Regensburg

Glaube soll nach Leben schmecken

Der Kongress „Freude am Glauben“ ermutigt zur Evangelisierung.
Lachende Engel im Regensburger Dom
Foto: Harald Oppitz | Der lachende Engel im Regensburger Dom veranschaulichte das Predigtthema des Bischofs: die christliche Freude.

Der Kongress ist jünger und übersichtlicher geworden: Im Regensburger Kolpinghaus trafen sich am Wochenende bei hochsommerlichen Temperaturen etwa 450 Teilnehmer bei den Hauptveranstaltungen von „Freude am Glauben“. Parallel dazu bot das Forum Deutscher Katholiken ein Jugendprogramm an. Auf der Ständemeile begegneten die Besucher neuen Gesichtern: Mit engagierten jungen Frauen präsentierte sich die Initiative Maria 1.0 erstmals auf dem Kongress.

Funken des Göttlichen

Bewegt gedachten die Teilnehmer des 2021 verstorbenen Journalisten Jürgen Liminski, der beim Kongress regelmäßig mit Humor und Lebenserfahrung über Ehe und Familie gesprochen hatte. Roger Zörb moderierte souverän und stilsicher das Programm, das einen Mix aus vertrauten und neuen Stimmen bot und in diesem Jahr darauf verzichtete. Auf eine Resolution verzichtete der Kongress in diesem Jahr. Zum Auftakt im Regensburger Dom setzten die Domspatzen unter der Leitung von Domkapellmeister Christian Heiß musikalische Glanzlichter. Bischof Rudolf Voderholzer sprach das Leitmotiv des Kongresses an. „Freude gibt es nur als Geschenk von oben“ unterstrich er und verwies auf den „Lachenden Engel“, der berühmtesten Skulptur des Regensburger Doms.

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Eindringlich rief er den Gläubigen die Würde der Gotteskindschaft und den Wert des Lebens ins Gedächtnis. Beim Pontifikalamt sagte er: „Wir betrachten jeden Menschen unabhängig von allem, was er macht oder denkt, als Gottes geliebtes Kind.“ Auch betrachteten Christen demnach jedes Kind als ein Wunder und ein Gottesgeschenk, welches das Lebens seiner Eltern zwar nicht einfacher, aber wärmer, reicher und sinnvoller mache. Jeder Mensch trage den Funken des Göttlichen in sich und könne Erfüllung erfahren. „Wir sind der Überzeugung, dass das menschliche Leben auch in Krankheit und Alter sinnvoll und schützenswert ist“.

Defizite in Hinblick auf das christliche Menschenbild

Bischof Voderholzer ermutigte zu einer viel größeren Wertschätzung der Familie: Die Kirche stehe mit großem Einsatz für ein „flächendeckendes Angebot an Beratung und Hilfe“ und biete in Not geratenen Müttern jede nur erdenkliche Unterstützung an. Wieviel Arbeit hier nach wie vor auf die Kirche wartet, verdeutlichte der Vortrag vom Schirmherrn der Veranstaltung, dem früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Werner Münch. Er hielt der Ampelkoalition schonungslos die Defizite der Familienpolitik vor und zeichnete die politischen Defizite im Hinblick auf das christliche Menschenbild nach.

Dass manche Zeitgenossen inzwischen allergisch auf das friedliche Bekenntnis zur biblischen Schöpfungsordnung und zum Recht auf Leben reagieren, ließ sich an den Plakaten des feministischen Kollektivs „Eben.Widerspruch“, dessen Aktivistinnen gegen den Kongress protestierten, ablesen.

"Ein halbes Leben gibt es nicht“

Auch der Augsburger Oberhirte Bertram Meier fand klare Worte zum Lebensschutz. Im Hinblick auf die Forderung von ZdK-Präsidentin Irme Stetter-Karp nach einem flächendeckenden Angebot von Möglichkeiten, Ungeborene abzutreiben, erklärte der Bischof, dass er sich anfangs darüber geärgert, dann aber vorgenommen habe, den Spieß umzudrehen und sich nicht mehr zu ärgern: Er wolle bei sich selbst anfangen und einen Vorsatz fassen: Als Bischof wolle er sich für das Evangelium des Lebens einsetzen. „Wo es um Leben und Tod geht, gibt es keinen Kompromiss. Ein halbes Leben gibt es nicht.“

Es sei allerdings, so Bischof Meier, „zu wenig, wenn sich nur einige Bischöfe und einige engagierte Frauen und Männer für den Schutz des Lebens einsetzten: Diese fühlten sich oft „wie einsame Johannesse in der Wüste“. Wörtlich sagte der Augsburger Oberhirte: „Wir brauchen Sie, liebe Schwestern und Brüder! Machen Sie nicht nur den Mund auf, sondern zeigen Sie, dass Leben, auch wenn es menschlich gesehen schwierig werden könnte, oft zu einer großen Freude führt, wenn es ausgetragen wird“. Seine große Sorge sei, dass das Angebotsnetz für Abtreibungen nach der Maxime „wie am Anfang, so am Ende“ Schule mache. Vielleicht werde dazu aufgefordert, ein flächendeckendes Netz für assistierten Suizid einzurichten. „Gott möge es verhüten“, schloss Bischof Meier seine Überlegungen.

