International, multikonfessionell

Jerusalem feiert: Zu Ostern und Pessach kamen zehntausende Pilger nach Jerusalem. Von Andrea Krogmann
Feierlichkeiten in der Grabeskirche
Foto: Krogmann | Das gemeinsame Osterdatum machte die Feierlichkeiten in der Grabeskirche zu einem besonderen Erlebnis.

Jerusalem (DT) Wer sich dieser Tage in der Jerusalemer Altstadt bewegte, brauchte Geduld und eine gewisse Frustrationstoleranz: Unterschiedlicher Kalendersysteme zum Trotz feierten Ost- und Westkirchen zur selben Zeit am selben Ort Ostern. Auch das jüdische Pessachfest, traditionell ein Wallfahrtsfest nach Jerusalem, fiel in die Karwoche. Israelische Stellen schätzten die Besucherzahlen zu beiden Festwochen auf knapp 160 000; allein zur orthodoxen Liturgie des „Heiligen Feuers“ am Mittag des Karsamstag rechnete die Polizei mit 50 000 christlichen Pilgern. Die Freude der Händler und Hoteliers war das Leid der Sicherheitskräfte, die die Pilgerströme durch die engen Gassen kanalisierten mussten. Zahlreiche Sperrungen und ein Großaufgebot an Einsatzkräften machten insbesondere den Weg zu den zentralen Feiern in der Grabeskirche zu einem Hindernislauf. Größere Zwischenfälle aber blieben aus, die Feiern in der Altstadt verliefen friedlich.

„Die freudige und erschöpfende Verwirrung dieser Tage, in denen alle christlichen Gemeinschaften entsprechend ihrer jeweiligen Tradition das Ostermysterium zur gleichen Zeit am selben Ort feiern, schafft eine feierliche und außergewöhnliche Atmosphäre“, predigte der neue Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, am Sonntag in der zentralen Ostermesse in der Grabeskirche. Gleichzeitig, hatte er in der Ostervigil tags zuvor auf die Besonderheit des Jerusalemer Ostern aufmerksam gemacht, bringe die Multikonfessionalität der Stadt mit sich, dass die „ganze Heilige Woche ein Rennen“ sei, „vorbuchstabiert durch Zeiten und uralte und komplizierte Prozesse, die unser Rennen einpassen müssen in die anderer christlicher Kirchen, die dieselben Ereignisse an denselben Orten feiern und auch der nichtchristlichen Gemeinschaften in Jerusalem“. Die Stille und das Warten etwa, das andernorts den Karsamstag als Tag zwischen Tod und Auferstehung präge, gehe in Jerusalem verloren.

Abendmahlsgottesdienst mit Fußwaschung und Chrisamweihe in einem, nur wenige Stunden zwischen der mysterienspielhaften „Beerdigung Christi“ und der Ostervigil am frühen Samstagmorgen: Die Intensität der zeitlich komprimierten Liturgien wurde noch verstärkt durch die Gleichzeitigkeit der Feiern nach den verschiedenen Traditionen. Katholiken, Armenier und Griechen, Kopten und Syrer wechselten sich ab in der Grabeskirche, entsprechend den strengen Regeln des Status Quo. Äthiopische Christen bevölkerten zu Hunderten das Dach der Grabeskirche zu ihren Feiern.

Jene, die zum ersten Mal in Jerusalem Ostern feiern, seien eine Mahnung, sich nicht in der Gewöhnung auszuruhen, die das jährliche Feiern am historischen Ort des Geschehens mitbringen könne, predigte der italienische Erzbischof zu den zu Hunderten versammelten Gläubigen. Sollten Christen sich bis hin zu dem Punkt an die Auferstehung gewöhnt haben, dass sie das Schockierende an der Botschaft von leeren Grab nicht mehr sehen, so genüge das Gespräch mit den an eben diesem Ort so präsenten nichtchristlichen Nachbarn, um zu realisieren, dass der Gedanke an die Auferstehung aus menschlicher Sicht eigentlich „ein Wahnsinn“ ist, den der „Verstand weder begreifen noch erklären“ kann.

Wie Pierbattista Pizzaballa war es auch für den neuen Kustos Francesco Patton das erste Osterfest in seiner Jerusalemer Amtszeit. Als prophetisch hatte der Franziskaner im Vorfeld der Feiern die Tatsache bezeichnet, dass gerade in diesem Jahr die verschiedenen Konfessionen die gemeinsam getragene Restaurierung der Grabkapelle abschließen konnten, in dem Jahr nämlich, in dem letztmals bis 2025 die Osterfeste beider Kalender auf ein Datum fallen. Nach dem jahrzehntelangen Gerangel um die dringend nötigen Arbeiten hatten sich die Konfessionen endlich geeinigt: Pünktlich zu Ostern strahlte das Heiligtum in ungewohnter Frische – und erstmals seit 70 Jahren selbsttragend ohne eisernes Stützgerüst.

Vereint als „ein Körper, eine Stimme“ habe man bei der Restaurierung um das leere Grab gestanden, hieß es in der gemeinsamen Osterbotschaft der Kirchen im Heiligen Land. Vor gut 2 000 Jahren geschah in Jerusalem das Ostergeheimnis und nahm von diesem leeren Grab aus die Kirche ihren Anfang. Wenn bis heute jedes Jahr die ersten Osterfeiern in Jerusalem stattfinden, dann deshalb, so Pizzaballa, weil die Welt „wie vor 2 000 Jahren“ kein Ostern feiern könne, wenn dieses nicht zuerst in Jerusalem geschehe. Dass Ostern 2017 trotz aller Spaltungen an einem Tag gefeiert wurde, mag den durch das gemeinsame Restaurierungsprojekt einander wieder nähergekommenen Kirchen ein Stachel im Fleisch sein, auch in Sachen Einheit einen Blick zurück auf den Ursprung zu werfen, damit eines Tages der fromme Wunsch von Kustos Patton in Erfüllung gehen kann: „In hoffentlich nicht allzu ferner Zeit werden wir nicht nur am selben Tag, sondern gemeinsam feiern.“

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