Kirchenmusik

Inneren Frieden in der Liturgie finden

Auf dem Weg in den Garten der Seele: Wer auf der Suche nach innerem Frieden ist, findet in Musik und Liturgie unschätzbare Vorteile..
Zisterzinenkloster Kamp
Foto: Zoonar.com/Stefan Ziese via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Jesus entfaltet, indem er uns beim Namen ruft, jenen Lichtraum, in dem sich unsere Seele in einen blühenden inneren Garten verwandelt, in dem wir ihm begegnen.

Innerer Friede ist ein Zustand, den heutzutage nur noch wenige über längere Zeit verspüren. Schaut man in die Gesichter den Menschen, erweisen sich die Augen vieler als Fenster in eine gehetzte, von Sehn-Süchten getriebene Seele. Dass jemand auf Dauer bei sich wohnt, scheint zum bemerkenswerten Sonderfall geworden zu sein. Die vergangenen Jahre haben dies auch deshalb so deutlich werden lassen, weil eine Zeit lang die gewohnten Verhaltensmuster weggebrochen sind und die ständige, nach außen gerichtete Bewegung unvermittelt gestoppt wurde. Manch einer, der auf diese Weise gezwungen war, in sich zu gehen, fuhr sehr schnell aus der Haut, weil in ihm nichts los war, das ihn zu längerem Bleiben hätte verlocken können.

Die erzwungene Ruhe machte die innere Unruhe, die durch die zahllosen äußeren Aktivitäten nur mühsam überdeckt worden war, schmerzlich offenbar. Der innere Frieden steht also definitiv ganz oben  auf der Liste der gesuchten Lebenshaltungen. Aber wie kann man ihn finden? Die Antwort ist überraschend einfach: durch Musik und Liturgie.

Innerer Friede ist ein Habitus

Allerdings – und dies ist eine gute Nachricht – ist dabei zu bedenken, dass es dabei auch auf unser eigenes Tun ankommt. Eine Abkürzung im Sinne von „CD auflegen und gelegentlich mal in die Kirche gehen“ wird den gewünschten inneren Frieden nicht herbeizaubern können. Innerer Friede ist ein Habitus, eine durch Übung erworbene Lebenshaltung, die zugleich ein Geschenk Gottes ist, der allein unser tiefstes Sehnen zu stillen vermag.
Dass Musik und Liturgie eine so wichtige Rolle bei der Erlangung jenes erstrebenswerten Zustandes spielen, den die spätantiken Mönche apatheia, Leidenschaftslosigkeit, also den bewussten Verzicht auf jenes Getriebensein nannten, den wir heute mitunter mit innerem Engagement verwechseln, der in Wahrheit aber genau jene Rastlosigkeit befördert, in der wir letztlich die Kontrolle über die Geister verlieren, die wir leichtfertig zu Hilfe holten, um unsere innere Leere zu füllen, hat etwas mit unserer tiefsten Berufung zu tun.

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Wir sind, sagt Hildegard, in unserem Leben ständig auf der Suche nach der Stimme des lebendigen Geistes. Was das ist, kann man am besten mit einem irdischen Vergleich erklären. Wenn wir einen Menschen lieben, hat das Hören seiner Stimme eine ganz besondere Wirkung auf uns. Sie vermag uns einzuhüllen wie in Licht, uns zärtlich zu umschweben und einen Raum zu schaffen, in dem wir ganz und gar glücklich sind. Der Stimme des Geliebten entspricht im Leben der Seele ihr Bräutigam Jesus Christus. Er entfaltet, indem er uns beim Namen ruft, jenen Lichtraum, in dem sich unsere Seele in einen blühenden inneren Garten verwandelt, in dem wir ihm begegnen und uns von seiner Liebe durchdringen lassen können.

Seine Stimme ist warm, farbenreich und sie hat eine Schwingung, die man im Englischen vibrant nennen würde, weil sie eine Zärtlichkeit vermittelt, die direkt von Herz zu Herz, von seinem zu unserem Herzen spricht. Allerdings ist sie – und hier kommen wir auf das Thema innerer Friede zurück – nicht im lärmenden Getöse unseres Alltags, das sich oftmals im Außen ebenso misstönend entfaltet wie in unserem Inneren – sondern nur in der Stille zu vernehmen. Wer also inneren Frieden und mehr noch, die liebende Begegnung der Seele mit ihrem himmlischen Bräutigam sucht, muss sich bewusst dafür bereiten. Mit dem inneren Garten, in dem die Seele ihrem Bräutigam begegnet, verhält es sich nämlich ganz ähnlich wie mit einem Berg. Wenn man ganz nach oben will, muss man wohl oder übel trainieren und den Aufstieg Schritt für Schritt selbst unternehmen. Schummeln zählt nicht. Denn im Gegensatz zum Berg, auf den hier und da ein Lift führt, gibt es beim Weg in den inneren Garten keine Abkürzung. Aber es gibt ein Trainingsfeld: die Liturgie. Sie bietet, wenn man inneren Frieden erlangen will, drei unschätzbare Vorteile.

