Kirche

„Gefährtin des Erlösers“

Mehr als Neues Testament: Was die Heilige Schrift über die Mutter Jesu aussagt – Ein Gespräch mit Manfred Hauke. Von Maria Pelz
Gnadenbild der Knotenlöserin; Aufnahme aus Philadelphia.
Foto: KNA | Unzählige Fürbitten auf Papierstreifen umrahmen das Gnadenbild der Knotenlöserin; im Bild eine Aufnahme aus Philadelphia.

Mit dem Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel beginnen vier Wochen, in denen die Kirche mehrere Marienfeste feiert. Zeit für eine biblische Spurensuche nach der Mutter Jesu und neben den Zeugnissen des Neuen Testaments auch das Alte Testament ins den Blick zu nehmen. Maria Pelz sprach darüber mit dem Mariologen Manfred Hauke, Vorsitzender der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“.

Herr Professor Hauke, Maria ist eine zentrale Gestalt des Neuen Testaments. Wenn wir die Bibel von ihrer Ganzheit her lesen, finden wir einen inneren Zusammenhang zwischen den einzelnen Büchern und auch zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Wie würden Sie ihn grundsätzlich charakterisieren?

Schon der heilige Augustinus betont: „Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, und das Alte wird im Neuen aufgedeckt“ („Novum Testamentum in Vetere latet, et in Novo Vetus patet“) (Quaest. in Heptateuchum 2,73). Die Einheit der Heiligen Schrift ergibt sich aus dem ewigen Plan des dreifaltigen Gottes, der die Offenbarung des Mensch gewordenen Sohnes in der Geschichte Israels vorbereitet. Christus selbst nimmt in den Evangelien darauf Bezug, wenn er etwa sagt: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich gesagt ist“ (Lukas 24, 44). Wichtig ist dabei der Bund zwischen Christus und der Kirche, der bereits im Bund zwischen Gott und dem Volk Israel vorgebildet ist. Maria als Urbild der Kirche gehört in diesen Gesamtzusammenhang.

Wie haben diese Evangelisten die Rolle Marias im Leben Jesu auf dem Hintergrund des AT gedeutet?

Matthäus, der die Jesaja-Stelle ausdrücklich zitiert, kennzeichnet Maria als Jungfrau und Mutter des „Emmanuel“ („Gott mit uns“) (Matthäus 1, 23). In ihr kommen die Züge der Königsmutter aus dem Geschlechte Davids zum Vorschein. Mehrfach erscheint die formelhafte Redewendung „das Kind und seine Mutter“ (Matthäus 2, 11.13.14.20.21). Deutlich wird dabei, dass Maria von ihrem Sohn nicht zu trennen ist.

Besonders gehaltreich ist das Evangelium nach Lukas, der auch die Apostelgeschichte verfasst hat. Er zitiert das AT nicht ausdrücklich, aber in seiner Erzählung lassen sich gleichsam eine ganze Reihe von „Fäden“ finden, die auf die Vorbereitung in der Geschichte Israels weisen. Bei der Verkündigung des Engels ähneln mehrere Züge der von den Propheten geschilderten „Tochter Zion“, einer sinnbildhaften Verkörperung des Volkes Israel und deren mütterlicher Fürsorge für ihre Kinder. Dazu gehört etwa die Aufforderung zur Freude und das Aufhören der Furcht angesichts der Gegenwart Gottes. Der Besuch Mariens bei Elisabeth erinnert an die Ankunft der Bundeslade im davidischen Jerusalem, während der Gruß Elisabeth die Worte aufnimmt, die Judith zugesprochen werden nach dem Sieg über den Feind.

Vor diesem Hintergrund schreiben die Christen Maria eine große Bedeutung für die Heilsgeschichte zu. Können Sie diese Bedeutung kurz zusammenfassen?

