Franziskaner

Ein Ringen um Erneuerung

Im Gegensatz zu den „Moderaten“ entstand im Franziskaner-Orden auch die Bewegung der „Spiritualen“, die sich als auserwählt sahen, die Kirche in das Zeitalter des Geistes zu führen.
Franziskus-Fresko
Foto: Alessandro Di Meo (ANSA) | Ein Fresko von Cimabue zeigt den heiligen Franziskus, entstanden um 1278 im Sacro Convento in Assisi.

Vor gut achthundert Jahren hat Joachim von Fiore seine drei Epochen-Lehre entwickelt, die auch zum Gegenstand innerweltlicher Heilserwartungen mit eminent politischen Zielen wurde. Den ersten Schritt in diese Richtung taten die Franziskaner-Spiritualen; eine Fraktion des Franziskaner-Ordens, der unmittelbar nach dem Tode Joachims entstanden war.

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Probleme mit der Armut

Ganz am Ende seines Lebens hatte Franziskus von Assisi ein Testament verfasst, denn er machte sich Sorgen, dass seine vom Papst bestätigte Ordensregel bald nicht mehr befolgt würde. Zu viele der zuletzt hinzugekommenen Fratres hatten Probleme mit dem franziskanischen Armutsideal und versuchten auf Franziskus einzuwirken, die Regel abzumildern oder wenigstens moderat auszulegen. In seinem Testament nannte Franziskus daher noch einmal die Armut und die Ablehnung von Eigentum als wesentliche Punkte der Regel. Sein Testament und die Regel seien zusammen und ohne Interpretation zu beachten: „ita simpliciter et sine glossa intelligatis“ – so einfältig und ohne Erklärung sollt ihr sie verstehen.

Jedoch gewann die Gruppe der Moderaten, angeführt von Generalvikar Elias von Cortona, nach Franziskus Tod die Oberhand. Papst Gregor XI. erließ auf deren Drängen 1230 die Bulle „Quos eleganti“, worin er festlegte, dass nur die Regel, aber nicht das Testament des Heiligen Franziskus verpflichtend sei. Mittelspersonen durften künftig Geld für den Orden annehmen und verwalten, der an dem Vermögen, wenn schon kein Besitzrecht, so doch das Gebrauchsrecht hatte. 1245 wurde dann auch diese Einschränkung aufgehoben.

Essenz des Ordens

Die Folge: Unter Elias, seit 1232 Generalminister, wurden große und für die damalige Zeit komfortable Konvente eingerichtet, die Einsiedelei aber bekämpft. Auch Wissenschaft und Gelehrsamkeit wurden institutionalisiert, franziskanische Studienzentren entstanden. Diese bald dominierende Strömung innerhalb der Franziskaner erhielt dann auch den Namen „Konventualen“. Und diese hatten das Papsttum auf ihrer Seite.

Dagegen regte sich gerade bei den Brüdern der ersten Generation großer Widerstand, die gerade in der Vergeistigung und der damit verbundenen Besitzlosigkeit – die Ablehnung von Materie im Gegensatz zum Geist – die Essenz des neuen Ordens sahen. Aus dieser Haltung leitet sich die Bezeichnung „Spiritualen“ ab. Sie konnten bei Franziskus selbst anknüpfen, der sich zwar der Kirche unterordnete, die Besonderheit seiner Berufung und seines Ordens aber direkt auf eine göttliche Offenbarung zurückführte.

Ein "Alter Christi"

Darin glaubten die Spiritualen eine Abgrenzung von Kirche und Papst feststellen zu können, der deswegen auch keine Kompetenz hatte, die Regel zu ändern. Franziskus, das sei ein von Gott gesandter Mann, der ohne Umweg über die Kirche das wahre Evangelium verkündet habe: „Als neuer Evangelist goss er in der letzten Zeit, wie einer von den Paradiesesströmen, in frommer Benetzung die Wasser des Evangeliums auf dem ganzen Erdkreis aus und verkündete durch die Tat den Weg des Sohnes Gottes und die Lehre der Wahrheit. So ward in ihm und durch ihn dem Erdkreis unverhoffte Frohbotschaft und heilige Erneuerung“, schrieb Thomas von Celano bereits 1228 in der ersten Vita über den heiligen Franziskus, worin er den neuen Orden als „Wohnort des Heiligen Geistes bezeichnet“; ein Sprachgebrauch, der – wie der Theologe Ernst Benz anmerkte – nur der Kirche selbst zusteht.

