Psalmen

Eine biblisch-poetische Leseanleitung

Der Jesuit Dieter Böhler legt einen Psalmenkommentar vor, den auch Nicht-Fachtheologen mit Gewinn lesen.
Psalter
Foto: Norbert Neetz via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Im Judentum spielten die Psalmen für das private Gebet des gläubigen Juden wichtige Rolle. Im Christentum gibt es ebenfalls schon sehr früh die private Verwendung des Psalters.

Haben die Psalmen auch in der Gegenwart noch eine Relevanz für den christlichen Glauben? Eines ist sicher: In der momentanen Situation der Kirche ist das Psalmen beten, um die Sprache zu finden bzw. wiederzufinden, unser Leben vor Gott ins Wort zu fassen, nicht nur in seinen hellen Seiten, sondern auch dort, wo es bedrängt ist oder bereits zu entgleisen droht, von großer Bedeutung. Die Psalmen haben das Potenzial, einem immer stärker desinkarnierten Christentum, das den Glauben nur noch im eigenen Kopf verortet („Ich finde aber...“) neue Kraft einzuflößen. Allerdings braucht es dazu Leseanleitungen, die nicht nur aus subjektiven frommen Gedanken bestehen, sondern ein literarisches und theologisches Verständnis für die Psalmen und den Psalter wecken; es braucht Kommentare, die das exegetische Wissen über den Psalter und die Psalmen zusammenfassen und aufbereiten.

Selbstbewusst, aber nicht besserwisserisch

Einen solchen Kommentar hat der in Frankfurt, Sankt Georgen, den Fachbereich  des Alten Testaments lehrende Jesuit Dieter Böhler vorgelegt, indem er den Psalmenkommentar von Hossfeld/Zenger zu Ende führte. Die Herausforderung, der er sich stellen musste, bestand darin, ein von anderen begonnenes Werk zu Ende zu führen, was einerseits die Demuterfordert, nicht besserwisserisch an denen, die das Werk begonnen haben, herumzukritisieren, andererseits aber auch das Selbstbewusstsein, eigene Wege zu gehen und nicht sklavisch den bereits gelegten Spuren zu folgen.

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Bei dem vorliegenden Psalmenkommentar handelt es sich um den ersten Band eines dreibändigen Werkes, von dem Band 2 und Band 3 bereits in den Jahren 2000 und 2008 erschienen sind, herausgegeben von den renommierten Alttestamentlern Erich Zenger und Frank-Lothar Hossfeld. Beide hatten bewusst zuerst die Bände 2 und 3 veröffentlicht, um dann das Werk mit Band 1, der die Einleitungsfragen und die Theologie des Psalters enthalten sollte, zu krönen. Durch ihren allzu frühen Tod blieb der Psalmenkommentar lange unvollendet.

Unübertroffenen Weite der Pslamen

Böhler fügt sich mit seinem Kommentar einerseits ganz in das von Hossfeld/Zenger entwickelte Schema ein, gleichzeitig merkt der Leser aber auch, dass in der alttestamentlichen Exegese nach 20 Jahren ein neues Denken Raum gewonnen hat, das auch den Einzelpsalm wieder mehr in den Blick nimmt. So schreibt Böhler selbst über sein Anliegen: „Der Versuch, das Psalterganze redaktionskritisch zu rekonstruieren, der allzu oft hypothetisch bleiben muss, tritt zurück hinter der lectio continua des Psalters, das heißt der synchronen Auslegung des Textes. Jedes Gedicht wird zuerst als in sich stehendes poetisches Werk ausgelegt, dann aber wird auch der Großtext interpretiert“.

Was leistet der Kommentar von Böhler für den Nicht-Fachtheologen? Auf den Punkt gebracht, könnte man sagen, dass der Leser umfassend informiert wird, zugleich aber auch einen geistlichen Gewinn beim Lesen dieses neuen Kommentars hat. Denn wer beten will, merkt bald die Grenzen der eigenen Sprache und die Unfähigkeit, das eigene Leben vor Gott ins Wort zu fassen; er wird aus dieser Not heraus immer wieder zu vorgefertigten Gebeten greifen. Bei dieser Suche wird er, selbst wenn er biblischen Texten abwehrend gegenübersteht, irgendwann merken, dass die Weite der Psalmen von keiner anderen Gebetssammlung übertroffen wird.

