Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wien

Kardinal Koch: Ökumene braucht Lernbereitschaft

Der Kurienkardinal fordert beim 60-Jahr-Jubiläum von „Pro Oriente“, die Orthodoxie sollte das Verhältnis von Kirche und Staat, Glaube und Politik klären.
Ökumenischer Dialog
Foto: Stephan Schönlaub | Es darf im ökumenischen Dialog nicht nur darum gehen, "einen Kompromiss auf dem kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner anzuvisieren“, sagte Kardinal Koch (li.) in Wien.

Der Präfekt des vatikanischen Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen weiß genau, wo die wunden Punkte sind. Und so beließ es Kardinal Kurt Koch in seiner Festrede zum 60-Jahr-Jubiläum der Ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“ auch nicht dabei, die Meilensteine des ökumenischen Dialogs zu referieren, sondern steuerte zielsicher auf jene Fragen zu, die zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen noch tiefer zu debattieren sind.

Lesen Sie auch:

Er erwartet von der Orthodoxie eine Klärung des Verhältnisses von Kirche und Staat, von Glaube und Politik. Nicht nur, aber auch, weil der inner-orthodoxe Streit zwischen den Patriarchaten von Konstantinopel und Moskau um die ukrainische Autokephalie den ökumenischen Dialog schwer beeinträchtigt. Es geht jedoch tiefer und grundsätzlicher um jene Fragen, „die bisher noch nicht besprochen worden sind“, aber der Klärung bedürfen.

Lernbereitschaft auf beiden Seiten gefordert

Beim Festakt zum 60. Geburtstag der vom früheren Wiener Kardinal Franz König (1905–2004) gegründeten Ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“ sagte Kardinal Koch am Mittwochabend in Wien, im ökumenischen Dialog dürfe es „nicht darum gehen, einen Kompromiss auf dem kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner anzuvisieren“.

Vielmehr sei Lernbereitschaft auf beiden Seiten gefordert, „und zwar dahingehend, dass die katholische Kirche ihre Strukturen vermehrt in synodaler Weise ausrichtet und die orthodoxen Kirchen einen gewissen Primat innerhalb der universalen Gemeinschaft der Kirchen anerkennen können“.

Verhältnis von Glaube und Politik sowie von Kirche und Staat

Eine „sensible, aber unabdingbare Frage“ im ökumenischen Dialog werde jene nach dem Verhältnis von Glaube und Politik sowie von Kirche und Staat sein. Die Kirche im Westen habe in einer langen und verwickelten Geschichte lernen müssen, und tatsächlich gelernt, „dass in der Trennung von Kirche und Staat bei gleichzeitiger Partnerschaft zwischen beiden Realitäten die adäquate Ausgestaltung ihres Verhältnisses besteht“.

Demgegenüber sei „in den Kirchen des Ostens eine enge Verbindung zwischen der staatlichen Herrschaft und der kirchlichen Hierarchie dominierend geworden und bis heute geblieben“. Das führe dazu, dass die orthodoxen Kirchen stark mit der jeweiligen Nation verbunden sind und als Nationalkirchen existieren. Das Risiko dieses Konzeptes bestehe darin, „dass die Nationalkirchen nicht selten starke Tendenzen zum Nationalistischen aufweisen“.

Austausch über die liturgischen Gaben  der Kirchen

Auch brauche es „eine vertiefte Berücksichtigung der Liturgien in den verschiedenen Kirchen“, meinte Kardinal Koch in seiner Festrede. Die ökumenische Erfahrung zeige, „dass die Christen in verschiedenen Kirchen im liturgischen Lobpreis Gottes und damit in der Doxologie einander näher kommen können als in der Theologie“.

