Bildung

Katholische Schulen erleben keinen Schwund

Anhaltender Boom bei katholischen Schulen. Der Bundeskongress Katholischer Schulen in Erfurt bestätigt die Bedeutung des Religionsunterrichts. Qualität setzt sich durch.
Unterricht
Foto: (162990386) | Der Bundeskongress Katholischer Schulen in Erfurt zeigt die gesellschaftliche Bedeutung katholischer Schulen.

Steht die Kirche in Deutschland angesichts steigender Kirchenaustritte vor "einem nicht prognostizierbaren Wandel"? Die These Michael Kargers, Referent für Wissenschaft und Hochschule der deutschen Bischofskonferenz und Namensvetter eines Autors dieser Zeitung, stößt beim zwölften Bundeskongress katholischer Schulen in Erfurt auf entschiedenen Widerspruch. Das Wort "Wandel" sei ihr zu beschönigend, erwidert die Schulleiterin einer Berufsschule im Bistum Speyer und gibt eine düstere Prognose ab.

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"Das wird eine Katastrophe." Zustimmendes Nicken im sechsköpfigen Workshop, der sich mit dem Synodalen Weg befasst. "Freiheit und Demokratie der Beitrag katholischer Schulen" lautet das Thema des Kongresses, aber an vielen Schulen werden die Handlungsspielräume für die Verantwortlichen immer enger. Das Szenario ist überall ähnlich. Den Trägern katholischer Schulen geht angesichts wegbrechender Kirchensteuereinnahmen das Geld aus, der Kostendruck auf die Schulen steigt. Gespart werden muss im sechs-, immer öfter auch siebenstelligen Bereich. Für manche Schule bedeutet das, dass das Bistum 50 Prozent der Mittel für die Schulen streicht.

Katholische Schulen gelten in Generalvikariaten als großer Batzen. Und mancher Finanzdirektor ist der Auffassung, bei Schulen könne die Kirche sparen, denn für den Unterricht sorgen kann auch der Staat. Schlägt dann auch noch ein Kirchenaustritt, wie jüngst in Speyer geschehen, wie eine Bombe ein, färbt das auf das gesamte Klima ab. Andreas Sturm, der jüngst zur altkatholischen Kirche übergetretene vormalige Speyer Generalvikar, hatte im letzten Jahr alle katholischen Schulen des Bistums besucht und war für Lehrer und Schüler kein Unbekannter.

Kosten der Schulen 

Die Latte für die Pädagogen liegt hoch: Katholische Schulen sind mit einem besonderen Auftrag auf den Markt geschickt worden: "Wir müssen besser sein als alle anderen und nach anderen Qualitätsstandards arbeiten. Wir müssen beweisen, dass wir das katholische Profil als Mehrwert haben", sagt die Schulleiterin. Auch wenn der Schulbischof der deutschen Bischofskonferenz Hans-Josef Becker bestrebt ist, den missionarischen Anspruch des Evangeliums im Hinblick auf die Schüler kleinzureden und lieber von christlichen Werten als vom christlichen Glauben spricht, bleiben katholische Schulen der Ort, an denen junge Menschen für die Kirche noch erreichbar sind.

Nicht immer gelingt das: Auch an katholischen Schulen gebe es Probleme mit Antisemitismus durch Ausgrenzen von Menschen anderer Religionen und Kulturen, räumt Erzbischof Becker selbstkritisch ein und verweist darauf, dass mit christlicher Erziehung und Bildung keine Garantie verbunden sei. Den Fall, dass jemand "für totalitäre Ideologien anfällig ist und ihnen hinterherläuft", habe man erst kürzlich in Essen erlebt. Gegen einen Gymnasiasten, der einen Bombenanschlag geplant haben soll, ermittelt inzwischen der Generalbundesanwalt.

Gleichwohl braucht sich die Kirche nicht zu verstecken. Sowohl die Anmeldezahlen an katholischen Schulen als auch die Nachfrage nach Religionsunterricht bieten keinen Anlass zur Resignation. Katholischer Religionsunterricht sei heute etwa gleich nachgefragt wie vor 25 Jahren, berichtet ein Teilnehmer aus dem Bistum Eichstätt: "Da ist kein Schwund." Und die Anmeldezahlen an katholischen Gymnasien sind mehr als stabil. Im Bistum Mainz steigen die Zahlen sogar, stellt ein Lehrer fest. Seine bayerischen Kollegen machen regelmäßig die Erfahrung, dass katholische Schulen Bewerber abweisen müssen.

Bedeutung von Religionsunterricht 

Auch die Breite der Gesellschaft kommt in den katholischen Schulen an: Mancher Schulleiter muss sich am Tag vor der Abiturfeier die Aussprache der Schülernamen erklären lassen, um bei der Zeugnisvergabe nicht zu patzen. Das Spannungsverhältnis zwischen schulischem Überlebenskampf und Nachfrage nach christlicher Bildung ist aus Sicht vieler Lehrer klärungsbedürftig. "Mit wäre es lieber, man würde dieses Thema offensiv angehen und eine saubere Kampagne fahren", sagt ein Teilnehmer. Die Zeit ist reif für einen Diskussionsprozess, der Eltern, Träger und Sponsoren ins Boot holt.

Denn selbst Personaler achten auf die Religionsnote im Zeugnis. Katholische Berufsschullehrer erleben, dass die Aussagekraft eines Zeugnisses in Zeiten unterschiedlicher Unterrichtsstandards auch von der Religionsnote abhängt. Sie gilt als Indikator für Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit. Wer bereit ist, sich mit einer   vordergründig betrachtet   eher uninteressanten Materie zu befassen, zeigt, dass er seine eigenen Interessen zurückzustellen und sich in Neues einarbeiten kann.

Das Prestige des Religionsunterrichts auf dem Arbeitsmarkt veranschaulicht ein Paradox in der nachchristlichen Gesellschaft. Die Politologin Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, erinnert daran, dass pluralistische Gesellschaften ihren Mitgliedern abverlangen, mit Uneindeutigkeit umzugehen und Widersprüche zu ertragen.

Nachdenklichkeit 

Allein auf "Wandel" zu setzen schwebte vielen Teilnehmern des Bundeskongresses katholischer Schulen nicht vor. Die erste Zusammenkunft nach der Pandemie ist von Nachdenklichkeit geprägt, nicht von forschen Reformforderungen. Viele Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass sozial schwache Schüler durch die Corona-Auflagen und den Distanzunterricht überdurchschnittlich belastet wurden. Ob die Schüler nach der Durststrecke offener für den christlichen Glauben sind, bleibt offen. Aber der Sinn von Ritualen, die dem Alltag Halt geben, ist vielen stärker bewusst. Und dafür ist die Tradition der Kirche eine sichere Adresse. Eine Lehrerin wagt einen Blick in die Zukunft: "Die Rituale in Schulen und Kindergärten werden bleiben: Ostern, Weihnachten, Sankt Martin. Da ist es umso wichtiger, dass die Erzieher und Lehrer wissen, was damit theologisch verbunden wird."

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