Europa in der geistigen Krise

Renovabis, Pro Oriente und G2W ziehen in Wien gemeinsam Bilanz. Von Stephan Baier
Ukraine feiert Unabhängigkeit mit Militärparade
Foto: Foto: | Der Glaube hat vielen Osteuropäern Kraft für den Kampf um Unabhängigkeit gegeben. Die Aufnahme zeigt ukrainische Gläubige in Kiew.dpa
Ukraine feiert Unabhängigkeit mit Militärparade
Foto: Foto: | Der Glaube hat vielen Osteuropäern Kraft für den Kampf um Unabhängigkeit gegeben. Die Aufnahme zeigt ukrainische Gläubige in Kiew.dpa

Wien (DT) Einblicke in die gesellschaftliche und kirchliche Lage der Länder Mittel- und Osteuropas gab eine gemeinsame Konferenz der Fach- und Hilfsorganisationen Renovabis, Pro Oriente und G2W (Glaube in der zweiten Welt) in der Vorwoche in Wien. Vertreter aus Kirchen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft aus vierzehn Ländern diskutierten Fragen der Zukunft Europas und seines Wertefundaments. „Die Vielzahl der Krisen überfordert die Politik und auch die Kirchen“, diagnostizierte Ingeborg Gabriel, Professorin für Christliche Gesellschaftslehre und Sozialethik in Wien. Sie lehnt die Rede von der Angst als unzulässige Psychologisierung ab, ortet aber eine „Verunsicherung“, die die Kirchen wie die Gesellschaften Europas erfasst habe. Europa sei reicher und friedlicher denn je, leide heute aber an einer „geistigen Krise“, einer „Krise der Selbstwahrnehmung“.

Offensichtlich sei, „dass es uns heute an geistigen Ressourcen mangelt“. Es dränge sich die Frage auf, welche Impulse die Kirchen zur Überwindung der Krise geben könnten. „Das Werk der Versöhnung ist den Kirchen nicht nur im Beichtstuhl anvertraut“, meinte die Sozialethikerin mit Blick auf aktuelle Spaltungen und Spannungen. Die Kirchen sollten historisches Unrecht ansprechen und Vergebungsbitten initiieren, wie es Papst Johannes Paul II. getan habe. In Mittel- und Osteuropa greife ein „Gefühl des westlichen Wirtschafts-Kolonialismus“ um sich, sagte Gabriel, die zugleich vor einer nationalistischen Renaissance warnte. Die Kirchen könnten Impulse für einen neuen Humanismus geben. Gabriel sieht die Orientierungskrise als Chance für die Kirchen, die eschatologische Hoffnungspotenziale aufzeigen sollten.

Skeptischer war Konrad Clewing, Vize-Direktor des „Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung“ (IOS) in Regensburg: Er ortet eine Lösung der Integrationskrise Europas in der katholischen Soziallehre, nämlich im Prinzip der Subsidiarität. Die Ernennung der Europäischen Union zur „Solidargemeinschaft“ im Zuge der Griechenland-Krise stellte Clewing in Frage: „Dass wir in Europa solidarisch sein sollen, ist eine neue Idee.“ Nothilfe wäre aus seiner Sicht vertretbar gewesen, nicht aber dauerhafte Solidarität. Selbst in der Habsburger-Monarchie wäre niemand auf die Idee eines massiven Transfers vom reichen Böhmen ins arme Bosnien gekommen, meinte der Historiker.

Demgegenüber verwies der stellvertretende Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen in der EU (COMECE), Michael Kuhn, darauf, dass das Solidaritätsprinzip seit 1992 im EU-Vertrag festgeschrieben ist. Kuhn räumte ein, dass das Fortbestehen mehrerer Krisen nebeneinander Unsicherheiten und Ängste auslöse. Risse, Brücke und Verwerfungen würden sich aber auch durch die Kirche ziehen. In den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas gebe es die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität, und den Eindruck, „Verlierer der Geschichte zu sein“. Das „Gefühl, an einer Epochenschwelle zu leben“, während sich das Neue nur in Umrissen schemenhaft zeige, sei die Ursache wachsenden Misstrauens. Papst Franziskus habe in fünf Reden zu Europa Ermutigungen gegeben, den Menschen hinter den Zahlen zu erkennen, die Gemeinschaft als Dimension der Relationalität des Menschen zu verstehen, Europa zu einem Ort des Dialogs zu machen und der Politik neuerlich Würde zu verleihen, meinte Kuhn. Christen sollten „Förderer einer Kultur des Friedens sein“.

Ein differenziertes Bild der Kirchen in Mittel- und Osteuropa zeichneten Experten aus Polen, Ungarn, Tschechien, Rumänien, Bulgarien, der Ukraine, Serbien, Bosnien, Albanien, Georgien, Weißrussland und Russland. Der ukrainische Caritas-Präsident Andrij Waskowycz schilderte, dass die drei orthodoxen Kirchen und die beiden katholischen Ritengemeinschaften seines Landes bei den Maidan-Protesten gegen das Janukowitsch-Regime sich schützend vor die Demonstranten gestellt hätten. Hier habe sich „eine mutige Kirche“ gezeigt, die sich nicht in politische Konfrontationen hineinziehen lasse, aber einen Konsens für den gesellschaftlichen Frieden repräsentiere. „Die Kirchen haben deswegen auch den höchsten Respekt in der Bevölkerung“, so Waskowycz. Durch die Maidan-Proteste habe sich das Bewusstsein der Ukrainer verändert. Eine starke Zivilgesellschaft sei entstanden.

Der Rektor der katholischen Universität von Tiflis, Vaja Vardidze, beschrieb die dominante orthodoxe Kirche seines Landes als mehrheitlich „anti-westlich und anti-ökumenisch“. Die georgische Orthodoxie habe einen großen Einfluss auf die Gesellschaft, sei aber in großen inneren Auseinandersetzungen gefangen. Die Mehrheit der orthodoxen Bischöfe habe keine theologische Bildung und sei mehr an Macht interessiert als an den christlichen Werten.

Aus Sicht der russisch-orthodoxen Kirche sei das Hauptproblem der Abfall des Westens von den traditionellen Werten, meinte der orthodoxe Theologe Evgeny Pilipenko, der am Postgraduierteninstitut des Moskauer Patriarchats lehrt. Indem Europa meine, auf Christus verzichten zu können, verfalle es aus Moskauer Sicht dem theologischen und ethischen Relativismus. Die Vision der russischen Orthodoxie sei die Umkehr des Staates zu religiösen und nationalen Werten. Pilipenko berichtete, dass es in der russisch-orthodoxen Kirche auch anti-ökumenische Vorbehalte gebe. So gebe es Popen, die Patriarch Kyrill nach dessen Treffen mit Papst Franziskus vor zwei Jahren in Havanna nicht mehr im Hochgebet nannten. Die aus Weißrussland stammende Religions- und Kulturwissenschaftlerin Alena Alshanskaya sagte, die russisch-orthodoxe Kirchenführung habe „wenig Interesse am Dialog mit den Protestanten und betrachtet nur die katholische Kirche als gleichwertig“. Auch die Orthodoxie in Weißrussland zeichne ein rein negatives Bild von Europa und bremse den Weg in Richtung Freiheit und Demokratie.

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