Lesen Sie auch:

Wörtlich sagte der Ökumene-Verantwortliche des Papstes in Wien: „Da die verschiedenen Kirchen ihre kostbarsten Gaben in ihrem liturgischen Leben bewahren und ihren größten Reichtum in ihren Liturgien vorfinden, lädt die vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgenommene Wesensbestimmung der Ökumene als Austausch der Gaben auch zu einem Austausch zwischen den verschiedenen Kirchen über ihre liturgischen Gaben ein.“

Verhältnisbestimmung von Ortskirche und Universalkirche

Entscheidend sei auch die Verhältnisbestimmung von Ortskirche und Universalkirche, so Kardinal Koch. Die katholische Kirche habe „entgegen einer einseitig universalistischen Einheits-Ekklesiologie in der Vergangenheit“ auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil „mit einer theologischen Würdigung der Ortskirchen den Plural 'Kirchen' wieder entdeckt“.

Andererseits jedoch lebe in der Orthodoxie „eine starke Ortskirchen-Ekklesiologie, die zur Konsequenz hat, dass die universale Dimension der Kirche weithin unterbelichtet ist“, so der Kurienkardinal. Koch wörtlich: „Es ist deshalb zu wünschen, dass die Orthodoxie zu einer größeren Offenheit für die universale Dimension der Kirche findet, ohne deren Bekräftigung es kaum möglich ist, über ein Amt der Einheit auf der universalen Ebene gemeinsam nachzudenken.“

Keine lineare Entwicklung im ökumenischen Dialog

Vor dem Festakt im Wiener Erzbischöflichen Palais hatte in einer Gedenkmesse im Stephansdom zum 20. Todestag des früheren Wiener Erzbischofs und „Pro Oriente“-Gründers, Kardinal Franz König, der Linzer Bischof Manfred Scheuer darauf hingewiesen, dass im ökumenischen Dialog der „Reichtum der Gaben und Charismen der anderen“ rezipiert werde. Katholiken könnten sich freuen über den theologischen und spirituellen Reichtum in den orthodoxen und orientalischen Kirchen.

Im ökumenischen Dialog gebe es „keine lineare Entwicklung“, so Bischof Scheuer, der den erkrankten Wiener Erzbischof, Kardinal Christoph Schönborn, vertrat. Einerseits sei die Ökumene heute selbstverständlich geworden, andererseits gebe es große Spannungen innerhalb der Orthodoxie. Auch fänden sich Freunde wie Gegner der Ökumene in jeder Konfession. Für seine eigene Kirche sagte Bischof Scheuer, der auch stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz ist: „Ökumene ist Vollzug des Katholischen. Ohne die Ökumene wären wir nicht katholisch.“

Gemeinsames Zeugnis für verfolgte Christen

An der Gedenkmesse, die Kardinal Koch zelebrierte, wie am Festakt im Erzbischöflichen Palais nahmen ranghohe Vertreter orthodoxer und orientalischer Kirchen teil. Der griechisch-orthodoxe Metropolit von Austria und Vorsitzende der Orthodoxen Bischofskonferenz in Österreich, Metropolit Arsenios Kardamakis, sagte, es erfülle ihn mit Dankbarkeit, dass die orthodoxe Kirche von Anfang an in der ertragreichen Arbeit der Ökumenischen Stiftung „Pro Oriente“ mitwirkte.

Der Bischof der Armenisch-Apostolischen Kirche für Mitteleuropa und Skandinavien, Tiran Petrosyan, verwies darauf, dass die christlichen Kirchen ungeachtet ihrer Trennung schon heute ein gemeinsames Zeugnis für die verfolgten Christen geben können und müssen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Bischofskonferenzen Christoph Schönborn Erzbischöfe Franz König Kardinal Kurt Koch Kurienkardinäle Kurt Koch Pro Oriente Russisch-Orthodoxe Kirche

Weitere Artikel

Der Kurienkardinal meint, die Aussagen des Papstes zu Friedensverhandlungen zwischen der Ukraine und Russland aus dem Kontext gerissen worden seien.
18.03.2024, 14 Uhr
Meldung

Kirche

Über den Teufel wird in Kirchenkreisen nur ungern gesprochen. Doch wo der christliche Glaube schwindet, wächst das Grauen.
13.04.2024, 11 Uhr
Regina Einig