Kiew/Berlin

Holodomor : Als der rote Teufel den Hungertod sandte

Der sowjetische Genozid am ukrainischen Volk wird heute aus ideologischen Motiven erneut bestritten, doch seine historische Wahrheit ist unbestreitbar.
Hungersnot in der Ukraine
Foto: Unbekannter Fotograf | Die Kommunisten leugneten stets, dass es eine politisch herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine gegeben habe. Dieses Foto aus der Sammlung des damaligen Wiener Kardinals Theodor Innitzer ruft das Gegenteil in ...

Er war eine der größten humanitären und moralischen Katastrophen des an Katastrophen reichen 20. Jahrhunderts, jahrzehntelang geleugnet und verdrängt – und heute neuerlich vom Kreml bestritten: der Holodomor (Hunger-Mord), Stalins Genozid am ukrainischen Volk. Was 1932/33 in der Ukraine geschah, war weder eine Naturkatastrophe noch überraschend, sondern von kommunistischen Ideologen herbeigeführt und gewollt. Indem der rote Tyrann im Kreml ihren Bauernstand vernichtete, raubte er der Ukraine alle Widerstandskraft und unterjochte ihre nationale Identität. Heute kämpft eine nach Europa hin orientierte Ukraine um die weltweite Anerkennung des Holodomor als Genozid – gegen den erneuten Widerstand Moskaus, wo kommunistische Verbrechen wieder verharmlost werden.

Nicht nur ukrainische Historiker sind nach der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität 1991 darangegangen, der jahrzehntelang tabuisierten Hungerkatastrophe der 1930er Jahre nachzugehen. Der Historiker Timothy Snyder hat mit seinem Bestseller „Bloodlands“ der Katastrophe ein literarisches Monument gesetzt. Noch faktenreicher und detaillierter hat die US-amerikanische Journalistin und Historikerin Anne Applebaum in ihrem neuen Werk „Roter Hunger“ alle Spuren offengelegt.

Obgleich das Verbrechen in der Sowjetunion totgeschwiegen wurde, obgleich Archive vernichtet und Dokumente gefälscht wurden, hebt sie zahllose Beweise und Zeitzeugenberichte ans Licht. Da sind Geheimdienstnotizen über „Kinder mit vor Hunger geschwollenen Bäuchen, Familien, die Gras und Eicheln aßen, Bauern, die ihr Zuhause auf der Suche nach Lebensmitteln verlassen“. Da sind erschütternde Belege für Hungerpsychosen. Den nahenden Hungertod vor Augen, brach alle Moral zusammen: „Ein Ehepaar steckte seine Kinder in ein tiefes Erdloch und ließ sie dort, um sie nicht sterben zu sehen… Eltern warnten ihre Kinder vor den Nachbarn, die sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatten; niemand wusste, wer sich als Dieb oder Spion herausstellen könnte – oder als Kannibale.“

Moskau plündert die Kornkammer Europas

Vorausgegangen war dem Holodomor, der mindestens fünf Millionen Menschen das Leben kostete, ein doppelter Versuch, die in Moskau verhasste und gefürchtete Ukraine ihrer Identität zu berauben: „Während auf dem Land die Bauern starben, attackierte die Geheimpolizei die geistigen und politischen Eliten der Ukraine“, so Applebaum. Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller und vor allem Priester gerieten ins Fadenkreuz. Schon 1918 hatte Lenin die Ukraine angegriffen: Wie Jahrzehnte später Wladimir Putin, so befahl Wladimir Lenin einen getarnten Einmarsch russischer Truppen. Von Anfang an ging es um die Plünderung der Kornkammer Europas. Während der Geheimdienst die Intellektuellen verhaftete, raubten Schläger der Roten Armee die Bauern aus.

Die Sowjetpropaganda machte aus erfolgreichen ukrainischen Bauern, den „Kulaken“, ideologische Sündenböcke und Feinde des Bolschewismus. 1920/21 kam es zur ersten Hungersnot. Moskau nutzte sie – wie ein Jahrzehnt später – um die Kirche zu schwächen. Kirchenbesitz wurde beschlagnahmt, Kirchen geplündert, Priester verhaftet. Um die nationale Identität der Ukraine zu zerstören und jeden Widerstand gegen den Bolschewismus zu brechen, zerschlug Stalin den freien Bauernstand und die im Volk verwurzelte Kirche.