Begegnungsraum mit dem lebendigen Gott

Erstens geht es dabei nicht um uns. Und das ist gut. Denn das Gott geschuldete Lob, das wir Ihm in der Liturgie darbringen, lenkt uns notwendigerweise vom Kreisen um uns selbst ab. Das ist die erste und wichtigste Voraussetzung, wenn man inneren Frieden erlangen will. Zweitens ist sie zyklisch, in einer spiralig sich zugleich in die Lichtwelt als auch nach innen entfaltenden Bewegung angelegt. Das bedeutet, sie befreit uns, wenn wir uns in ihren Feierraum einschwingen, vom linearen Vorangehen, dem Axiom der permanenten Fortschritts und Wachstum, das unsere Gesellschaft zu ihrem Schaden prägt und in der wir wie Gefangene in einer Raumkapsel in rasantem Tempo in einer Richtung unterwegs sind, die uns immer mehr von uns selbst entfernt, indem sie uns auf uns zurückwirft. Die je neue Mitfeier des Kirchenjahres hingegen schwingt uns auf natürliche Weise in einen Begegnungsraum mit dem lebendigen Gott ein, in dem wir auf sanfte Weise Schritt für Schritt befähigt werden, den in der Stille blühenden inneren Garten zu entdecken, in dem der Bräutigam unserer Seele bereits auf uns wartet.

Und drittens ist die Liturgie ein Übungsraum für unsere ganz heile Stimme. Was das ist, erklärt Hildegard von Bingen in ihrem Brief an die Mainzer Prälaten. Adam, so sagt sie dort, hatte als Gefährte der Engel, in dem der Heilige Geist räsonierte, im Paradies eine ganz besondere, klar, zart und warm schwingende Stimme. Seine Persönlichkeit klang aus ihr. Genau wie bei uns. Nur dass es uns oft an jenem inneren Heilsein fehlt, das wir so sehr ersehnen und mit dem Zustand des inneren Friedens assoziieren. Adams Stimme war – und das ist ihr Geheimnis – im Paradies im Einklang mit sich selbst und mit den Stimmen der Engel. Ihre Aufgabe ist das Lob Gottes. Sie umschweben ihn Tag und Nacht und schwingen sich lobsingend ein in sein Licht. Dies ist der Dienst der Engel und zugleich auch unsere Berufung, bei deren Erfüllung wir schon hier auf der Erde himmlischen Frieden erfahren können. Denn innerer Frieden besteht ganz wesentlich darin, im Einklang mit sich selbst zu sein. Allerdings geht es bei diesem Einklang nicht um eine platte Akzeptanz alltäglicher Fehlhaltungen unter dem Motto „wir wollen alle mitnehmen, darum schaffen wir die Regeln ab“. Es geht vielmehr um ein strenges Übungsprogramm, in dem wir Schritt für Schritt zu der Persönlichkeit werden, die zu entfalten Gott uns aufgetragen hat, dem Hineinwachsen in das von Ihm in uns angelegte Potenzial.

Gott loben, immer wieder neu

Die Liturgie bietet uns genau dies. Sie stellt uns in jenen Bezugsrahmen, in dem innerer Friede wachsen kann, weil wir das tun, was unsere eigene Berufung als künftige Mitglieder der Engelchöre ist: Gott loben, immer wieder neu. Seine Geschichte mit uns bedenken, immer wieder neu. Sein erlösendes Handeln erfahren, immer wieder neu. Ihm mit Herz und Mund und Tat und Leben dafür danken, immer wieder neu. Dabei kommt es nicht darauf an, in Kathedralen die schönste Liturgie zu erleben oder die wundervollste Kirchenmusik zu hören, obwohl beides aufschließend wirken und sehr erhebend sein kann. Entscheidend ist, egal wie friedlos, wie unruhig und getrieben wir uns fühlen mögen, dass wir den einen Schritt auf Jesus Christus zugehen, der notwendig ist, damit er uns den Rest des langen Weges, den wir uns von Ihm entfernt haben, der unser Friede, der Weg, Wahrheit, Leben und die Liebe selber ist, entgegengehen kann.

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Praktisch sollte das so aussehen, dass der Kirchbesuch am Sonntag keine Frage des Stimmungsbarometers sein darf. Er ist unsere Pflicht Gott gegenüber, er ist aber auch für uns selbst notwendig, weil wir sonst seelisch verkümmern und friedlos werden. Im Falle der mangelnden Motivation mag die Vorstellung helfen, dass nur diejenigen in die Chöre der Engel gelangen werden, die regelmäßig zum Training erschienen sind. Das ist bei den himmlischen Heerscharen nicht anders als bei der Fußballweltmeisterschaft.

Vor Gott singen und spielen sollte man darüber hinaus auch außerhalb der Kirche. Regelmäßiges Gebet am Morgen, am Mittag, am Abend ist die notwendige Voraussetzung für inneren Frieden. Dabei ein Lied für Gott zu singen befreit, ist ein aktiver Beitrag zum inneren und äußeren Frieden und steckt vielleicht andere an, sich einzuschwingen und mitzusingen. Denn „wo Menschen sich vergessen, die“ eingefahrenen, ins Nichts führenden „Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Friede werde unter uns“.

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