Kirchliches Dogma

Im Zentrum steht der Logos

Warum gibt es den Absolutheitsanspruch des Dogmas? Sind Lehre und Tradition in der Orthodoxie ein Gegensatz – oder vielmehr eine Notwendigkeit?
Christ Pantocrator - Mosaïque de la  Déisis - Sainte-Sophie (Istambul, Turquie)
Foto: wikimedia commons | Christus als Pantocrator, Weltenherrscher: Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, der Logos. Ausschnitt aus dem Deësis-Mosaik in der Hagia Sophia, Istanbul.

Seit den Anfängen des Christentums ist die Frage nach der Glaubenslehre und deren Verkündigung ein zentraler Punkt im Alltag der Kirche. Welche Lehre beziehungsweise welcher Glaubensansatz soll überhaupt verkündet werden? Wer bestimmt die Lehre der Kirche und die Quellen, anhand derer die Lehre ihre Legitimität bekommt? Fragen, die besonders in unserer heutigen Zeit sehr kontrovers beantwortet werden. Letztlich kommt es jedoch darauf an, im Rahmen der Verkündigung jenes gewährleisten zu können, was Paulus den Korinthern mit folgenden Worten erklärte: „Wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2 Kor 4,5). In diesem Sinne gibt es, wie Joseph Ratzinger, später Papst Benedikt XVI. schon unterstrichen hat, ein Primat des Logos gegenüber dem Ethos. Somit ist die Lehre der Kirche nicht einfach eine Reflexion der ethischen und philosophischen Gedanken einer Gesellschaft jeder Zeitepoche, sondern die Lehre der Kirche soll vielmehr als Ausdruck der ewigen göttlichen Offenbarung wahrgenommen und gelebt werden. Die Lehre wird zum Garanten der Transformation der Gesellschaft an sich.

Hier stellt sich jedoch die Frage nach der legitimen Quelle der Bestimmung der Wahrheit in der Offenbarung. Wer hat die Autorität, Wahrheit bestimmen zu können? Kann die Kirche als Institution die Wahrheit propagieren und formulieren? In diesem Zusammenhang stellt sich letztlich auch die Frage nach dem Ort der Bestimmung der Wahrheit. Kann Wahrheit parlamentarisch festgelegt werden, zum Beispiel durch ein Konzil der Kirche? Schaut man sich die Kirchengeschichte an, ist die Antwort klar.

Heiligkeit ist Garant der Wahrheit

Es ist nicht eine Institution, es sind auch nicht Mehrheitsentscheidungen, die als Garant der Wahrheit fungieren können, sondern es ist die Heiligkeit. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass etwa große Kirchenversammlungen, die als Konzile einberufen wurden, im Gewissen der Kirche als Räuberkonzile und -synoden wahrgenommen werden, da deren Entscheidungen nicht nur nicht rezipiert worden sind, sondern sich in Bezug auf den Heilsplan Gottes in der Geschichte als höchst problematisch erwiesen haben. Somit sind in den verschiedenen Zeitepochen viele häretische Lehren nicht nur im Umkreis der Kirche, sondern meistens auch innerhalb der Kirche entstanden, die schließlich jedoch keine Zustimmung gefunden haben, auch wenn sie mancherorts eine Vielzahl von Anhängern hatten.

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Um dies zu erläutern, kann man eines der charakteristischen Beispiele aus der Dogmengeschichte erwähnen, nämlich das des Arius. Als Arius im 4. Jahrhundert der Frage nachgehen wollte, wer eigentlich Jesus von Nazareth war, konnte er sich nicht vorstellen, dass derselbe göttliche Logos ganz Mensch geworden ist. Aus diesem Grund wollte er diesen in die Zwischensphäre setzen, indem er zwar anerkannte, dass Jesus von Nazareth nicht nur ein einfacher Mensch war, sondern er betonte, dass Jesus eine Erschaffung Gottes sein müsse. Damit schloss er aus, dass der göttliche Logos Mensch geworden ist und dass Gott selbst eine vollkommene Kenosis erfahren hat, um den gefallenen Menschen den Weg zur Vergöttlichung zu ebnen.

Auch wenn diese Gedanken des Arius für sehr lange fruchtbaren Boden bei vielen Menschen gefunden haben, war es für die Kirche immer klar, dass es sich hierbei um eine Häresie handelte. Der Heilsplan Gottes, besonders die soteriologischen Auswirkungen, die die Menschwerdung der zweiten Person der Trinität für den Menschen mit sich bringt, sind somit der Mittelpunkt der kirchlichen Lehre. Auf der Basis der Soteriologie kann also nicht verhandelt werden. Es verwundert also nicht, dass alle Dogmen des ersten Jahrtausends die Gewährleistung des Heilsplanes Gottes in der Geschichte in den Mittelpunkt stellen. Das Dogma ist in diesem Sinne also nicht einfach eine unveränderliche gesetzliche Festlegung der Kirche, sondern es stellt die Grundlage des kirchlichen Glaubens an sich dar, aus der das gesamte Leben der Kirche quillt. Ohne diese Lehrbasis verliert die Kirche ihre eigentliche Grundlage und wird zu einer rein weltlichen Institution.

Dogma als Garant menschlicher Freiheit

Das Dogma war und ist bis heute besonders in der Orthodoxen Theologie und Kirche verbunden mit der soteriologischen Frage. In diesem Sinne schränkt das Dogma nicht ein, sondern es wird zum Garanten der menschlichen Freiheit par excellence und dies, weil nur durch das Heilswirken Gottes der Mensch substanziell frei werden kann. Über die Dogmen hinaus ist es natürlich so, dass die Kirche auch Entscheidungen und Glaubensansätze hat, die nicht notgedrungen als Dogmen festgelegt werden. Somit hat die alte Kirche zwischen Dogmen und Kanones unterschieden, wobei die Kanones etwa die organisatorischen Strukturen der Kirche festlegten und nicht als unveränderbare Entscheide zu sehen sind. Betreffend die Lehre kennt die Kirche auch die sogenannten Theologumena, die zwar Glaubensüberzeugungen in der Kirche wiedergeben, jedoch keine soteriologische Lehrbasis besitzen.

