Heilige hautnah erfahren

Ein Schrein mit einer Reliquie der heiligen Bernadette Soubirous geht auf Deutschlandreise. Von Ulrich Nersinger
Schrein mit Reliquien der Bernadette aus Lourdes
Foto: IN | Die Begegnung mit Unserer Lieben Frau von Lourdes ließ Bernadette Soubirous schon auf Erden etwas vom Glanz des Himmels erkennen.

Schluss mit den Reliquien-Touren!“, empörte sich dieser Tage eine Journalistin auf einem katholischen Internet-Portal. Sie glaubt zu wissen: „Schon die Heiligenverehrung leuchtet heute nicht mehr jedem Katholiken ein – und sie muss es auch nicht.“ Aber reisende Reliquien seien erst recht „eine verstörende Frömmigkeitsform“ und „eine Störung der Totenruhe von Heiligen“.

„Reliquien-Touren“ können sich jedoch guten Wissens und Gewissens auf das Zweite Vatikanische Konzil berufen. Die größte Versammlung der Kirchengeschichte unterstreicht in der Dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“: „Im Leben derer, die zwar Schicksalsgenossen unserer Menschlichkeit, dennoch vollkommener dem Bilde Christi gleichgestaltet werden (vgl. 2 Korinther 3, 18), zeigt Gott den Menschen in lebendiger Weise seine Gegenwart und sein Antlitz“ (LG, 50). Selige und Heilige sind Weggefährten des Glaubens und bekunden auch durch ihre Reliquien hautnah ihre Anwesenheit unter uns.

Bis zum 24. November wird ein Reliquienschrein aus dem südwestfranzösischen Lourdes durch elf deutsche Diözesen reisen. Der Schrein birgt eine Rippe der heiligen Bernadette Soubirous (1844–1879). Die Rippe war 1925 anlässlich der Seligsprechung Bernadettes ihrem unverwesten Leichnam entnommen worden. Die erste Station der Reise wird der niederrheinische Wallfahrtsort Kevelaer im Bistum Münster sein, die letzte der Trierer Dom.

Im Jahr 1858 war der 14-jährigen Bernadette Soubirous in Lourdes die Gottesmutter erschienen. Insgesamt hatte Bernadette zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli achtzehn Erscheinungen. Die „schöne Dame“ trug dem Mädchen auf, für die Sünder zu beten und Buße zu tun. Bei der neunten Erscheinung grub Bernadette eine Quelle aus, die bis heute sprudelt. Ihr Wasser soll heilende Kräfte besitzen. Nach der letzten Erscheinung gab sich die „schöne Dame“ als die „Unbefleckte Empfängnis“ zu erkennen. Bernadette wurde 1866 Novizin bei den „Schwestern der Nächstenliebe“ in Nevers. Dort starb sie 1897 im Alter von 35 Jahren. 1925 wurde sie selig- und 1933 heiliggesprochen.

Lourdes zählt zu den bekanntesten Marienwallfahrtsorten der Welt. Jahr für Jahr pilgern an die sechs Millionen Gläubige – unter ihnen viele Kranke und Behinderte – zu der Erscheinungsstätte der Muttergottes, um dort Trost und Stärkung im Glauben, aber auch Heilung von Gebrechen zu erlangen. Von den vielen Heilungen hat die Kirche 70 offiziell als Wunder anerkannt. Für Papst Franziskus ist Bernadette von Maria, dem „Heil der Kranken“, angeschaut und durch die Liebe Gottes befähigt gewesen, ihren Nächsten zu bereichern und ihr Leben für das Heil der Menschheit darzubringen.

Reliquien-Touren“ haben heute für den Glauben an Gewicht gewonnen. Im Sommer 2009 traten die Reliquien des heiligen Don Bosco (1815–1888) eine sechsjährige Reise an, die sie in 133 Länder der Erde führte. 2015 konnten in vielen Ländern die sterblichen Überreste der heiligen Therese von Lisieux (1873–1897) verehrt werden, 2018 dann auch die ihrer heiliggesprochenen Eltern Louis und Zélie Martin.

2017 hatte die katholische Universitätsgruppe „Catholic Christian Outreach“ für die Armreliquie des heiligen Franz Xaver SJ (1506–1552), die normalerweise in der römischen Kirche Il Gesu aufbewahrt wird, eine Reise quer durch Kanada organisiert. Die Zerbrechlichkeit der Reliquie des Missionars aus dem Jesuitenorden, die in einem Behältnis aus Gold und Glas eingeschlossen ist, machte es erforderlich, dass man für sie eine speziell gepolsterte Reisetasche anfertigte – und sie auf Flügen einen separaten Sitz erhalten musste. „Erklären Sie einmal der ,Air Canada‘, warum wir für den Arm eines Heiligen einen eigenen Sitzplatz zu reservieren hatten“, berichtete Angele Regnier vom „Catholic Christian Outreach“ in einem Interview mit dem kanadischen Radiosender CBC.

„Reliquien-Touren“ können auch konfessionsübergreifend an Bedeutung gewinnen und sich vorbildlich in den Dienst der Ökumene stellen. 2017 reisten die Gebeine des heiligen Nikolaus vom süditalienischen Bari nach Russland. Für zwei Monate machten sie in den großen Kathedralen des Landes Station. Gut 2, 5 Millionen Gläubige nahmen stundenlanges Schlangestehen auf sich, um die Reliquien des Heiligen der ungeteilten Christenheit, der im vierten Jahrhundert in Kleinasien wirkte, zu verehren. Kurienkardinal Kurt Koch sah den Besuch der Reliquien in Moskau und St. Petersburg als ein „historisches Ereignis auf dem Weg zur Einheit der Kirchen“ an.

Selbst zur Bewältigung aktueller Kirchenkrisen können „Heilige auf Reisen“ ihren Beitrag leisten. So plant die engagierte US-amerikanische Laienvereinigung der Kolumbus-Ritter, noch in diesem Jahr das Herz des heiligen Pfarrers von Ars zur Begegnung mit den Gläubigen durch die Kirchengemeinden ihres Landes zu schicken – um das Ideal eines vorbildlichen Seelenhirten allen vor Augen zu führen.

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