Synodaler Weg

„Es gibt einen ,Dank-Storm‘!“

Bischof Rudolf Voderholzer über den Synodalen Weg. Die Beratungen der Bischöfe in Fulda und der Ad-limina-Besuch in Rom im November bewegen die Gemüter. Es gibt Anerkennung der Gläubigen für seine klare Positionierung.
Rudolf Voderholzer und Papst Franziskus
Foto: KNA/Vatican Media (Romano Siciliani) | Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer kann der Begegnung mit Papst Franziskus im November entspannt entgegensehen.

Exzellenz, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz hat zum Abschluss der Herbstvollversammlung erklärt, dass der Dissens zwischen den Bischöfen bestehen bleibe. Was können die Bischöfe tun, um den Graben zu überwinden?

Die Bischöfe müssten noch viel mehr Zeit haben, um gemeinsam zu beraten und die Themen zu bearbeiten. Es gab vor kurzem einmal die Idee, dass wir uns als Bischofskonferenz darüber verständigen sollten, was Synodalität überhaupt bedeutet und was Papst Franziskus darunter versteht. Leider ist dieses Vorhaben wieder nicht umgesetzt worden. Synodalität ist ein analoger Begriff. In der Ostkirche ist die Synode ein bischöfliches Leitungsgremium. In der evangelischen Kirche ist die Synode ein Leitungsgremium und umfasst eine Partizipation der „Laien“. Nach katholischem Verständnis sind Synoden Beratungsgremien – mit Ausnahme eines allgemeinen Konzils. Das geht in unseren Debatten oft durcheinander.

Wie bewerten Sie angesichts der Tatsache, dass unter den Bischöfen die Bedeutung des Begriffs Synodalität noch zu klären ist, die Ankündigung von Bischof Bätzing, einen Synodalen Rat einrichten zu wollen?

In der Erklärung des Heiligen Stuhls vom 21. Juli 2022 ist deutlich gesagt worden, dass der Synodale Weg in Deutschland nicht befugt ist, neue Leitungsstrukturen zu etablieren. Das soll aber mit dem Synodalen Rat geschehen. Da geht es nicht nur um ein Beratungsgremium, sondern auch um ein Leitungsgremium. Damit ist die Bedeutung und die Verantwortlichkeit der Bischöfe natürlich tangiert und eingeschränkt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das von Rom gutgeheißen wird.

Was nun?

Es ist verschiedentlich von bischöflicher Seite angemahnt worden, dass wir uns vielmehr zusammenraufen müssten. Ein erster Ansatz war die Frühjahrsvollversammlung in diesem Jahr, wo wir uns erstmalig über die Themen Anthropologie und Ekklesiologie in dem Format eines Studientages ausgetauscht haben. Dabei haben wir zwar keine große Einmütigkeit erzielt, aber es war schon ein großer Schritt, überhaupt einmal aufeinander zu hören und die unterschiedlichen Sichtweisen wahrzunehmen.

Haben sich durch die Aussprache in Fulda Klärungen ergeben?

Es ist intensiv über die vierte Synodalversammlung in Frankfurt gesprochen worden. Die Sichtweisen, die vorgetragen wurden, bezogen sich auf das Formale, aber natürlich auch auf einige inhaltliche Positionen. Dabei wurde deutlich, dass der Grundlagentext des Synodalforums IV definitiv abgelehnt worden ist und auf dem Synodalen Weg keine Rolle mehr spielen kann. Es kamen auch Verfahrensfragen zur Sprache. Meine Zweifel daran, dass alles satzungsgemäß abgelaufen wäre, konnten nicht ausgeräumt werden. Bei vielen ist der Eindruck entstanden, dass auf eine Minderheitengruppe massiv Druck ausgeübt worden ist. Selbst das Portal katholisch.de hat einen Standpunkt von Steffen Zimmermann veröffentlicht, der den Umgang mit dem „Nein“ der Bischöfe als unsynodal bezeichnet hat. Aber das hat natürlich an den Mehrheitsverhältnissen nichts geändert.

"Ich habe seit Beginn des Synodalen Wegs angeregt,
dass wir uns über die „loci theologici“
und über die Frage der Lehrentwicklung verständigen müssten."

Sie selbst haben in einem Exklusivbeitrag in dieser Zeitung angeregt, zu klären, was als theologisches Argument gelten kann. Welche Reaktionen haben Sie in der Vollversammlung darauf bekommen?

Eigentlich keine. Ich habe seit Beginn des Synodalen Wegs angeregt, dass wir uns über die „loci theologici“ und über die Frage der Lehrentwicklung verständigen müssten. Aber auch darüber haben wir uns in der Vollversammlung nicht wirklich gegenseitig ausgetauscht. Für viele Bischöfe ist natürlich die Realität, die sie wahrnehmen und die medial noch verstärkt wird, eine Lebenswirklichkeit, die mit den Vorstellungen der katholischen Kirche kaum in Übereinstimmung zu bringen ist. Dieser Eindruck ist auch in den Verbänden und in den Kreisen der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine so bedrängende Größe, dass er in den Raum einer Glaubens- oder Offenbarungsquelle rückt. Es ist daher außerordentlich schwierig, Verständnis dafür zu wecken, dass hier eine Mehrheitsentscheidung nicht schon zur Grundlage des kirchlichen Handelns werden kann, sondern dass wir uns um die Treue zum Ursprung, die Kontinuität mit der Glaubensüberlieferung und um die Einheit mit der Weltkirche sorgen und dies in Katechese und Glaubensverkündigung auch vermitteln müssen.