Stalin wusste: Ohne Religion waren die Menschen
dem Sowjetstaat schutzlos ausgeliefert.

Applebaum schildert: „Überall in der Ukraine befahlen dieselben Brigaden, die die Kollektivierung organisierten, den Bauern auch, Kirchenglocken herunterzuholen und zu zerstören, sie einzuschmelzen, Kirchenbesitz zu verbrennen und Ikonen zu zerstören. Priester wurden verspottet und heilige Orte geschändet.“ Begleitet von einer Welle antireligiöser Propaganda wurden Priester und Kulaken deportiert, die kirchlichen Feiertage durch jene der Partei ersetzt, Kirchen zu Lagerhallen und Garagen profaniert. Stalin wusste: Ohne Religion waren die Menschen dem Sowjetstaat, seiner Propaganda wie seiner Gewalt, schutzlos ausgeliefert. Nicht nur die wirtschaftliche, auch die moralische Ordnung wurde vorsätzlich zerstört.

Die Zwangskollektivierungen degradierten Bauern zu Leibeigenen, die auf unproduktiven Kolchosen schufteten, ohne damit ihr Überleben sichern zu können. Widerstand wurde mit Verhaftungen, Deportationen und Gewalt gebrochen. Als die dritte, die größte Hungersnot 1932 begann, erließ der Staat Anweisungen, den Getreideexport ins Ausland aufrechtzuerhalten. Während verhungernde Bauern für den Diebstahl winzigster Mengen von Lebensmitteln mit dem Tod bestraft wurden, exportierte der Sowjetstaat mehr als fünf Millionen Tonnen Getreide, zudem Speck, Butter, Gemüse, Fisch und Fleisch, um Devisen in die Kasse zu spülen.

Ukrainer ringen um Anerkennung des Völkermords

Als sich die Hungertoten mehrten, sperrte Stalin die ukrainischen Grenzen für die Bauern. Nicht einmal durch Flucht sollten die Kulaken dem Hungertod entrinnen können. Bald „erregte es schon Verdacht, überhaupt am Leben zu sein“, schreibt Applebaum. „Wenn Familien lebten, besaßen sie Lebensmittel. Wenn sie aber Lebensmittel besaßen, hätten sie sie abgeben müssen.“ In der Logik Stalins waren sie damit Agenten und Feinde. Applebaums Fazit: „Es war eine politische Hungersnot, speziell zu dem Zweck geschaffen, den Widerstand der Bauern und damit die nationale Identität zu schwächen.“

Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der wiedererlangten Eigenstaatlichkeit konnte über den Kreuzweg angstfrei gesprochen werden. „Der Holodomor hat für die Ukrainer dieselbe historische Dimension und dieselbe sakrale Bedeutung wie der Holocaust für die Juden“, meint der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrij Melnyk, gegenüber der „Tagespost“. Der Holodomor zähle zu den größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit und müsse als solches verurteilt werden. Es gebe in der Ukraine kaum eine Familie, die von dieser Tragödie nicht betroffen ist. Das ukrainische Parlament verabschiedete 2006 ein Gesetz über den Holodomor, worin dieser als Völkermord bezeichnet wurde. Seither entstanden rund 7 000 Gedenkstätten: „Ein Zeichen dafür, dass der Holodomor zum untrennbaren Bestandteil der DNA des ukrainischen Volkes geworden ist“, so Melnyk gegenüber dieser Zeitung.

Viele Staaten haben den Holodomor als Genozid anerkannt, darunter Australien, Ecuador, Estland, Georgien, Kanada, Kolumbien, Lettland, Litauen, Mexiko, Paraguay, Peru, Polen, Portugal, Ungarn und die USA, ebenso der Heilige Stuhl. Der Deutsche Bundestag hat zwar den Genozid von 1915 an den Armeniern mittlerweile anerkannt, nicht aber Stalins Krieg gegen die Ukrainer. „Früher konnte man im Bundestag oft das Argument hören, Deutschland habe mit dieser Tragödie nichts zu tun, daher bestünde kein Handlungsbedarf. Diese Einstellung ist komplett falsch, denn ein Völkermord, das Verbrechen der Verbrechen, betrifft jeden Menschen, jede Nation und jeden Staat unmittelbar und erfordert eine Antwort“, so Botschafter Melnyk.

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