Krieg in der Ukraine

Es gibt nur einen, der vom Frieden spricht

Je weniger die Mächtigen der Welt das Wort vom „Frieden“ in den Mund nehmen, desto mehr tut es Franziskus. Er sieht die Gefahr, die in der Kriegsrhetorik liegt. Ein Kommentar.
Papst Franziskus
Foto: Alessandra Tarantino (AP) | Franziskus während einer Audienz mit Jugendlichen auf dem Petersplatz im Vatikan. Der Papst spricht für die Mehrheit der Menschen in unseren Landen, die mit Entsetzen die Bilder des sinnlosen Gemetzels in der Ukraine ...

Würden die Länder des Westens – allen voran die USA und England –, die jetzt die Ukraine in ihrem verzweifelten Abwehrkampf bewaffnen, dies auch nur einmal mit einem Appell zum Frieden in dem gemarterten Land verbinden, wäre der Papst nicht der einzige „Leader“ weltweit, der von Frieden spricht. Das tun sie aber nicht. Selbst den Aufruf von Franziskus, über Ostern die Waffen schweigen zu lassen, haben sie nicht mit einer vergleichbaren Wortmeldung aufgegriffen. Man mag über das geostrategische Kalkül spekulieren, das Präsident Joe Biden mit dem Ukraine-Krieg verbindet: Den Kremlherrscher Wladimir Putin so zu schwächen, dass er von der Bühne verschwinden muss. Oder Russland insgesamt zur Regionalmacht zu deklassieren, von der einst Barack Obama sprach, um eine europäische Ordnung ganz ohne Moskau installieren zu können.

Versteht sich der Papst in Realpolitik?

Jedenfalls sieht man die Chance gekommen, die eigenen Sicherheitsinteressen zu bedienen, Schweden und Finnland in der NATO eingeschlossen.
Putin hat den Krieg gewollt, dann soll er ihn bekommen, Hauptsache das Gas strömt weiter, denkt man schon pragmatischer in Europa. Russland mit Sanktionen wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, statt die Ukraine zur „No fly“-Zone zu erklären und einen Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören, ist sicherlich richtig. Aber auch hier in Europa fällt das Wort „Friede“ nicht, und das Wort „Verhandlungen“ nicht mehr. Es bleibt dabei: Der Papst ist der einzige Protagonist, der von Frieden spricht. Angesichts der brutalen Aggression Putins: Lebt der oberste Herr im Vatikan auf einem anderen Stern?

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Treffend hat Franziskus von dem in der Welt vorherrschenden Geist Kains gesprochen, der seinen Bruder Abel erschlägt. Was in der Ukraine geschieht, ist wirklich ein Bruderkrieg. Orthodoxe Christen schießen auf orthodoxe Christen. Aber versteht sich der Papst auch in Realpolitik? Leider wird sich erst in Zukunft zeigen, ob der Papst nicht der realistischere Politiker war. Da musste er in seinem Gebet vom 25. März zur Weihe der Welt an Maria nicht erst ausdrücklich jenes „Bewahre die Welt angesichts der nuklearen Bedrohung“ einfügen, um zu zeigen, was für ihn auf dem Spiel steht.

Wird aus dem "Weltkrieg in Etappen" ein heißer Krieg?

Franziskus sieht die Gefahr, dass aus dem „Weltkrieg in Etappen“ ein heißer Krieg wird, der alles bisher Dagewesene übersteigt. Der Papst hat apokalyptische Ängste, weil irgendwann die Rechnung für die Schuld zu zahlen ist, die das besagte Weihegebet vom 25. März so beschreibt: „Wir verraten die Träume der Völker vom Frieden... Wir sind an Gier erkrankt, wir haben uns in nationalistischen Interessen verschlossen, wir haben zugelassen, dass Gleichgültigkeit und Egoismus uns lähmen. Wir haben Gott nicht beachtet, wir haben es vorgezogen, mit unseren Lügen zu leben, Aggressionen zu nähren, Leben zu unterdrücken und Waffen zu horten.“ Klingt so Realitätsferne?

Je mehr die Mächtigen der Welt es unterlassen, das Wort „Friede“ in den Mund zu nehmen, umso mehr tut es Papst Franziskus. Eines muss man ihm zugutehalten: Er spricht für die Mehrheit der Menschen in unseren Landen, die mit Entsetzen die Bilder des sinnlosen Gemetzels in der Ukraine sehen. Die einfachen Leute, die Gläubigen weltweit, hat er am 25. März für Russland und die Ukraine und den Frieden in der Welt beten lassen. Das ist der Realismus der Päpste. Leider sicher nicht der Realismus dieser Welt.

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