Gottes Wort und menschliches Wort

Woran liegt das? Letztlich daran, dass die Psalmen beides sind: Gottes Wort und menschliches Wort, oder wie man vielleicht richtiger sagen müsste: Worte, die Gott uns geschenkt hat, damit wir ihn damit ansprechen, Worte, die Christus uns vorgesprochen hat und die wir, wenn wir uns als Kirche und das heißt als seinen Leib verstehen, mit ihm und ihm nachsprechen dürfen.

Der vorliegende Psalmenkommentar bietet eine sehr hilfreiche Einleitung in den Psalter, deren einzelne Kapitel durch Stichworte am Rand noch einmal strukturiert werden, sodass der Leser sehr schnell findet, was er sucht. Interessant ist in der Einleitung der Abschnitt „Der Psalter im Judentum und im Christentum“, in dem deutlich wird, dass die Psalmen im Judentum in der Synagogenliturgie eine eher geringe Rolle spielten, während sie für das private Gebet des gläubigen Juden wichtig waren.

Christologie‘ durch Psalmenauslegung

Im Christentum gibt es ebenfalls schon sehr früh die private Verwendung des Psalters, er wird aber auch – bereits im Neuen Testament – theologisch ausgewertet: „Die Evangelisten betreiben ,Christologie‘ durch Psalmenauslegung, wie es wohl Jesus selbst getan hat“. Das setzt sich in der Geschichte der Kirche fort, denn „die christologischen und trinitätstheologischen Diskussionen der alten Kirche beruhen nicht weniger als die christologischen Diskussionen des Evangeliums (Matthäus 22, 41-45; Markus 12, 35-37; Lukas 20, 41-44) wesentlich auf der Auslegung des Psalters, im Besonderen auf seiner prosopografischen Interpretation, die bei jedem Psalm fragt, welche Stimme zu wem im Psalm rede: Gott zum Messias oder dieser zu Gott oder durch den Propheten David der Heilige Geist“.

Bei der Kommentierung jedes einzelnen Psalms nennt Böhler erst die wichtigste Literatur, vor allem aus dem deutschsprachigen Bereich, dann folgt eine Übersetzung des Textes, versehen mit Anmerkungen, die dem nicht des Hebräisch kundigen Leser helfen, die Breite der Übersetzungsmöglichkeiten zu erfassen.

Theologisches Verständnis wird geweckt

Da es sich um einen wissenschaftlichen Kommentar handelt, sind die folgenden Abschnitte „Analyse“ und „Auslegung“ für den Nicht-Fachmann nicht ganz leicht zu verstehen, aber Böhler bemüht sich um einen Stil, der gut lesbar ist. Hilfreich ist der jedem Psalm beigegebene Abschnitt „Kontext, Rezeption, Bedeutung“, bei dem Böhler den Psalm in den Gesamtpsalter einordnet, die Übersetzung der Septuaginta und des Targums erklärt, dann aufzeigt, ob und wo der Psalm im Neuen Testament zitiert wird und – was die Rezensentin besonders freut – auch in ungewöhnlich breiter Form auf die Väter und die Liturgie der Kirche eingeht.

In den letzten Jahrzehnten ist das Bewusstsein gewachsen, dass eine Beschränkung der Bibelexegese auf die historisch-kritische Methodezu einseitig, für nicht wenige sogar abschreckend ist, weil nicht klar wird, was die Ergebnisse für das eigene Christ-Sein bedeuten. Wer sich nur ganz kurz informieren möchte, sei der allerletzte Abschnitt jeder Auslegung empfohlen. „Bedeutung“, in dem Böhler kurz zusammenfasst, was der Psalm inhaltlich sagt. Dazu ein Beispiel: „Der meditierende David aus Psalm 1 erscheint in Psalm 2 als König, der vom Zion aus auf Erden die Gottesherrschaft unter den Nationen durchsetzt. Seine Waffe ist allein das Wort: der Appell, das Gebet. Der Psalm hat für das Neue Testament hohe christologische Bedeutung“.

Dieter Böhler: Psalmen 1-50. Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament. Freiburg, 2021, 960 Seiten, ISBN 978-3-451-26825-0, EUR 150,–

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