Geburtstag

Joseph Ratzinger war ein Leitstern auch für Lutheraner

Am 16. April wäre Joseph Ratzinger 96 Jahre alt geworden: Warum Benedikt XVI. auch ein Geschenk an evangelische Theologen ist – Ein persönliches Zeugnis.
Joseph Kardinal Ratzinger während der Fronleichnamsmesse in München, 1981
| Joseph Kardinal Ratzinger bietet eine schnörkellos traditionsbejahende wie anspruchsvolle und allgemeinverständliche Relecture des christlichen Glaubens.

Meine erste bewusste Begegnung mit dem Katholizismus war durchaus ungewöhnlich, gerade für einen Lutheraner aus Franken. Ist doch dem nüchternen, manchmal gar spröden fränkischen Protestantismus liturgische Feierlichkeit erst einmal suspekt. Als sinnenfreudiger und in dieser Hinsicht unkonventioneller Franke, der nicht nur der intellektuellen Daseinsbewältigung, sondern auch optischen und musikalischen Reizen gegenüber aufgeschlossen ist, faszinierten mich schon 1987 die Fernsehübertragungen des Besuchs von Papst Johannes Paul II. in Deutschland, aber auch von Festgottesdiensten zu Bischofsweihen, unter anderem 1989 von Joachim Kardinal Meisner als Erzbischof in Köln.

Theologisch mit Joseph Ratzinger groß geworden

Es war diese für mich typisch katholische Mischung von vollendeter Form und reinem Inhalt, von feierlicher Zeremonie, ritueller Schönheit und dabei stets unverstellter und an die Moden der Welt unangepasster Botschaft, die ich da gebannt verfolgte. Eine dabei immer schon vernehmbare Stimme war die von Joseph Ratzinger. Ab 1990 griff ich deshalb als Student der Theologie ausgiebig und gerne zu seinen Werken. So bin ich theologisch mit Joseph Ratzinger groß geworden.

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Theologie, Denken und Sprache, aber auch Habitus und Auftreten, Rhetorik und Diktion  Ratzingers faszinierten mich von Anfang an. Da waren dieses glasklare und bestechend logische Denken und die stets so überzeugende Argumentation auf der Basis von Heiliger Schrift und Tradition, immer inspiriert von Bekenntnis, Dogma und Kirchenvätern als Quelle und Norm. Es war diese theologisch kompromisslose und doch stets verbindlich und mit charmanter bayerischer Sprachfärbung vorgetragene Konsequenz im Denken, Schreiben und Sprechen von Joseph Ratzinger, die mich in ihrer intellektuellen Brillanz und Größe, Konzentration und Weite von Anfang an bei diesem Theologen begeisterten. Kein anderer Theologe ist mit so vielen Werken in meiner sehr umfangreichen Bibliothek vertreten wie Joseph Ratzinger.

Ratzingers prophetische Worte

Ratzinger dachte, predigte, sprach und schrieb druckreif. Die Präzision dieses hochgebildeten Geistes übertrug sich in die Mikrophone und auf bedruckte Seiten. Ich tauchte neugierig, wissbegierig und lernwillig ein in seine Gedankenwelt und fand es angesichts vieler Diskussionen in Deutschland auch so befreiend, dass dieser Kardinal, Glaubenspräfekt und Theologe als Kirchenmann mit derselben unbeirrbaren Insistenz auch nie das deutliche Wort zu gesellschaftspolitischen Herausforderungen und Fehlentwicklungen wie die fortschreitende Gottvergessenheit Europas scheute.

Nachgerade prophetisch für die heutigen Debatten über biologieabstinente subjektive Geschlechtsbestimmung ad gusto oder die Auflösung des traditionellen Ehe- und Familienbegriffs und entsprechende Gesetzesvorlagen der Politik wirkt sein kleines Büchlein „Wahrheit, Werte, Macht. Prüfsteine der pluralistischen Gesellschaft“ von 1993. Dies war meine endgültige theologische Initialzündung für Joseph Ratzinger. Hier bewies er bleibend gültig, dass die Freiheit nicht vom Recht und vom Guten zu lösen ist und Wahrheit nicht von demokratischen Mehrheiten politisch gesetzt werden kann, sondern in sich gültig ist. Er betonte, dass Staat und Gesellschaft moralische Grundprinzipien brauchen, sonst endet alles im Relativismus. Der „Anything-goes“-Nihilismus unserer Tage zeigt, dass wir genau dahin gelangt sind, wovor Ratzinger immer gewarnt hat – wofür er selbst so vehement bekämpft wurde.

