„Ein über seine Zeit hinaus leuchtendes Vorbild“

Eine Sonderausstellung im Stiftsmuseum Xanten würdigt das Leben des seligen Priesters Karl Leisner. Von Heinrich Wullhorst
Sonderausstellung  im Stiftsmuseum Xanten
Foto: Wullhorst | Die Lebensstationen eines nachdenklichen und für die Zeichen der Zeit sensiblen Christen werden in der Ausstellung nachgezeichnet.

Es gibt verschiedene Anlässe, aktuell an den Märtyrer Karl Leisner zu erinnern, der 1915 in Rees am Niederrhein geboren wurde und in Kleve aufwuchs. Im kommenden Jahr würde Leisner seinen 100. Geburtstag feiern. Darüber hinaus jährt sich die Priesterweihe Leisners am 17. Dezember zum 70. Mal. Am 12. August 2015 wiederum ist sein 70. Todestag.

Im Stiftsmuseum der niederrheinischen Stadt Xanten sind in einer Sonderausstellung die Dinge zu sehen, die an das Leben des seligen Karl Leisner erinnern. Betritt man die Ausstellung, so fallen zunächst die großen Texttafeln ins Auge, auf denen in den beiden Ausstellungsräumen das Leben und Wirken Leisners in den Blick genommen wird. Schon als Gymnasiast trat er der katholischen Jugendbewegung bei. Hier fand er Gemeinschaft mit jungen Menschen, aber auch den Zugang zur Heiligen Schrift, zur Liturgie und zur Eucharistie. Er führte die örtliche „Christus-Jugend“ und war bemüht, dass die von ihm betreuten jungen Menschen der Ideologie des Nazi-Regimes nicht verfallen sollten. Leisner hatte Hitler und seine Schergen schon früh durchschaut, als er im Juni 1933 in seinem Tagebuch notierte: „An Hitler aber glaube ich nicht.“

Aus dieser Zeit der Arbeit mit der Jugendgruppe in Kleve findet man in der Ausstellung die Marionetten, mit denen Leisner in der Schwanenstadt zusammen mit den Jugendlichen kleine Aufführungen inszenierte. So sammelten sie Geld für ihre Jugendfreizeiten. Leisners Religionslehrer, Walter Vinnenberg, begeisterte ihn und weitere Schüler für die Jugendarbeit und für das Theaterspiel mit den Handpuppen. Es war der Bildhauer Gerd Matthäi, der die Köpfe der Figuren 1927 zusammen mit den Jugendlichen schnitzte. Die Figur des Kaspers soll von Karl Leisner geschnitzt worden sein.

In seinen Tagebüchern, die auch im Rahmen der Ausstellung zum Teil präsentiert werden, findet sich der frühere Eintrag „Christus – du bist meine Leidenschaft!“. Aus dieser Leidenschaft heraus wandte Leisner sich nach dem Abitur im Jahre 1934 seiner Berufung zum Priestertum zu und begann die ersten Semester des Studiums in Münster. Der Münsteraner Bischof Kardinal Graf von Galen übergab ihm das Amt des Diözesanjugendscharführers. So geriet er in das Blickfeld der Gestapo. Obgleich sich Leisner in seinem Außensemester in Freiburg in ein junges Mädchen verliebte, entschied er sich letztlich für seine Berufung. Deren Bedeutung unterstreicht er in einem Tagebucheintrag vom 4. März 1939, vor seiner Weihe zum Subdiakon, mit den Worten: „Es war ein tödlicher Kampf. Aber ich bin zum Priestertum berufen – und diesem Ruf opfere ich alles.“ Nachdem Leisner zum Diakon geweiht worden war, führte eine Lungentuberkulose dazu, dass er die Priesterweihe nicht wie beabsichtigt empfangen konnte. Stattdessen musste er zur Ausheilung dieser Erkrankung nach St. Blasien im Schwarzwald reisen. In der Folge des Attentats Georg Elsers auf Hitler äußerte Karl Leisner gegenüber einem anderen Patienten: „Schade, dass es nicht geklappt hat“. Diese Bemerkung führte schließlich am 8. November 1939 zur Inhaftierung Leisners. Er durchlief verschiedene Haftanstalten und Konzentrationslager, bis er im Dezember 1940 ins Konzentrationslager Dachau kam.

Die Ausstellung beeindruckt nicht nur mit den historischen Fotos und großen Schautafeln aus dem Leben des Seligen, sondern auch durch viele Gegenstände aus dem familiären Umfeld Leisners, wie beispielsweise dem Haussegen oder einem geschnitzten Brotteller der Familie. Dazu kommen Erinnerungsstücke wie der Wimpel einer Jugendgruppe, die er leitete und auf dem sich neben dem Stadtwappen von Kleve das Christus Monogramm befindet, oder ein Messingkreuz, ebenfalls aus der Zeit der Gruppenaktivitäten.

