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Franziskus wird 85: Der Papst und seine Vision

Die Kirche soll die Liebe Gottes widerspiegeln. Das zu bezeugen, darin sieht der Papst seine Mission. Zu seinem 85. Geburtstag wünscht man ihm ebenso die hohe Kunst des klugen und gerechten Regierens.
Papst Franziskus gibt Audienz
Foto: Andrew Medichini (AP) | Papst Franziskus feiert heute seinen 85. Geburtstag.

Für einen jetzt 85-Jährigen übt Papst Franziskus sein Amt kraftvoll aus. Die nicht unkomplizierte Darm-Operation Anfang Juli hat er bestens überstanden, wie nicht zuletzt sein Besuch auf Zypern und in Griechenland gezeigt hat. Ein volles Programm – und beim Thema „Migranten“ ging ihm das Herz auf. So kennt man ihn: Einer allzu verkrusteten Kirche mit ihren Bürokratien und einem gewissen klerikalen Standesdünkel – gerade der Vatikan ist da nicht ausgeschlossen – hält er das Evangelium entgegen.

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Zu den Armen

Statt eines „selbstbezüglichen“ Apparats, in dem es viel um Ämter, Karrieren und (theologisches) Konkurrenzdenken geht, sehnt er sich nach einer Kirche, die weiß, dass sie wie der Mond kein eigenes Licht hat, sondern das Licht der Sonne widerspiegeln muss, das heißt Gott, die Liebe des Vaters und seine Barmherzigkeit. Wie anders soll der katholische Glaube auf fruchtbaren Boden fallen, wenn seine Verkünder nicht auf die tiefsten Sehnsüchte des Menschen nach ewigem Glück bei Gott verweisen? Und da ist der Jesuit Bergoglio ganz jesuanisch: hinaus zu den Leuten, zu den Armen und Menschen zweiter Klasse, zu denen, die unter der Last des Lebens zu leiden haben.

Allerdings haben die Kardinäle 2013 auch jemanden gewählt, der die Kirche führt, der sie regiert, wie Päpste nun einmal zu regieren haben. Jemanden, der einen klaren Kurs fährt, aber die Fähigkeit mitbringt, so viele wie möglich auf diesem Weg „mitzunehmen“. Es hat Schockwellen ausgelöst, als Franziskus auf dem Rückflug von Griechenland nach Rom bekannte, er habe den Pariser Erzbischof „auf dem Altar der Heuchelei“, das heißt auf den Druck der Medien hin geopfert. Wer wird der Nächste sein? Die Kurienreform, die der Papst schon in vielen Details im Alleingang vorweggenommen hat, kommt nicht zu einem endgültigen Abschluss. Stattdessen betreibt ein Synodensekretariat einen synodalen Weltprozess von zwei Jahren, bei dem man nicht weiß, worum es geht. Eine Befragung läuft. Ist jetzt das Volk Gottes die Quelle der Offenbarung?

Gerechtigkeit in der Kirche

Aupetit in Paris ist kein Einzelfall. Soeben kommt die Nachricht, dass der Vatikanprozess gegen Kardinal Angelo Becciu erneut vertagt wurde, ins Jahr 2022. Die Anklage bekommt ihre Beweise nicht auf die Reihe. Dabei hatte Franziskus seinen ehemaligen Vertrauten Becciu schon vor über einem Jahr öffentlich verurteilt und ihn als Kardinal deklassiert. Presseberichte spielten damals die ausschlaggebende Rolle, so wie jetzt, als Erzbischof Aupetit über die Medien stolperte. Wie der Mond die Liebe Gottes widerspiegeln – das ist gut. Aber in der Kirche muss auch Gerechtigkeit sein.

Santa Marta regiert

Seit der letzten Zusammenkunft aller Kardinäle beim Konsistorium von 2014 hat Franziskus sein wichtigstes Beratergremium nicht mehr zusammengerufen. Was nicht nur bedeutet, dass Santa Marta (wer geht da ein und aus?) seither Vatikan und Kirche regiert, sondern dass sich die vielen neu ernannten Kardinäle untereinander kaum kennen und auch den älteren Amtsbrüdern weitgehend unbekannt sind. Entsteht so Synodalität?

Wenn Papst Franziskus, heute,  am 17. Dezember 2021,  85 Jahre alt wird, kann man ihm nur wünschen, dass er sein Werk der Evangelisierung noch lange weiterführt. Doch für ein paar Hausaufgaben als Papst wünscht man ebenso viel Kraft.

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