„In ihm und durch ihn“ – Franziskus als „Alter Christi“ – mit dem „Heilsanspruch“ seiner Mönche, das auserwählte Volk Gottes zu sein. Das zumindest ist in diesen Textstellen angelegt und sollte in den folgenden Jahren von der aufkeimenden Spiritualen-Fraktion ausgeführt werden, etwa in der Schrift „Speculum Perfectionis“, die um 1240 im Umfeld des dem Franziskus treuen Sekretärs Fra Leone entstand: Die Auserwählten, das sind nicht die Moderaten, sondern die Spiritualen, die dem Verfall des Ordens widerstanden. Sie allein führen den Auftrag Franziskus durch treue Beachtung der Regel aus und lehren durch ihr spirituelles Leuchten die Gläubigen. Man beachte die Exklusivität, die sich dahinter verbirgt.

Der Antichrist

Es fehlte nur noch ein theologisch-heilsgeschichtlicher Rahmen für die offene Rebellion gegen den Papst – und den fanden die Spiritualen im Gepäck eines Abtes des Florenser-Ordens, den Joachim von Fiore gegründet hatte. Der Abt hatte sich im Jahr 1241 vor dem anrückenden Heer Kaiser Friedrichs II. in den Franziskaner-Konvent von Pisa geflüchtet. Mit sich führte er Joachims Schriften, die von Pisaner Franziskaner-Brüdern eifrig studiert und umgedeutet wurden: Hatte sich Joachims Prophetie eines „novus dux“ nicht in Franziskus erfüllt und müssten demzufolge nicht die Franziskaner-Spiritualen jene Künder und Führer der Geistkirche sein, die sich hinter dem „tertius status“ des Joachim verbarg und die die Papstkirche ablösen sollte?

Ordenschronist Salimbene von Parma, der als junger Mann selbst zu den Pisaner Joachiten gehörte, nennt die Namen der Mitbrüder, die von der joachitischen Idee fasziniert waren: Rudolf von Sachsen, Bartholomäus Giusculus und Gerardus von Borgo San Donnino. Zunächst jedoch wurden die Ideen noch im Geheimen unter den Unzufriedenen und den Laien des Ordens weitergetragen. Zum Netzwerk gehörte auch Johannes von Parma, seit 1247 Ordensgeneral.

Als Kaiser Friedrich II. – für die Spiritualen der von Joachim prophezeite Antichrist – 1250 starb, war man sich sicher, dass nun die Zeitenwende hin zur Epoche des Heiligen Geistes unmittelbar bevorstünde. Joachim selbst hatte den Zeitpunkt um das Jahr 1260 datiert. Es war Gerardus von Borgo San Donnino, der 1255 an die Öffentlichkeit ging und die drei Hauptschriften Joachims mit einer von ihm verfassten Einleitung, dem „Liber introductorius in Evangelim Aeternum“ veröffentlichte. Ewiges Evangelium?

Römisches Urteil

Der Begriff stammt aus der Apokalypse, wo ein Engel den Menschen ein ewiges Evangelium verkündet. Gerardus deutet diese Stelle auf die Schriften Joachims um. Sie seien das „dritte Testament“, dasjenige des Heiligen Geistes, das aus dem Evangelium Christi hervorgehe und dieses 1260 ablöse.

Dann gelte nur noch dieses neue Testament der Geistkirche, das Joachim als eine Art Johannes der Täufer angekündigt habe. Der Engel aus der Apokalypse und somit der Verkünder selbst sei aber Franziskus gewesen. Die führende Rolle im neuen Zeitalter der Geistkirche beanspruchten die Spiritualen, die doch als Einzige die Franziskus-Regel „sine glossa“ befolgten.

Es ist wenig verwunderlich, dass die Kirche auf diesen Angriff sofort reagierte. Eine von Papst Alexander IV. eingesetzte Kommission verurteilte nicht nur Gerardus, sondern auch die Schriften des Joachim von Fiore. Ordensgeneral Johannes von Parma musste zurücktreten. Gerardus wurde verhaftet und eingekerkert. Umsonst! Die Idee eines neuen Zeitalters war in der Welt und mit ihr ein exklusiver Anspruch auf Führung, der die neuzeitlichen Polit-Ideologien schon am Horizont aufblitzen lässt.

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