Rezension

Erneuerung aus der Quelle

Kardinal Walter Kasper zeigt in seinem neuen Buch, dass kirchliche Erneuerung nur „aus dem Ursprung“ heraus gelingt.
Quellen in Hessen
Foto: Boris Roessler (dpa) | Die Kraft der kirchlichen Erneuerung liegt nicht unbedingt in neuen Strukturen, sondern in der Rückkehr zu den Quellen.

Egal, aus welcher Perspektive heraus man als gläubiger Katholik auf den gegenwärtigen Zustand der eigenen Kirche blickt – zumindest in einem Punkt dürften sich sowohl eher progressiv als auch eher konservativ gesinnte Christen einig sein: So wie es ist, kann es nicht weitergehen.

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Oberflächliche Modernisierung

Doch während hierzulande nicht wenige mit Blick auf die Kirche von neuen Aufbrüchen und synodalen Sonderwegen träumen, wünschen sich andere vielfach wiederum ein theologisches und ekklesiologisches „Back to the Roots“ mit möglichst viel innerkirchlicher Friedhofsruhe.

Mit beiden (Extrem-)Positionen kann Walter Kardinal Kasper nicht viel anfangen. Der profilierte Dogmatiker, frühere Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, und langjähriger Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, blickt in seinem neuen Buch auf die gegenwärtige Krise des kirchlichen Christentums. Dabei greift er bei deren Behebung weder auf aus seiner Sicht oberflächliche Modernisierungen, noch auf allzu simple Lösungen zurück.

Walter Kasper führt die gegenwärtige Kirchenkrise vor allem auf die bislang unbeantwortete Frage zurück, wie es gelingen kann, den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert gegenüber nicht-christlich gesinnten Zeitgenossen zu bezeugen. Für ebenso wichtig hält er die Grundfrage, wie sich das Evangelium Jesu als Norm gebender Ursprung des Christentums in der Geschichte der Kirche zeigt, und wie es sich besonders in unsicheren und turbulenten Zeiten als zukunftsfähig erweisen kann.

Anpassungen an den Zeitgeist

Hierfür reichen aus Sicht des früheren vatikanischen Ökumeneministers Anpassungen kirchlicher Strukturen an den Zeitgeist nicht aus – wie Kasper auch bereits hinsichtlich seiner Kritik am Synodalen Weg deutlich gemacht hat. Stattdessen, um einem „ekklesiologischen Pelagianismus“ (Kasper) zu entgehen, müsse eine Wiedererinnerung dessen einsetzen, was den christlichen Glauben eigentlich ausmacht und was es ist, was die Kirche im Innersten zusammenhält.

„Erneuerung meint nicht Neuerung“, betont  Kardinal Kasper. Denn: „Der christliche Glaube gründet ein für alle Mal auf dem Fundament, das Jesus Christus ist.“ Doch Jesus Christus ist „nicht nur der historische Anfang, den wir mühsam aus alten Quellen rekonstruieren; er gleicht einer lebendigen Quelle, aus der stets frisches und erfrischendes, lebensspendendes Wasser sprudelt.

Für Kasper zentral

Kasper schließt daraus, dass alle innerkirchliche Erneuerung nur das Ziel haben könne, „das Evangelium in einer neuen Epoche der Geschichte in Wort und Tat geistesgegenwärtig mit neuem Schwung zu bezeugen und seine Gegenwart in der Eucharistie in überschwänglicher eschatologischer Vorfreude zu feiern“.
Zwar pocht Kasper darauf, dass er mit seinem Buch kein „konkretes Zukunfts- und Erneuerungsprogramm“ für die Kirche vorlegen wolle, sondern spricht eher vorsichtig von „Prolegomena“, also von „Vorüberlegungen“ hinsichtlich der „Erneuerung aus dem Ursprung“, die er fordert und entwickelt.

Doch an einer intensiven Auseinandersetzung mit den bereits angesprochenen Themenfeldern Theologie („Was bedeutet es, Theologie in der Kirche zu treiben?“), Christologie („Wer ist Jesus der Christus für die Glaubenden?“)  und Eucharistie („Wie erfahren Glaubende Christi Gegenwart in der Feier der Eucharistie?“) führt, das macht der Kardinal in seinem Buch deutlich, kein Weg vorbei, um diesbezüglich voranzukommen.

Und so enthält der Band drei neue, bislang unveröffentlichte Essays Kaspers zur Erneuerung aus dem Ursprung und den drei genannten Themen – Theologie, Christologie und Eucharistie –, die für den Kardinal so zentral sind.

Starke Geisteshaltung

Ein weiterer Aufsatz Walter Kaspers widmet sich mit Romano Guardini und Martin Heidegger sowie Vertretern der „Tübinger Schule“ wie Johann Adam Möhler. Damit werden Denker vorgestellt und angesprochen, die Kasper zum einen selbst maßgeblich theologisch und philosophisch geprägt haben, die sich  aber zum anderen auch als Denker in Übergangsphasen in ihrer Zeit bewährten und Fähigkeit zu Selbstreflexion und Selbstkorrektur bewiesen. Von der Geisteshaltung dieser besonderen Menschen könne aus Kaspers Sicht viel gelernt werden – und eben diese Geisteshaltung durchzieht auch Kaspers Buch selbst.


Kardinal Walter Kasper: Erneuerung aus dem Ursprung. Theologie – Christologie – Eucharistie, Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2021, 176 Seiten, ISBN 978-3-7867-3273-0, EUR 24, –

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