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Gottes Gerechtigkeit ereilt jeden

Die Haltung, Gott und dem Nächsten das zu geben, was ihm gebührt, ist eine sittliche Tugend. Auch die göttliche Barmherzigkeit setzt diese Tugend nicht außer Kraft.
Sistine Chapel with new LED lighting
Foto: Musei Vaticani/Ansa/Claudio Peri (ANSA) | Der Mensch war in Gerechtigkeit geschaffen worden, hatte sie aber unter dem Einfluss des Bösen und in Auflehnung gegen Gott verloren.

In kirchlichen Debatten findet das Thema „Gerechtigkeit“ neuerdings verstärkt Erwähnung. Sie kommt ins Spiel, wenn es darum geht, für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, für ein gerechtes Einkommen, für die Erhaltung des Klimas und vieles mehr. Auch die Gerechtigkeit Gottes müsse im Sinn eines fairen, gemeinschaftlichen Verhaltens verstanden werden, alle sollen zu ihrem Recht kommen. Zudem sei Gott kein Erbsenzähler, der auf die penible Einhaltung seiner Gebote poche, vielmehr sei seine Gerechtigkeit in einem weiteren Sinn zu verstehen, denn Gott strafe nicht. So stellt sich die Frage: Was also ist die Gerechtigkeit Gottes und worin besteht sie? Diese Frage wird dringend vor allem mit Blick auf das Ende des eigenen Lebens.

Von der letzten Gerechtigkeit

Zunächst ist festzuhalten, dass Gerechtigkeit eine sittliche Tugend ist. Damit ist eine beständige Haltung gemeint, Gott und dem Nächsten das zu geben, was ihm gebührt. Wenn in einer Gesellschaft die Gerechtigkeit auf Dauer nicht eingehalten wird, dann nimmt das Gemeinwohl Schaden und wird nicht lange Bestand haben. Wenn die Gerechtigkeit gegenüber Gott fehlt – die auch als Tugend der Gottesverehrung bezeichnet wird –, dann kann der Mensch vor Gott nicht bestehen. Nicht ohne Grund heißt es im Matthäusevangelium: „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden“ (Mt 5,6).

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Auch wenn in dieser Welt die Gerechtigkeit nicht selten mit Füßen getreten und dadurch die Harmonie und das Miteinander beschädigt oder gar zerstört wird, so gibt es doch eine letzte Gerechtigkeit, eine göttliche Gerechtigkeit. Der Hunger danach ist dem Menschen ins Herz geschrieben. So heißt es im Katechismus: „Das Letzte Gericht wird zeigen, dass die Gerechtigkeit Gottes über alle Ungerechtigkeiten, die von seinen Geschöpfen verübt wurden, siegt.“ Zweifellos hat der Künstler Michelangelo Buonarroti diese Tatsache im Hinterkopf gehabt, als er in der Sixtinischen Kapelle das Bild vom Jüngsten Gericht schuf. Aber wie ist das zu verstehen?

Ausgleichende Gerechtigkeit

Der Mensch war in Gerechtigkeit geschaffen worden, hatte sie aber unter dem Einfluss des Bösen und in Auflehnung gegen Gott verloren. Sie fehlte fortan. Dies zeigt sich schmerzhaft im täglichen Leben. Daher verpflichtet jede Verfehlung gegen die Gerechtigkeit zur Wiedergutmachung. Ein Mangel in diesem Bereich muss ausgeglichen werden, denn er zieht Strafe nach sich. So heißt es im Psalm: „Überheblich sagt der Frevler: Gott straft nicht. Es gibt keinen Gott“ (Ps 10,4).

Ohne ausgleichende Gerechtigkeit kann niemand bestehen, weder vor Gott noch vor den Menschen. So heißt es im Buch Exodus: „Denn ich bin der Herr, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott: Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen“ (Ex 20,5). Im Brief an die Galater wird dieser Gedanke fortgeführt, wenn der Apostel Paulus schreibt: „Täuscht euch nicht: Gott lässt seiner nicht spotten; denn was der Mensch sät, wird er auch ernten“ (Gal 6,7).

Gebote zu halten, genügt nicht

Die Einhaltung der Gebote ist der erste Schritt, um der göttlichen Gerechtigkeit genüge zu leisten (vgl. Joh 15,10), aber selbst das ist nicht ausreichend. Der Mensch wird nur dann vor Gott bestehen können, wenn er ihn im Glauben annimmt, denn niemand kann sich selbst erlösen. Dazu schreibt der Apostel: „Der aus Glauben Gerechte wird leben“ (Röm 1,16-17).

Die göttliche Gerechtigkeit ist die Kehrseite der göttlichen Barmherzigkeit. Wer die durch den Glauben kommende Gnade Gottes ablehnt, die sich in seiner Barmherzigkeit zeigt, muss den Kelch der Gerechtigkeit trinken. Daher ruft der Apostel Paulus mit Nachdruck auf: „Lasst euch mit Gott versöhnen! Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,20-21).

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