Holz der Hoffnung

Wie die junge Kirche den Tod Jesu begriff. Von Florian Mayrhofer
GEROKREUZ
Foto: KNA | Tod und Auferstehung des Gottessohnes stehen im Zentrum des Christusglaubens. Das Gerokreuz im Kölner Dom verbindet beide Glaubensgeheimnisse in einem Bild.

Das Kreuz ist mein Buch. Ein Blick auf das Kreuz lehrt mich in jeder Lage, wie ich mich zu verhalten habe.“ Dieser Satz des hl. Konrad von Parzham wirkt heute für zunehmend mehr Menschen fremd und überholt. Vor allem das laute Rauschen im Blätterwald der Zeitungen und das Gezwitscher im Internet zu Kreuz-Erlass und Berliner Stadtschloss geben davon ein beredtes Zeugnis. Parallel dazu grassiert auch bei vielen Christen eine Erklärungsnot: Wie kann ein Folter- und Mordwerkzeug das Symbol eines liebenden Gottes sein? Wie kann uns/mich ein stellvertretender Tod am Kreuz von der Sünde erlösen, meine Schuld sühnen? Dabei stehen die Namen von Walter Burkert oder René Girard noch gar nicht im Raum.

Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz. Der Gekreuzigte ist Ärgernis und Provokation bis heute. Willibald Bösen möchte mit seinem Buch Abhilfe schaffen, wenn er in den Brunnen der zweitausendjährigen Überlieferung hinabsteigt und in der Tiefe jene Quellen kritisch analysiert, mit denen das Glaubensbekenntnis zum Gekreuzigten als Erlöser der Welt begonnen hat. Auf Basis der Heiligen Schrift und im Deutungshorizont der ersten Christen erläutert der emeritierte Bielefelder Professor für katholische Theologie didaktisch die wichtigsten Kreuzestheologien. Zahlreiche Abbildungen garantieren ein sinnerfassendes Lesen und animieren zudem, in Verkündigung und Glaubensvermittlung wieder selbstbewusster vom christlichen Siegeszeichen zu sprechen.

Nach der Problemschilderung stellt Bösen im zweiten Kapitel das Kreuz in den Mittelpunkt und öffnet damit verschlossene Türen (Johannes 20, 19), die sich in einer ängstlichen Herzenshaltung widerspiegeln. Gott selbst befreit uns aus der Erklärungsnot, wenn er den Gekreuzigten im „Lichtkegel“ der Auferweckung erscheinen lässt. In diesem Licht tasten sich die Jünger an das Pascha-Geheimnis Jesu heran und erkennen deutlich, dass Kreuz und Auferstehung ein einziges Heilsgeschehen ist, das wie zwei Seiten einer Medaille zusammengehören.

Bevor Bösen auf Deute- und Interpretationshilfen eingeht, löst er apriori die Spannung zwischen den unterschiedlichen Akzentuierungen auf, indem kursorisch vielschichtige Interpretationen aus Hebräern, Diasporajuden und Heidenchristen Erwähnung finden. So ist es kaum verwunderlich, dass palästinensische Juden die Begegnung mit dem Auferstandenen eher im Kontext der hebräischen Bibel, dem Jerusalemer Opferkult und der Liturgie des Jom Kippur deuten. Griechisch-hellenistische Diasporajuden finden dagegen einen Kulturkreis vor, dem der Entsühnungsgedanke des jüdischen Tempels fremd ist. Sehr wohl bieten aber das freiwillige Sterben des Sokrates und der Altriusmus Epikurs‘ erste Anknüpfungspunkte für missionarische Erfolge unter den heidnischen Mitbürgern. Botschaft und Person Jesu sind naturgemäß die wichtigsten Quellen. Hier besonders das „Lösegeldlogion“ (Markus 10, 45), die drei Leidensankündigungen (Markus 8; 9; 10) und die Abendmahlsworte des Herrn. An diesem Punkt eröffnet sich die Frage, ob und wie Jesus seinen Tod als einen „für“ (anstelle/zugute) gedeutet hat. Bösen liefert vier Argumente: das nonverbale „für“ in Brot- und Kelchgestus, das proexistente Leben als Katalysator für eine grenzenlose Hingabe in den Tod hinein, den Gottesknecht des Jesaja und schließlich mit Helmut Merklein die Freiheit Jesu im Handeln.