Ratzinger prägte Verständnis von Kirche und Liturgie

Ich habe als Student und Vikar, als Leiter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen und seit 2008 auch noch als Gemeindepfarrer immer mehr Literatur von Joseph Ratzinger regelrecht verschlungen und verinnerlicht, die meine eigene Theologie, mein Verständnis des priesterlichen Dienstes eines Pfarrers und auch mein Verständnis von Kirche und Liturgie mehr geprägt haben als jeder andere Autor. Sein Werk „Eschatologie – Tod und ewiges Leben“ bot nicht nur das Wesentliche zum Thema, sondern betonte auch den Zusammenhang von Treue und Interpretation im Umgang mit Heiliger Schrift und Lehre der Kirche, wenn er dort schreibt: „Interpretation und Treue können in ein gewisses Spannungsverhältnis zueinander treten, gehören aber gerade so unlöslich zusammen: Nur wer die Wahrheit wieder zugänglich macht, sie tatsächlich vermittelt, bleibt ihr treu; aber auch nur wer treu bleibt, interpretiert richtig. Eine Interpretation, die nicht treu ist, ist keine Auslegung mehr.“

Die Schriftauslegung dient nie intellektuellem Ehrgeiz allein, sondern hat immer akademischen Anspruch mit existenzieller Betroffenheit zu verbinden, um wahre geistliche Schriftauslegung zu sein. Die Theologie selbst war für Joseph Ratzinger nie nur „L?rt pour l?rt“, denn „Theologe ist, wer betet“, wie schon die Kirchenväter wussten. Auch verstand Ratzinger Glaube und Vernunft nie als Gegensätze. Seine Methode und Prinzipien der Exegese hat er zuletzt noch einmal meisterhaft entfaltet in seinem dreibändigen Werk „Jesus von Nazareth“, einem Höhepunkt der geistlichen Schriftauslegung. Das alles hat mich tief beeindruckt.
Glauben gibt es nicht ohne Kirche, Theologie nur in dienender Hinordnung zu Kirche und Liturgie. In Zeiten der „vielen Wahrheiten“, die sich jeder selbst zimmern darf und kann, bekräftigte Ratzinger zudem die eine geoffenbarte Wahrheit des Glaubens als grundlegend. Es sind solche Axiome im Werk des Theologen Joseph Ratzinger und späteren Papstes Benedikt XVI., die sein Werk so verbindlich machen.

Schnörkellos traditionsbejahend

Im Blick auf moderne liturgische Experimente und Mätzchen konnte ich an seinem Buch „Ein neues Lied für den Herrn. Christusglaube und Liturgie in der Gegenwart“ lernen, „dass das eigentliche Subjekt der Liturgie die Kirche ist, und zwar die communio sanctorum aller Orte und Zeiten“. Dies und auch „Der Geist der Liturgie. Eine Einführung“ erschlossen mir Ratzinger über die Dogmatik hinaus auch als Meistertheologen der Liturgie. Die meisten seiner Werke bleiben ohnehin zeitlos gültig wie etwa die „Einführung in das Christentum“ von 1968. Mitten in die auch kirchenkritischen Studentenrevolten hinein setzte der damals noch junge Konzilstheologe eine genauso schnörkellos traditionsbejahende wie anspruchsvolle und allgemeinverständliche Relecture des christlichen Glaubens – ein echtes Statement zum passenden Kairos.

Vieles Prägende gäbe es noch zu erwähnen. Von Ratzingers Beitrag zum Katholischen Weltkatechismus von 1992, dem auch ich dankbar die katholische Normtheologie entnehme, bis zur beachtlichen Rede als Papst im Deutschen Bundestag 2011. Unvergessen bleibt mir auch das legendäre Interview Ratzingers noch als Kurienkardinal mit dem Generalintendanten der Bayerischen Staatsoper und praktizierenden Katholiken August Everding vom April 1998 im Bayerischen Fernsehen. Selten wurde so geistreich und pointiert im Fernsehen über den Vatikan und den Glauben parliert wie bei diesen beiden Großmeistern des Wortes auf einem Spaziergang durch Räume der Glaubenskongregation. Persönlich unvergessen bleibt mir die Teilnahme an einem Fronleichnamsgottesdienst mit Papst Benedikt XVI. in Rom im Mai 2005 kurz nach seinem Amtsantritt sowie an der Papstmesse im Berliner Olympiastadion im September 2011 mit einer Pilgergruppe der katholischen Pfarrei Herz Jesu aus Selb. Die persönliche Ausstrahlung und Aura standen der Fulminanz und Wirkung seines gedruckten Werkes in nichts nach.

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