Ohne Papst keine katholische Kirche

Dass die Konflikte in katholischen Kreisen zuweilen grenzwertig verlaufen, ließ der Großkanzler der Philosophisch-theologischen Hochschule Benedikt XVI. und Abt von Stift Heiligenkreuz Maximilian Heim OC durchblicken. „Die kirchenpolitischen Streitereien machen uns kaputt“, sagte er und ermutigte zum Schulterschluss mit dem Nachfolger Petri: „Wir müssen wirklich die Einheit mit dem Papst leben, denn ohne ihn gibt es keine katholische Kirche.“ Mit Nachdruck warb Abt Maximilian um eine intensivere eucharistische Frömmigkeit als Quelle der Erneuerung der Kirche.

Angesichts der unterschiedlichen, zum Teil auch verwirrenden Reformvorstellungen in katholischen Kreisen plädierte der Dogmatiker Ralf Weimann für ein stärker an der Heiligen Schrift ausgerichtetes Reformverständnis und eine neue Hinführung zum lebendigen Gott. Das Prinzip christlicher Reform bringe Johannes der Täufer auf den Punkt, als er Christus in den Mittelpunkt stelle: „Er muss wachsen, ich muss geringer werden.“

Unterschied zwischen Anpassung und Reform

Eine Reform könne, so Weimann, nicht darin bestehen, „etwas vom Glaubensgut wegzunehmen, zu verwässern oder gar zu ignorieren“. Das Wesen christlicher Reform bestehe darin, sich an jene Form anzugleichen, die Jesus Christus sei. Es gebe einen fundamentalen Unterschied zwischen Anpassung und Reform, unterstrich der Dogmatiker. Reform nehmen Maß an jener Form, die den Christen durch Jesus geoffenbart worden sei.

Alltagstaugliche Tipps für die Evangelisierung bot das Podium zur Neuevangelisierung. Pfarrer Reinfried Rimmel, Leiter der Abteilung Evangelisierung im Augsburger Ordinariat, brachte seine Mitstreiter mit Menükarten aus der Starterbox auf den Geschmack des Evangeliums. Die Inspirationshilfe für Seelsorge und Katechese erinnert die Getauften an ihren Auftrag und regt zum Glaubensgespräch an. „Wenn ein Lebenszeugnis nach Gott schmeckt, dann schmeckt es nach Hoffnung“, unterstrich er. Bernd Duchscherer, Mitarbeiter der Erzdiözese München-Freising berichtete vom Kathkurs in München, einem Katechesekonzept für Gruppen, die elf Abende gemeinsam gestalten. Es wurde von mehreren bayerischen Bistümern entwickelt.

„Hört nicht auf zu beten!"

Positive Erfahrungen mit dem Format „Missionarische Woche“ teilte Christine Meichelböck mit dem Publikum. An der Haustür kam sie mit Zweiflern und Kirchenskeptikern ins Gespräch. Abends aßen und beteten die Missionare gemeinsam. „Es hat unseren ganzen Familienalltag geprägt“, sagte sie. „So anstrengend es auch war – wir hätten uns gewünscht, so sähe unser Leben immer aus.“

Nach Zeiten der Kirchenferne hatten die junge Mutter und ihr Mann selbst wieder zum Glauben gefunden. Den Wandel führte sie auf die beharrlichen Gebete der Großeltern zurück. „Ich möchte sie ermutigen“, wandte sie sich an das Publikum: „Hört nicht auf zu beten! Der Herr kann es mit Sicherheit irgendwann verwenden.“

Sinn des Sakraments

Eine Chance zur Bekehrung bietet die Sakramentenvorbereitung. Schwester Mechthild Steiner OP vom Dominikanerinnenkloster Wettenhausen verwies auf den Erstkommunionunterricht. 150 000 Eltern meldeten jedes Jahr ihren Nachwuchs zur ersten heiligen Kommunion an. Manche Pfarreien verpflichteten inzwischen die Eltern, an Besinnungstagen für Erstkommunionkinder im Kloster teilzunehmen, berichtete sie.

Mit Erfolg: Manche Eltern verstünden durch Kinderkatechesen den Sinn des Sakraments. Der Besinnungstag eröffne so der ganzen Familie einen gemeinsamen Glaubensweg. Die Frage, ob die Gemeinde gerade ihnen gibt, was das Evangelium zu bieten hat, stellt sich daher unablässig. Christine Meichelböck hat das erlebt: „An uns Christen muss man sehen können, dass der Glaube nach Leben schmeckt.“

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