Die heilsgeschichtliche Bedeutung der Gottesmutter lässt sich mit der Umschreibung als „neue Eva“ kennzeichnen. Dieser Vergleich ist bereits angelegt im Johannesevangelium, worin Jesus seine Mutter als „Frau“ anspricht (bei der Hochzeit zu Kana und unter dem Kreuz). In der Offenbarung des Johannes erscheint die apokalyptische Frau als das „große Zeichen“, das dem roten Drachen entgegengesetzt wird, mit einem Hinweis auf Genesis 3,15, dem „ersten Evangelium“, das die „Frau“ (die Mutter des Messias) als Feindin der „Schlange“ vorstellt. Ausdrücklich beginnt der Vergleich zwischen Eva und Maria bei den Kirchenvätern Justin und Irenäus (2. Jahrhundert); daran erinnert etwa das bekannte Bild von der „Knotenlöserin“. Eva findet sich in der Urgeschichte als Gefährtin Adams sowie als „Mutter aller Lebendigen“ (Genesis 3, 20). Ganz ähnlich ist Maria als Gefährtin Christi des Erlösers zu sehen, sowie als geistliche Mutter all derer, die zu ihrem Sohn gehören.

Die heutige Exegese kennt eine Vielzahl von Deutungsansätzen, die bei der Auslegung einer Einzelstelle immer den gesamten Bibelkanon als Grundlage berücksichtigt. Was ist der Beitrag der Theologie des 20. und auch 21. Jahrhunderts für die Interpretation der Rolle Marias?

Bei der Auslegung des Alten Testaments im Blick auf Maria ist stets der Bezug der Stellen auf das Neue Testament im Blick zu haben, aber auch die geistliche Deutung in der Überlieferung der Kirche, angefangen mit den Kirchenvätern. Dabei ist die Auslegung des wörtlichen Sinnes – der von der historischen Exegese zu erschließen ist – zu unterscheiden von der späteren Rezeption, die über die früheren Ansatzpunkte hinausgeht. Für einen Beweis eignet sich nur, wie schon Thomas von Aquin betont, der wörtliche Sinn. Eine theologische Gesamtschau bringt die Verbindung mit dem Geheimnis Christi und der Kirche zur Geltung. Hierbei ist sehr wichtig das Studium der Kirchenväter, die trotz unterschiedlicher Ansätze – etwa in der antiochenischen und alexandrinischen Exegese – auf eine Deutung Wert legen, die Christus in den Mittelpunkt rückt. Auch die mittelalterliche Exegese ist fruchtbar, insofern sie neben der wörtlichen Auslegung die Ausrichtung auf Christus, auf das praktische Verhalten im Alltag und auf die endzeitliche Vollendung zur Geltung bringt (vierfacher Schriftsinn). Das Vorbild der Kirchenväter wird sehr deutlich in dem wichtigsten Dokument des Zweiten Vatikanums, der Dogmatischen Konstitution über die Kirche. Die kanonische Exegese der neueren Zeit hat von daher eine lange Tradition.

Wir kennen verschiedene biblische Metaphern für Maria aus der Lauretanischen Litanei und dem Hymnos Akathistos: Sitz der Weisheit, Lade des Bundes, Tempel Gottes, Tochter Israels ... Inwiefern sind diese Bilder eine notwendige Ergänzung für eine einseitig rational-systematische Exegese?

Die genannten Metaphern haben allesamt eine Verbindung mit dem Geheimnis des Bundes zu seinem Volk. Sie bringen den „geistlichen Sinn“ des Alten Testamentes auf den Punkt oder illustrieren einen Gehalt, der allein vom Neuen Testament her erkennbar ist. Dabei lässt sich eine bloße Illustration (oder „Akkommodation“), etwa im Vergleich der Jungfrauengeburt mit dem „brennenden Dornbusch“, nicht immer scharf trennen von einer geistlichen Sinngebung, die ihren Haftpunkt besitzt in den biblischen Texten selbst (so etwa in der Rede von Maria als „Sitz der Weisheit“). Eine aufmerksame philologische Erforschung des Bibeltextes ist kein Gegensatz zu dessen meditativer Vertiefung im Blick auf den Bund zwischen Christus und der Kirche. Katholische Exegese sollte Theologie sein und nicht nur altorientalische Philologie.

Maria wird als „Frau des Bundes“ bezeichnet. Inwiefern ist in Marias Leben die Tiefenstruktur des Bundes, den Gott mit allen Menschen schließen möchte, verwirklicht?

