Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Glaubensvermittlung

Katechetischer Aufbruch

Dass Glaubensvermittlung auch unter den Bedingungen der säkularisierten Gegenwart gelingen kann, zeigen vor allem Initiativen jenseits der üblichen diözesanen Strukturen. Eine Auswahl.
Symbolbild Katechese
Foto: Adobe Stock | Man kann nur lieben, wen man kennt.

Die ersten christlichen Gemeinden bildeten sich in Großstädten der Antike – Rom und Jerusalem. Wie sich die christliche Botschaft in der frühen Kirche in einem heidnischen Umfeld verbreitete, lässt sich heute in Großstädten mit einem hohen Anteil Konfessionsloser erahnen. Beispiel Berlin: Gut 82 Prozent der Stadtgesellschaft gehören keiner christlichen Kirche an. Wer nach dem Kirchenaustritt wieder Kontakt zur Herde aufnehmen will, findet in lebendigen Pfarreien wie St. Christophorus neben der ordentlichen Seelsorge und dem Rosenkranzgebet eine Bandbreite unkonventioneller Türöffner: die Jüngerschaftsschule, High-Noon-Gebet in der Mittagszeit, das Heilig-Geist-Seminar, das pallottinische Nachtgebet und die Meditation im Alltag.

Lesen Sie auch:

Pater Kalle Lenz SAC, Pfarrvikar in Heilige Drei Könige Nord-Neukölln, führt mit Wiedereintrittswilligen zunächst ein Gespräch über die Motive des Austritts und des Wiedereintritts. Bei den Eintrittsgründen dominiert seiner Erfahrung nach „schlicht: Der Glaube ist geblieben und es ist konsequent, weiter dazuzugehören. Aber es gibt auch Anlässe wie ein Trauerfall, eine Krankheit, die Geburt eines Kindes, die die Glaubensfrage neu aufleuchten lassen. Und es können auch positive Glaubenserlebnisse dazu führen wie ein Weihnachtsgottesdienst, das überzeugende Beispiel eines Kirchenmitglieds, ein inspirierendes spirituelles Erlebnis.“ Pater Lenz räumt ein, dass sich auch Pragmatiker unter den Kandidaten befinden. Natürlich gebe es auch Fälle, in denen jemand wieder eintreten wolle, damit er eine berufliche Stelle in der Kirche bekommen könne. Für den Seelsorger stellt sie sich als Herausforderung an die beiderseitige Redlichkeit dar. Es gelte, „gemeinsam ehrlich zu erspüren, wie stimmig das ist“. Bisher habe sich immer eine tragfähige Lösung gefunden.

Für viele, die zuvor nie etwas mit Glauben und Kirche zu tun hatten und nun aber auf religiöser Sinnsuche sind, lautet die Frage meist nicht gleich „katholisch: ja oder nein?“, sondern „Christentum oder Nicht-Christentum?“. Ein erster Kontakt mit der systematischen Vermittlung christlicher Grundüberzeugungen geschieht für diese Menschen oft im Rahmen eines „Alphakurses“. Das aktuell wohl erfolgreichste christlich-überkonfessionelle Format ist der Alphakurs sowieso. Erfunden in der anglikanisch-charismatischen Holy Trinity Brompton Kirche in London, hat sich der überkonfessionelle Evangelisierungskurs für Glaubensneulinge seither auf der ganzen Welt verbreitet. 37 Millionen Menschen in 100 Ländern haben bisher teilgenommen, in Deutschland fanden allein im Jahr 2025 2.999 Kurse (davon 450 online) mit 65.833 Teilnehmern statt, wie Alpha Deutschland auf Anfrage mitteilte.

Bei den Vor-Ort-Treffen verbindet das Alpha-Konzept drei Teile: ein gemeinsames Essen, dann den Lehrimpuls, meist in Form eines Lehrvideos, anschließend eine gemeinsame Gesprächszeit. Die Katechese durch die 15 Videos, wahlweise auch Vorträge, folgt einer Leitfrage und entwickelt sich von den absoluten Grundlagen („Hat das Leben mehr zu bieten?“, „Wer ist Jesus?“) bis hin zu Fragen wie „Wie widerstehe ich dem Bösen?“. Zeugnis von der charismatischen Prägung legen Lehreinheiten wie „Wie werde ich mit dem Heiligen Geist erfüllt?“ ab. Wer einen Kurs veranstalten will, muss sich für das Kursmaterial registrieren, auch Schulungen bietet Alpha an.

Das erfolgreiche Ur-Format wurde mittlerweile durch Alpha-Ehekurse ergänzt, es gibt aber auch Alphakurse speziell für Jugendliche. Sogar im Gefängnis wurden 2025 elf Kurse veranstaltet. Große Pläne hat Alpha Deutschland bis 2033. Bis zum 2000-Jahr-Jubiläum von Jesu Tod und Auferstehung will man 1,5 Millionen Menschen die Möglichkeit geboten haben, „Alpha zu erleben und Gott zu begegnen“.

Glaubensvermittlung via Instagram

Immer mehr Menschen verkünden den Glauben in den sozialen Medien – und immer mehr führen ihre Bekehrung auf diese zurück. Während die meisten deutschen Bistümer (mit wenigen Ausnahmen) noch nicht in der Lage sind, die sozialen Medien so erfolgreich zur Unterweisung im Glauben zu nutzen, wie dies etwa Bischof Robert Barron in den USA tut, gibt es hierzulande durchaus beachtliche Erfolgsgeschichten von Laienapostolaten.