Ein zentraler Teil der Ausstellung ist der Priesterweihe Karl Leisners gewidmet. Hier findet man die Kasel, in der der Selige seine erste und einzige heilige Messe im Priesterblock in Dachau feierte. Zuvor war er unter höchst gefährlichen Umständen am 17. Dezember 1944 durch einen französischen Mithäftling, den Bischof von Clermont, Gabriel Piguet, zum Priester geweiht worden. Zunächst hatte dieser auf geheimen Wegen die Genehmigungen des Bischofs von Münster und des örtlich zuständigen Bischofs von München und Freising eingeholt. So war sichergestellt, dass eine wirksame Priesterweihe erfolgen konnte. Da die Weihehandlung am dritten Adventssonntag, dem Gaudete-Sonntag, stattfand, hatten sich die Mitgefangenen bemüht, die Kasel in die liturgische Farbe dieses Tages, nämlich in rosa, zu färben. Das ausgestellte Gewand zeigt, dass dieses Unterfangen nicht gänzlich gelungen ist. Dennoch muss sich Karl Leisner unglaublich darüber gefreut haben, dass er es unter den grauenvollen Umständen der Inhaftierung im Konzentrationslager tragen konnte. Die Ausstellung präsentiert demnächst auch den Bischofsstab, den Bischof Piguet bei der Priesterweihe in Dachau getragen haben soll und der von dort aus bald nach Xanten in die Ausstellung überführt wird.

Wie hoch die Freude und die Anteilnahme unter den Insassen des Priesterblocks in Dachau waren, zeigt sich auch in dem ausgestellten Gratulationsbuch, in dem sich Glückwünsche und kleine Zeichnungen aus Anlass der Priesterweihe Karl Leisners befinden. 213 mitgefangene Priester zeigten ihre Anteilnahme an dem Ereignis durch ihre Unterschrift. Einer von ihnen, Paul Riedmatter, Kunstdozent an der Universität in Utrecht, zeichnete in Farbe die Orte, die für Karl Leisner wichtig geworden waren, in die Gratulationsmappe: Kleve, wo er seine Kindheit und Jugend verlebte, Münster, wo er sein Studium absolvierte und die Diakonenweihe erhielt, Schönstatt als Ort der Marienverehrung und Dachau, wo er seine Priesterweihe empfing.

Eine weitere Informationstafel zeigt Karl Leisner an dem Ort, an dem er die letzten Wochen seines Lebens verbrachte, im Lungensanatorium Planegg bei München. Durch die lange Haft und die immer wiederkehrende Lungenerkrankung geschwächt, überlebte er die Befreiung aus dem Konzentrationslager Dachau am 4. Mai 1945 nur um wenige Wochen. Bevor er am 12. August 1945 starb, hatte er in seinem letzten Tagebucheintrag am 25. Juli noch gebeten: „Segne auch, Höchster, meine Feinde!“ Im Jahre 1996 wurde Karl Leisner durch Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Seine sterblichen Überreste ruhen seit 1966 in der Krypta des Xantener Doms.

Neben dieser Ausstellung werden Karl Leisner derzeit viele weitere Würdigungen zuteil. Seit einigen Tagen steht in Kleve auf dem Vorplatz der Stiftskirche ein Bronzedenkmal, das den Seligen in dem Priestergewand aus dem Konzentrationslager zeigt. Darunter trägt er seine Haftkleidung. Das 2,50 Meter hohe und 700 Kilo schwere Memorial hat der Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim geschaffen. Der ehemalige Hamburger Erzbischof Werner Thissen hat es am Samstag feierlich eingeweiht.

Die sehenswerte Ausstellung in Xanten beruht auf den Forschungen des ehemaligen Präsidenten des Internationalen Karl Leisner Kreises, Pfarrer Hans-Karl Seeger. Anlässlich der Eröffnung der Sonderschau nannte der Xantener Propst Klaus Wittke Karl Leisner ein „über seine Zeit hinaus leuchtendes Vorbild für mutiges Handeln und festes Stehen für eine christliche Überzeugung“.

Besuchen kann man die Ausstellung bis Juni 2015 im Stiftsmuseum Xanten (Kapitel 21). Das Museum hat dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr sowie sonn- und feiertags geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene vier Euro, für Besucher unter 18 Jahren ist der Eintritt frei.

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