Doch!

Es gibt das Heilige

„Nicht alles ist heilig, aber ohne das Heilige ist alles nichts!“, heißt es bei Mircea Eliade. Dennoch ist den Menschen von heute der Sinn für das Heilige weitgehend abhanden gekommen. Die Gründe dafür sind nicht leicht zu erklären. Die Folgen aber sind fatal.
Zeichnung von Mircea Eliade
Foto: Alexandru Darida /Wikimedia CC-BY-3.0 | Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade prägte den Ausdruck vom „Chaos der Homogenität und Relativität des profanen Raums“.

Unserer Gesellschaft ist der Sinn für das Heilige weitgehend abhandengekommen. Das ist insofern nicht verwunderlich, als das oberste Leitmotiv unserer Gesellschaft die Gleichheit beziehungsweise die Gleichgültigkeit ist. Wer aber das Heilige anerkennt, der muss es notwendigerweise vom Profanen trennen und verstößt somit gegen den besagten Grundsatz. Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade (1907–1986) hat in diesem Zusammenhang einen an Genialität kaum zu überbietenden Ausdruck geschaffen, indem er vom „Chaos der Homogenität und Relativität des profanen Raums“ spricht.

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Brillante Formulierung

Diese Formulierung ist aus zwei Gründen brillant. Zum einen, weil Eliade die Begriffe „Homogenität“ und „Relativität“ in einem Atemzug nennt, obwohl es sich um scheinbare Gegensätze handelt. Das sind sie aber in Wahrheit nicht, denn da die Relativität keine wesenhaften Unterschiede mehr zwischen den Dingen ausmachen kann, wird in ihr letztlich alles gleichartig, also homogen. Der zweite brillante Gedanke Eliades besteht darin, dass er diesen profanen Raum als Chaos bezeichnet, freilich nicht in der heutigen Bedeutung eines unaufgeräumten Zimmers, sondern der eines weiten leeren Raumes. Mit anderen Worten: Nicht alles ist heilig, aber ohne das Heilige ist alles nichts!

Eine weitere Schwierigkeit beim Erkennen des Heiligen liegt für den modernen Menschen darin, dass sich heilige Orte oder Gegenstände rein äußerlich nicht von profanen unterscheiden. Der Stein, auf dem Jakob schlief, während er im Traum die Himmelsleiter erblickte, und den er nach seinem Erwachen als Gedenkstätte errichte, ist und bleibt ein Stein. Auch Jakob sah zunächst nichts Außergewöhnliches, wie er selbst bekennt: „Jakob erwachte aus seinem Schlaf und sagte: Wirklich, der HERR ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. Er fürchtete sich und sagte: Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“ (Gen. 28,16-17)

Heiliger Boden

Auch der Boden, auf dem Mose stand, als sich ihm Gott offenbarte, setzte sich aus den üblichen Bestandteilen zusammen, und doch sprach Gott zu ihm: „Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.“ (Ex. 3,5) Das Heilige ist per definitionem mit profanen Methoden nicht zu erkennen. Ebenso wenig ist es mit technischen Mitteln herzustellen, was dem modernen Machbarkeitswahn einen herben Schlag versetzt. Das Heilige offenbart sich einfach – allerdings nur demjenigen, der auch dafür offen ist. Die angemessene Reaktion auf eine Begegnung mit dem Heiligen hat wohl Schubert am schönsten beschrieben: „Staunen nur kann ich und staunend mich freu'n.“

Warum sich manche Menschen der Präsenz des Heiligen verschließen, ist pauschal schwer zu beantworten. Beim einen mag es der aufgeklärte Hochmut sein, der ihn daran hindert, irgendetwas für real zu halten, was er nicht wissenschaftlich messen kann.

Der nächste hat vielleicht einfach nur Angst, allerdings nicht im Sinne heiliger Scheu und Ehrfurcht, die ja angemessen wäre, sondern aus kleinlicher Sorge um seine eigene Größe im Angesicht des Heiligen.

Erkennen können

Die Fähigkeit zum Erkennen des Heiligen jedenfalls ist allen Menschen gegeben, es ist eine Fähigkeit, „die der menschliche Geist beim Eintritt der Gattung Mensch in die Geschichte mitbrachte“, wie es Rudolf Otto (1869–1937), neben Eliade der zweite große Ergründer des Heiligen im 20. Jahrhundert, formulierte. Wer sich selbst des Sinns für das Heilige beraubt, verliert damit ein Stück seiner Menschlichkeit.

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Sebastian Moll Heilige Rudolf Otto

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