„Das Gute an Online-Katechese ist, erst mal kriegt niemand mit, dass man sich für den Glauben interessiert“, sagen Lucia Schoener und Francisco Blanco Figueiras. Sie betreiben den Instagram-Account „the_holy_news“, auf dem sie den katholischen Glauben erklären. Ihnen folgen 19.000 Menschen, am häufigsten geklickt wurden Videos über Gründonnerstag, Karfreitag und die Trinität.

„Wir möchten die Menschen für die Kirche fischen, sie auf ihrer Suche abfangen, damit sie nicht nur das hören, was die Medien verbreiten. Die Kirche muss sie dann unterstützen, damit die Fische nicht wieder wegschwimmen“, sagt Blanco Figueiras. Mit einigen Followern stünden sie privat in Kontakt, um Glaubensfragen zu beantworten. Die eigentliche Katechese ersetzen könnten sie jedoch nicht. Nur ergänzen. „Es ist für einen Gläubigen eine andere Qualität, ob da ein Priester steht oder ich – auch nur ein Gläubiger“, gibt Blanco Figueiras zu bedenken.

Dass Glaubensvermittlung auch an den Hochschulen funktionieren kann, zeigt die US-amerikanische Organisation „Focus“. Sie entsendet Missionare an Universitäten – auch im deutschsprachigen Raum. Dort bieten sie Katechesen an: In Gruppen lesen sie die Bibel, erklären den katholischen Glauben und organisieren unter anderem Gebetsabende, Bergtouren und Partys.
Ihre Katechese soll Studenten von einem nicht-persönlichen Katholizismus „zu einer bewussten Freundschaft mit Jesus ermutigen“, sagt der Focus-Missionar Dennis Radomski der „Tagespost“. Eine beispielhafte Bekehrung erlebte er neulich: Ein Student kam „nur aus Neugier“ zu einem Bibelkreis. „Durch die Katechese und die Beziehung zu uns begann er regelmäßig zu beten und ging zur Beichte. Mittlerweile engagiert er sich selbst in der Mission auf dem Campus.“

„Lasst die Kinder zu mir kommen“

Und was ist mit dem Glaubenswissen der Jüngeren und Kleinsten, wenn selbst nominell katholische Kindergärten und Schulen sich in der Praxis immer seltener als wirklich katholisch erweisen? Auch für diese Altersgruppen gibt es Hoffnung. So hilft etwa die „Katechese des Guten Hirten“ Kindern, den Glauben kennenzulernen und Jesus näherzukommen, auf ganz einfache, handgreifliche Weise. Zum Beispiel, indem man einen Miniaturaltar vorbereitet und mit kleinen Schafen das Gleichnis vom guten Hirten nachstellt. „Meine dreijährige Tochter geht sehr gerne dorthin, gerade wegen der anschaulichen Materialien, den Präsentationen und der Gemeinschaft mit den anderen Kindern. Dass sie die Dinge wortwörtlich begreifen können, hilft den Kindern“, sagt die Katechetin Marguerita Bechtolsheim.

Die Katecheten und Kinder treffen sich wöchentlich, meist in Pfarrsälen oder Klöstern. In Deutschland unter anderem in Berlin, Chemnitz, Essen, Frankfurt und München. Die Gruppen nennen sich „Atrien“, bestehen aus sechs bis zehn Kindern und sind nach Altersstufe aufgeteilt: drei bis sechs, sechs bis neun und neun bis zwölf Jahre.

Die Initiative der „Katechese des Guten Hirten“ entstand 1954 in Rom und möchte die „einzigartige Beziehung“ zwischen Gott und dem Kind unterstützen. Sie basiert auf der Pädagogik Maria Montessoris. Der Inhalt der Katechese fußt auf den zwei Säulen des Glaubens: der Bibel und der Liturgie. Darüber hinaus lege man viel Wert darauf, den Kindern zu zeigen, dass Jesus zu einer konkreten Zeit an einem konkreten Ort gelebt hat. So gibt es beispielsweise Materialien zu den Gebieten Israels oder Jerusalem als Stadt.

Die Vielfalt der erfolgreichen Wege, die Jung und Alt im Glaubenswissen zu unterweisen, ist damit nur angerissen. Anhand dieser Beispiele wird aber deutlich, dass die katechetische Krise kein unabänderliches Schicksal ist.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig Sebastian Ostritsch Elisabeth Hüffer Jakob Ranke Jesus Christus Katechese Katecheten Pfarrvikare Robert Barron Seelsorge Seelsorgerinnen und Seelsorger

Weitere Artikel

Bischof Rudolf Voderholzer veranschaulicht die wachsende Bedeutung der Krippe in der Verkündigung.
21.12.2025, 11 Uhr
Michael Karger
Pater Christoph Kreitmeir begleitet seit Jahren Sterbende im Krankenhaus und spricht über Gottvertrauen, Loslassen und die Kunst, gut zu leben und zu sterben.
11.11.2025, 11 Uhr
Cornelia Huber

Kirche

Mit „der Herr lebt und bleibt bei uns”, grüßte das Kirchenoberhaupt an Ostern die Gläubigen und ermutigte dazu, die Freude der Auferstehung zu verbreiten.
05.04.2026, 12 Uhr
Meldung
Opfertod und neues Leben: Symbolträchtige Gebäckspezialitäten erzählen von einem christlichen Europa.
05.04.2026, 13 Uhr
Henry C. Brinker
Papst Leo XIV. beruft Anthony Randazzo nach Rom. Der Australier soll das Dikasterium für die Gesetzestexte führen und Reformdebatten begleiten.
03.04.2026, 11 Uhr
Regina Einig
War Jesu Auferstehung ein reales Geschehen oder ist sie als Symbol zu begreifen? Mythos oder sichere Quelle der Hoffnung? Wie die biblische Rede vom leeren Grab zu verstehen ist.
05.04.2026, 07 Uhr
Manfred Gerwing