IM BLICKPUNKT

Verfügungsmasse des Teufels?

Die Abschlussrede des Papstes beim sogenannten Missbrauchsgipfel im Vatikan stellt eine Zäsur dar. Von Regina Einig

Die Abschlussrede des Papstes beim sogenannten Missbrauchsgipfel im Vatikan stellt eine Zäsur dar. Wie schon in früheren Äußerungen bekennt Franziskus, dass er an den Teufel glaubt. Doch dieses Mal war die Bühne größer und der Papst besaß die maximale Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Damit schleift der Nachfolger Petri eine Bastion der nachkonziliaren Exegese. Seit Herbert Haag vor fünfzig Jahren in seinem Buch den „Abschied vom Teufel“ ankündigte, hat sich der Glaube an das personale Böse innerhalb der Kirche fast verflüchtigt. Sowohl in der akademischen Theologie als auch in der Verkündigung ist es verpönt, vom Teufel zu sprechen. Offensichtlich genügt es dem Papst jedoch nicht, die unübersehbare Existenz des Bösen in der Welt auf diffuse Mächte zurückzuführen. Franziskus distanziert sich auf diese Weise nicht nur von der liberalen Exegese, sondern bricht auch mit der Vorstellung, an den Teufel zu glauben sei eine unzeitgemäße Form der Angstmacherei. Gerade in jenen Jahrzehnten, in denen der Abschied vom Teufel auf Lehrstühlen und von Kanzeln propagiert wurde, häuften sich die Verbrechen an Minderjährigen, die heute für weitaus mehr öffentliches Entsetzen sorgen, als der biblisch begründete Glaube an den Teufel in früheren Generationen. Will man eine erste Bilanz der Missbrauchskrise ziehen, so bleibt nur das Fazit: Nicht an den Teufel zu glauben, zeugt weniger von angstfreiem und fröhlichem Christentum, sondern eher von Naivität und Schriftvergessenheit. Im Schatten des Unglaubens treibt der Teufel sein Spiel ungehindert weiter. Die Missbrauchskrise ist zweifellos ein Denkanstoß für eine Theologengeneration, die meinte, durch den „Abschied vom Teufel“ weltzugewandter und diskursfähiger zu wirken – und sich damit auf den Holzweg begab.

Inzwischen steht die Kirche am Pranger, weil sie das Wirken des Bösen in den eigenen Reihen lange nicht wahrhaben wollte. Eine biblisch fundierte Verkündigung in Bezug auf den Teufel hätte zweifellos nicht allen Kräften der nachkonziliaren Gesellschaft gefallen, aber möglicherweise einigen Schaden innerhalb der Kirche verhindert. Nicht, dass die Kirche zum ersten Mal eine heftige Krise durchlebte. Um dem Teufel heute das Handwerk zu legen, braucht es neben einer Rückbesinnung auf die Lehre und Tradition der Kirche auch Geschichtsbewusstsein. Zeiten, in denen sich die katholische Kirche mit einem Glaubwürdigkeitsproblem herumschlagen und innerlich erneuern musste, sind nichts Ungewöhnliches. Schon der heilige Petrus Damiani und Hildegard von Bingen kämpften im Mittelalter gegen die sittliche Verwahrlosung des Klerus. Die Kirchengeschichte ist heute als Lehrerin gefragter denn je, um ein realistisches Menschenbild zurückzugewinnen, das im Überschwang der nachkonziliaren Jahre verschüttet worden ist. Aber die Geschichte zeigt auch, dass die Gnade in allen Krisenzeiten gewirkt hat. Der Glaube, dass die Zerstörer innerhalb der Kirche nicht mächtiger werden können als die Gnade und dass Gott auch heute handelt, ist das wichtigste Instrument der Christen. Immer neue bombastisch anmutende Erklärungen aus dem Mund von Kirchenvertretern scheinen den Wirklichkeitssinn zwar getrübt zu haben. In der nüchternen Einschätzung der gegenwärtigen Kirchenkrise wird massive Verwirrung geschaffen. Gerade die grenzenlose Traurigkeit, die viele Gläubige derzeit angesichts der verfahrenen Situation der Kirche befällt, ist der ultimative Triumph des Bösen. Verzweifelte Christen, die nicht mehr an einen Neubeginn mit Hilfe der Gnade glauben, machen sich letztlich zur Verfügungsmasse des Teufels, weil sie Gott nicht mehr das letzte Wort in der Geschichte zutrauen. Damit der päpstliche Verweis auf den Teufel nicht als hilfloses Erklärungsmuster wirkt, müssen die Gläubigen Konsequenzen ziehen. Eine Neubesinnung auf die katholische Lehre verbunden mit einer Relecture der Heiligen Schrift wäre ein guter Anfang.

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