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Im November reisen Sie zum Ad-limina-Besuch nach Rom. Mit einer raschen Antwort des Heiligen Vaters rechnet derzeit niemand. Was erwarten Sie?

Der Synodale Weg ist von den Bischöfen gewollt. Es gibt natürlich unter den Bischöfen eine nicht unbeträchtliche Zahl derer, die sich eine andere Art und Weise des Synodalen Wegs gewünscht hätten. Noch bevor der Satzungsentwurf der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vorgelegt wurde, habe ich mit Kardinal Woelki zusammen einen Alternativentwurf konzipiert und auch andere Themen, über die gesprochen werden müsste, vorgeschlagen. Er fand im Ständigen Rat leider nicht die Mehrheit. Es geht also um das Wie des Synodalen Wegs. Die Frage wird sein, wie Rom sich zu den Inhalten verhält. Der Papst selbst hat sich mehrfach eindeutig zu den Inhalten geäußert. In seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland hat er zwar sehr offen geschrieben, aber doch die Punkte „Primat der Evangelisierung“, „sensus ecclesiae“ und „Einheit mit der universalen Kirche“ unterstrichen. Mir persönlich und auch vielen anderen hat er, wie ich weiß, gesagt, dass es um ein Aufeinander-Hören gehe und dass die Synode kein Parlament sei. Die Glaubenskongregation hat in einem Responsum ihre Haltung zur Frage der Segnung homosexueller Partnerschaften und die damit zusammenhängenden anthropologischen und seelsorglichen Themen deutlich auf den Punkt gebracht. Die Kleruskongregation hat, was den priesterlichen Dienst anbelangt, keinen Zweifel daran gelassen, wie Rom die Sache sieht. Zuletzt hat uns der Nuntius in Deutschland in seinem Grußwort, für das ich sehr dankbar bin, wesentliche Punkte bezüglich der Frage, was Synodalität gefährdet, benannt: Methoden des Parlamentarismus, medialer öffentlicher Druck, namentliche Abstimmungen. Meines Erachtens ist damit zu rechnen, dass wir in Rom erneut daran erinnert werden.

Bischof Bätzing hat vor Journalisten auf das Referat des niederländischen Bischofs Bonny verwiesen, der von drei Zentren der Kirche gesprochen habe: der primatialen, der kollegialen und der synodalen. Wörtlich sprach der Vorsitzende vom „Papst, aber es gibt auch einen Vorsitzenden der Bischofskonferenz; es gibt einen Bischof und sein Bistum“. Täuscht der Eindruck, dass das Amt des Vorsitzenden aufgewertet wird, wenn er in einem Atemzug mit dem Papst auf primatialer Ebene genannt wird?

So habe ich Bischof Bonny nicht verstanden. Wenn Bischof Bätzing sich damit quasi als „Primas Germaniae“ beschreibt, überdehnt er sein Amt. Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe ist Moderator und steht dem einzelnen Bischof, der eigenverantwortlich für seine Diözese da ist, nicht vor.

Sie haben sich in Ihrem Vortrag in Rom am Samstag vor Beginn der Vollversammlung kritisch mit dem Synodalen Weg auseinandergesetzt. Wo sehen Sie besondere theologische Probleme?

Die ersten Bezugsgrößen für die Erschließung des Glaubens – Heilige Schrift und Apostolische Tradition – sind nicht zu ersetzen durch die „Zeichen der Zeit“ und durch eine „Lebenswirklichkeit“, um Lehrentwicklung beziehungsweise sogar Brüche zu begründen. Es gab selbstverständlich immer Lehrentwicklung. Aber die Kriterien zur Unterscheidung von ursprungstreuer Lehrentwicklung und einer „Korruption der Lehre“ müssen auch in unserer Gegenwart angewendet werden. Und viel grundlegender ist folgendes Problem: das unterschiedliche Wahrheitsverständnis. Wenn man sich nicht auf dieser Ebene verständigt, wird man kein vernünftiges theologisches Gespräch mehr zustande bringen, weil jedes Argument, das sich auf Schrift und Tradition bezieht, als heute nicht mehr akzeptabel und nicht mehr zeitgemäß abgetan wird. Die Frage lautet: Macht die Freiheit wahr oder die Wahrheit frei?

Ihnen wird oft vorgeworfen, Sie hätten einfach nur Angst vor Veränderungen. Was antworten Sie?

Man muss durchschauen, was vor sich geht. Von der Sachebene wird auf die Gefühlsebene übergesprungen. Das ist ein billiger Trick – so wie man mir auch im Bericht über den Vortrag in Rom unterstellt hat, ich hätte mich über „eine Flut an Forderungen“ beklagt. Ich habe mich überhaupt nicht beklagt. Ich habe etwas festgestellt und Kriterien angelegt. Unterstellungen und Verlagerungen der Debatte auf die Gefühlsebene fördern eine fruchtbringende Auseinandersetzung nicht. Deswegen muss man das auch zurückweisen.

Welche Reaktionen erhalten Sie von den Gläubigen auf Ihre Positionierung beim Synodalen Weg?

Es gibt einen „Dank-Storm“! Die Zahl der Dankschreiben überwiegt bei weitem jene der kritischen Zuschriften.

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