Der nächste umfangreiche Hauptabschnitt ist dreizehn Deutungen der frühen Kirche gewidmet. Angeleitet durch die hebräische Bibel, dem Opferritus im Tempel, dem Wissen um einen hellenistischen Märtyrerkult und vor allem der jesuanischen Deutung, beginnt die junge Kirche den Tod Jesu zu begreifen. Dem Autor gelingt es mit den frühchristlichen Theologen, aus dem „sperrigen, abweisenden Kreuz ein Holz der Hoffnung zu zimmern“. 1 Korinther 15, 3 eröffnet ein breites Deutungsspektrum, das über Galater 3, 13 schließlich in Römer 8, 32 und Christi Selbstentäußerung im Philipperhymnus kulminiert. Hierbei wird auch die Frage nicht ausgeblendet, wie der Kreuzestod eine „Gott wohlgefällige Opfergabe“ (Epheser 5, 2) sein kann bzw. in welcher Form Kreuz und eucharistischer Opfercharakter korrelieren. Abgerundet wird dieses aussagekräftige Kapitel mit dem Hinweis auf das Hohepriestertum Jesu (Hebräer), dem Lamm Gottes und Jesu Todesbereitschaft als Ausdruck einer radikalen, zum Letzten bereiten Liebe (Johannes 15, 13).

Heilungen, Exorzismen, Sündenvergebung und Mahlgemeinschaft bezeugen eine Proexistenz des Herrn, dessen Leben und Da-Sein für andere schließlich im Kreuz seinen absoluten Höhepunkt erreicht. Im Kreuz „offenbart es sich in höchster Dichte als ein von einer radikalen und selbstlosen Liebe getragenes“.

Will der Christ das Kreuz Christi verkünden, so muss er zuerst den Blick weiten und nie isoliert das hölzerne Schreckensinstrument vor Augen haben, sondern vielmehr das innere Auge auf den ganzen Jesus richten und erkennen, dass Gott wirklich nichts ausschließt, um seine heilende Nähe den Menschen zu schenken. Unter diesem Blickwinkel könnte die Frage des Anselm von Canterbury vergegenwärtigt werden, warum Gott Mensch wird.

Das Werk eines katholischen Didakten wäre unvollständig, sofern der Anschluss an das Heute fehlen würde. Das letzte Kapitel liefert neun Gedanken, um die zentralen Glaubensinhalt von Sätze in Bekenntnisse zu verwandeln, um das Folterwerkzeug als eine Himmelsleiter zu offenbaren. Ein ansehnliches Literaturverzeichnis beschließt die Lektüre.

Willibald Bösens Werk gelingt es sowohl auf den Buchtitel eine Antwort zu geben als auch exegetisches und patristisches Wissen der Kreuzeswissenschaft einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Offen bleibt jedoch die Frage, warum kein Grafiker die 160 in den Text eingestreuten Bilder (als Download verfügbar) optisch und somit für die Katechese ansprechender gestaltet hat und warum ein zutiefst biblisches Buch kein Register der angeführten Bibelstellen aufweist und somit ein Nachschlagen ermöglicht. Wenn auch manche Bibelstellen von der historisch-kritischen Exegese flankiert sind oder Begrifflichkeiten des Katechismus hinterfragt werden, dem Leser wird eine Stärkung des Glaubenswissens und eine vertiefte Einsicht in die Theologie des Alten Testamentes dargeboten.

Willibald Bösen: Der Tod Jesu im Neuen Testament. Herder, Freiburg, 360 Seiten, ISBN 978-3-451-38714-2, EUR 26,–

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