Maria ist zunächst einmal die Empfangende, welche die Gnade Gottes schon an ihrem Lebensursprung empfängt. Dadurch wird sie fähig, zum Bund Gottes als frauliche Vertreterin der zu erlösenden Menschheit „Ja“ zu sagen. Das Empfangen hat das Mitwirken als Gefährtin des Erlösers ermöglicht. Dieses Empfangen und Mitwirken kennzeichnet der heilige Johannes Paul II. („Mulieris dignitatem“) im Anschluss an Hans Urs von Balthasar als „marianisches Profil“, das kennzeichnend ist in seiner symbolhaft weiblichen Prägung für alle getauften und gefirmten Christen. Es ist unterschieden vom „petrinischen Profil“ des geweihten Priestertums, das Christus als Haupt und „Bräutigam“ der Kirche zur Geltung bringt. Maria als „neue Eva“ ist aber gleichzeitig auch „Mutter“ der Kirche, insofern ihre Mutterschaft Christus gegenüber sich auf alle Glieder des mystischen Leibes Christi ausdehnt.

Es überrascht zunächst, dass auch das Hohelied der Liebe, das einzige ursprüngliche Liebeslied im Alten Testament, das auf die Beziehung zwischen Christus und der Kirche bezogen wird, auch marianisch ausgelegt werden kann. Können Sie diesen Zusammenhang erklären?

Das Hohelied der Liebe hat nur deshalb Aufnahme in die Bibel gefunden, weil es schon im jüdischen Kontext ausgelegt wurde als bildhafte Schilderung der Liebe zwischen dem göttlichen „Bräutigam“ und der „Braut“ des Volkes Israel. Schon vor dem Hohenlied sprechen die Propheten seit Hosea vom Bund Gottes mit seinem Volk im Bild der Ehe. Hinzu kommt die Deutung der „Braut“ auf die Seele, die Gott als „Bräutigam“ sucht, als Ziel der Sehnsucht nach Liebe und Seligkeit. Die Kirchenväter ziehen diese Linie weiter aus im Blick auf den Liebesbund zwischen Christus und der Kirche. Da Maria als heiler Ursprung und „Urbild“ der Kirche erscheint, ist es ganz natürlich, dass der heilige Ambrosius als erster die „Braut“ des Hohenliedes auch auf Maria deutet. Die menschliche Seele in ihrer Liebe zu Gott, die sich dem himmlischen Bräutigam öffnende Gemeinschaft der Kirche, und die Gottesmutter Maria erscheinen dann schließlich in einer einzigen Perspektive eng miteinander verbunden.

Die Kirche in Deutschland ist in einer schwierigen Situation. Materiell sehr gut ausgestattet, laufen ihr die Menschen weg. Wo sehen Sie hilfreiche Ansätze für die Zukunft der Kirche, die sich aus den theologischen Überlegungen über Maria ergeben?

Auszugehen wäre hier vom Glauben Marias, mit dem sie die Offenbarung Gottes annimmt und das ganze Leben darauf baut. Sie öffnet ihre Augen für das von Gott gegebene Zeichen in der Geburt Johannes des Täufers aus ihrer greisen Verwandten Elisabeth. Sie lässt die vielfältigen Gnadenerweise Gottes nicht an sich abgleiten, sondern „bewegt“ die von Gott gewirkten Ereignisse in ihrem „Herzen“ (Lukas 2, 19.51). Dieses betrachtende Gebet ist auch ein Schlüssel für die Neugeburt des Glaubens im müde und altersschwach gewordenen Europa. Die „ersten Monatssamstage“ nach der Botschaft von Fatima können dazu eine wirksame Hilfe sein (mit der Betrachtung des Lebens Jesu aus der Perspektive Mariens in den Rosenkranzgeheimnissen). In der Pfingstnovene erfleht Maria inmitten der Urkirche die Herabkunft des Heiligen Geistes, der die verängstigte kleine Schar zu einem wirksamen Zeugnis ausrüstet. Ihr Besuch bei Elisabeth zeigt sie als diejenige, die Jesus in seiner Segenskraft zu anderen Menschen bringt: Johannes der Täufer und dessen Mutter werden erfüllt vom Heiligen Geist. Bei der Hochzeit zu Kana bewirkt sie durch ihre Fürbitte das erste Wunder Jesu, das Mut macht für die gesamte Zeit der Kirchengeschichte. Aufgenommen in den Himmel, ist sie ein Zeichen für die Kirche, die nicht der Verderbnis unterliegt.

Mit dem Thema Maria und das Alte Testament befasst sich ausführlich der von Manfred Hauke herausgegebene Tagungsband der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“: Maria und das Alte Testament. (Mariologische Studien 24), Pustet Verlag, Regensburg 2015, 278 S., EUR 29,95

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