Hypotheken für die Priester von morgen

Wie in Essen und Trier so auch in Aachen: Der Bischof kündigt seinen Diözesanen einen synodalen Gesprächsprozess für die nächsten Jahre an. Die Nachricht fügt sich in eine seit dem bundesweiten Dialogprozess etablierte Routine ein. Synodale Gesprächsprozesse bilden inzwischen die Ouvertüre für ein diözesanes Maßnahmenpaket. Es beinhaltet grünes Licht für größere, im Extremfall kaum noch überschaubare Gemeindeeinheiten, die grundsätzliche Offenheit für Rollenexperimente, etwa Gemeindeleitung durch Laien und nicht zuletzt die Abwertung der Aufgabe des kanonischen Pfarrers. Zurück bleibt ein Bewusstsein des Provisorischen und auch der Selbsttäuschung. Dialogprozesse tragen nicht selten den Kern eines langwierigen Machtspiels in sich und erzeugen eine Atmosphäre unendlicher Vorläufigkeit, mitunter auch der Wirklichkeitsferne. Solange Strukturen und Ämter in vielen Pfarreien schwerer wiegen als die Sakramentenpastoral, und der Glaube an die überragende Bedeutung der Eucharistie für die Existenz und das Selbstverständnis der Gemeinde immer öfter fehlt, sind Schieflagen vorprogrammiert. Auch Priester signalisieren durch zelebrationsfreie Tage, dass der Altar nicht der geistliche Mittelpunkt ihres Lebens ist. Verfehlt ist vor allem der populäre Verweis auf lateinamerikanische Laien als Gemeindeleitern. Deren Rolle und Engagement ist unvereinbar mit den von Machtansprüchen gefärbten Kirchenträumen mancher deutscher Laien. Dass Laien Priester nicht ersetzen können, lässt sich in Lateinamerika klarer beobachten als manchem deutschen Gremium lieb ist.

Für die Aufgabe des kanonischen Pfarrers gerieten Dialogprozesse bisher eher nachteilig. Meist schadet schon ein ideologisch aufgeladenes Gesprächsklima, das jeden unter Klerikalismusverdacht stellt, der Gemeindeleitung durch Laien in unseren Breiten als fehl am Platz einordnet. Blieben diözesane Dialogprozesse jenen vorbehalten, die sich auf Lehre und Recht der Kirche als Grundlage einer qualifizierten Gesprächsführung verständigen könnten, bestünde Hoffnung auf Kurskorrekturen. Doch dürfte das ein frommer Wunsch bleiben.

Im Bistum Aachen ist von einem diözesanen Gesprächsprozess derzeit wenig zu erwarten. Die in der Amtszeit von Bischof Heinrich Mussinghoff durchgeführte Strukturreform gilt als besonders brachial. Einem Kahlschlag gleichende Veränderungen belasten das Vertrauen - mit Folgen für das Priesterbild und das Selbstverständnis der Laien. Selbst kooperationswillige Gläubige zweifeln inzwischen an den von ihnen mitgetroffenen Entscheidungen, da diese lediglich Etappenziele mit ungewisser Zukunft bedeuten. Unendliche Vorläufigkeit verträgt sich auf Dauer nicht mit den Zielen einer auf Tradition gegründeten Institution. Es wundert nicht, dass die Anmeldung ins diözesane Priesterseminar in manchen deutschen Bistümern derzeit einem nahezu schizophrenen Akt gleichkommt. Denn wer seinem Bischof Ehrfurcht und Gehorsam versprechen soll, ohne zu wissen, auf welches Berufsprofil er sich einlässt, unter welchen Bedingungen er morgen arbeiten soll und wem er de facto weisungsgebunden sein wird, braucht schier übermenschliches Gottvertrauen oder ein schlichtes Gemüt.

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