreich, Ungarn und der Tschechoslowakei zustande zu bringen, um Österreichs Unabhängigkeit zu retten. Später floh er nach Paris. Unermüdlich schrieb und warnte er, hielt im französischen Radio viel beachtete Ansprachen. Als die Deutschen in Paris einmarschierten, ging er in den unbesetzten Teil Frankreichs. 1943 floh er in die Schweiz. Dort musste sich Muckermann einschneidenden Beschränkungen seiner Bewegungs- und Redefreiheit unterwerfen. Zurückgezogen verfasste er zwei Werke; das eine galt der christlichen Deutung des technischen Zeitalters, das andere dem russischen Theosophen Wladimir Sergejewitsch Solowjew, der 1896 im Geheimen zur katholischen Kirche übertrat. Schließlich wurde Muckermann schwer krank, Mit 63 Jahren starb er am 2. April 1946 in Montreux am Genfer See. Muckermann gibt Anlass, über das auch heute umstrittene Verhältnis von Kirche und Politik nachzudenken. Was kann Muckermanns Schicksal uns Heutigen bedeuten, die wir in einer freiheitlichen Demokratie leben? Muckermann machte sich nicht beliebt bei der Amtskirche und in seinem Orden, deren Zurückhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus er kritisierte und die ihn ihrerseits zur Zurückhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus drängten.

Und heute? Mischt sich die Kirche zu viel oder zu wenig in die Politik sowohl in Diktaturen als auch in Demokratien ein? Wird Muckermanns mutiger, tapferer Kampf gegen die NS-Diktatur dadurch entwertet, dass sein antiliberales Verständnis der Weimarer Demokratie ihm anfangs das Urteil trübte? Ins Politische gewendet: Ist Demokratie mit Antiliberalismus vereinbar, wie dies der ungarische Ministerpräsident Orban vertritt? Die Antwort sei dem Leser überlassen, nachdem dieser darüber nachgedacht hat, dass auch katholische Sozialisten und NS-Gegner wie Walter Dirks, der zusammen mit Eugen Kogon nach 1945 in den „Frankfurter Heften“ Adenauers Politik als „restaurativ“ verurteilte, nach Hitlers Regierungsantritt 1933 in der zweiten Jahreshälfte in der „Rhein-Mainischen Volkszeitung“ seine Hoffnung bekundete, Hitler würde einen „deutschen Sozialismus“ verwirklichen. Eines scheint sicher zu sein: Eine Gesamtwürdigung des Verhältnisses von katholischer Kirche und Nationalsozialismus ist nicht möglich, ohne die besondere Rolle einzubeziehen, die Muckermanns Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dabei gespielt hat. Dies gilt auch, obwohl der Kampf des Emigranten Muckermann gegen den Nationalsozialismus weniger bekannt ist als derjenige seiner Ordensbrüder Alfred Delp und Rupert Mayer, die in Deutschland verfolgt oder ermordet wurden.

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