Dr. Stefanos Athanasiou

Der verstorbene Dogmatiker der Aristoteles-Universität von Thessaloniki Nikolaos Manzoukas betonte in diesem Sinne, dass die Theologumena eine oder mehrere Meinungen der Kirchenväter sind, die sich im Glaubensgewissen der Kirche eingenistet haben, jedoch nicht als Dogmen gelten.  Hierbei bezieht er sich unter anderem auf den allgemein anerkannten Lehrsatz von Justin dem Märtyrer, welcher den Logos als Samen (logos spermatikos) imaginiert, wobei eben diese Lehre nicht als Dogma zu werten ist, jedoch als Glaubenslehre, die große Zustimmung in der theologischen Welt erfährt.

Natürlich kann sich ein Theologumenon nicht im Gegensatz zu einem Dogma befinden, jedoch kann es eine Entwicklung und Veränderung auf dem Boden des Ausdruckes der Glaubensbasis erfahren. Auch wenn natürlich klare Entscheidungsstrukturen oder gar Mehrheiten in Gremien eine wichtige Rolle spielen, um Entscheidungen zu fällen, sind diese wie gesagt letztlich nicht der Garant, dass sich die Wahrheit in der Lehre durchsetzt.

Aus diesem Grund spielt die Heiligkeit eine so große Rolle. Wenn man also die Kirche als heilige Kirche bekennt, ist sie dies natürlich nicht als Institution, sondern als Leib Christi. Heiligkeit wird somit kein Prädikat, das man durch Funktionen erhält, sondern eine gnadenhafte Teilhabe an dem Einzigen Heiligen an sich, Gott selbst. Somit ist nur Gott seiner Substanz nach heilig, alle anderen heiligen sich erst, indem sie an der Heiligkeit Gottes teilnehmen. Somit wird die Kirche als Institution oder einzelne Menschen erst wirklich heilig, sobald diese sich vollkommen dem Herrn hingeben und seine Heiligkeit in die Welt widerspiegeln. Letztlich gilt dies auch für die Entscheidungsorgane und Funktionsträger innerhalb der Kirche.

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Aus diesem Grund gelten für die Orthodoxe Theologie und Kirche die Entscheidungen eines Konzils bzw. einer Synode erst als tatsächliche Entscheidungen der Kirche, wenn die Kirche (Volk und Klerus) diese in ihrem Leben aufnimmt und somit bestätigt. Durch diesen Gedanken wird ersichtlich, dass ein Konzil oder eine Synode somit nicht nur eine Versammlung von Bischöfen bzw. Konzilsvätern ist, sondern ein Ereignis, an dem die gesamte Kirche miteingebunden ist, indem jedes Glied der Kirche eine besondere Aufgabe übernimmt, etwa die Aufgabe des Formulierens bzw. des Rezipierens. letztlich wird sowohl von denjenigen, die formulieren oder rezipieren, verlangt, dass sie nicht sich selbst oder ihre ideologischen Auffassungen verkündigen, sondern ihren Blick auf Jesus Christus, den Heiligen selbst richten.

Synoden: Eine spirituelle Angelegenheit

Es ist möglicherweise kein Zufall, dass man in der Orthodoxen Tradition etwa terminologisch und institutionell nicht zwischen einer Synode oder einem Konzil unterscheidet. Beide bezeichnen einen gemeinsamen Weg. Dabei geht es nicht etwa darum, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden, um zwischen den verschiedenen theologischen Sichtweisen einen gemeinsamen Weg zu gewährleisten, sondern es geht um ein gemeinsames Gehen auf dem einen Weg der Wahrheit und des Lebens (Joh 14, 6), der eben eine Person ist (Jesus Christus). Somit ist das gemeinsame Gehen (syn-odos) auf dem Weg ein Heiligungsprozess und nicht eine rein institutionelle, sondern vor allem eine spirituelle Angelegenheit.

In diesem Sinne ist nicht verwunderlich, dass die Orthodoxe Kirche bis heute keine explizite Soziallehre propagiert hat, sondern die sozialen Fragen jeder Zeitepoche als Herausforderung des Heiligungsprozesses der Gesellschaft sieht. Diese Kombination von sozialethischen Fragen und Spiritualität wird als Sozialethos bezeichnet, was auch der grundlegende Gedanken des Sozialethos Dokumentes des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel (2020) ist und in großem Maße auch in der Sozialkonzeption der Orthodoxen Kirche von Russland (2000) wiederzuentdecken ist.
So gesehen gibt es ein Primat des Logos gegenüber dem Ethos, weil der Logos das einzig Heilige ist und in die Welt gekommen ist, um das Heil zu bringen. Auf diesem Grundsatzglauben basierend, der in den Dogmen formuliert und als Grundsatz ausgedrückt worden ist, muss die Kirche natürlich in jeder Zeitepoche eine Sprache finden, dies wiederzugeben. Im Rahmen der Theologumena hat sich somit ein theologischer Ort entwickelt, der dem Geist und der Sprache jeder Epoche Ausdruck geben kann und somit eine Harmonie zwischen dem Ewigen und der Entwicklung entstehen kann. Letztlich ist es diese Harmonie, die zur Transformation und Heiligung der Gesellschaft führt.

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