"Roe vs. Wade"

„Ein historischer Tag“

Kirchliche Stimmen begrüßen die Aussicht auf besseren Lebensschutz Ungeborener – Deutscher Familienbischof kritisiert Härte der Auseinandersetzung.
Oberstes US-Gericht kippt liberales Abtreibungsrecht
Foto: Gemunu Amarasinghe (AP) | Abtreibungsgegner feiern die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs. Die Bundesstaaten dürfen wieder ihre eigenen Abtreibungsgesetze in einem demokratischen Prozess bestimmen, auch in Richtung mehr Lebensschutz.

In den USA haben hochrangige katholische Kirchenvertreter die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs begrüßt, das umstrittene Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“ zu kippen und die Kompetenz, die Abtreibungsgesetzgebung zu regeln, an die Bundesstaaten zurückzugeben. Gleichzeitig mahnten viele an, Frauen in Schwangerschaftskonflikten stärker zu unterstützen.

Ungerechtes Gesetz ist gekippt

Die US-Bischöfe sprachen von einem „historischen Tag“ in der Geschichte der USA. „Fast 50 Jahre lang hat Amerika ein ungerechtes Gesetz durchgesetzt, das einigen darüber zu entscheiden erlaubt hat, ob andere leben können oder sterben müssen“, schreiben der Konferenzvorsitzende, Erzbischof José Gomez, und der Vorsitzende des Lebensschutzkomitees der Bischöfe, Erzbischof William Lori, in einer gemeinsamen Stellungnahme. Durch „Roe vs. Wade“ seien Dutzende Millionen ungeborener Kinder gestorben, Generationen sei „das Recht, überhaupt geboren zu werden“, verweigert worden. „Wir danken Gott, dass der Oberste Gerichtshof diese Entscheidung rückgängig gemacht hat.“

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Gleichzeitig betonten die amerikanischen Bischöfe, dass nun begonnen werden müsse, „ein Amerika nach Roe“ aufzubauen. „Es ist an der Zeit, Wunden zu heilen und gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden.“ Nun brauche es „vernünftige Reflexion“ und zivilisierten Dialog, „um eine Gesellschaft aufzubauen, die Ehe und Familie unterstützt, und in der jeder Frau die Unterstützung und Ressourcen zur Verfügung stehen, um ihr Kind in Liebe in diese Welt zu bringen“.

Frucht der letzten 50 Jahre

Darüber hinaus nahmen auch weitere amerikanische Bischöfe separat Stellung. Der Erzbischof von San Francisco, Salvatore Cordileone, zitierte die amerikanische Bürgerrechts-Ikone Martin Luther King: „Der Bogen der Geschichte ist lang, aber er beugt sich der Gerechtigkeit.“ Das Urteil wäre nicht zustande gekommen ohne die „geduldige, liebevolle und harte Arbeit“ der letzten 50 Jahre. „Aber unsere Arbeit hat gerade erst begonnen“, so Cordileone. Gleichzeitig betonte er, dass die Kirche ihre Anstrengungen intensivieren müsse, um Frauen und Paare zu begleiten, die mit unerwarteten oder schwierigen Schwangerschaften konfrontiert seien.

Auch Kardinal Joseph Tobin, Erzbischof von Newark, begrüßte die Entscheidung des Obersten Gerichts. Er betonte aber auch, dass die Richter darauf hingewiesen hätten, dass die Gesellschaft „garantieren müsse, dass unsere Unterstützung nicht einfach mit der Geburt eines Kindes endet“. Kardinal Blase Cupich, Erzbischof von Chicago, sah in dem Urteil eine Gelegenheit zum Dialog. Die Entscheidung könne zum „Wendepunkt werden in unserem Dialog über die Stellung ungeborener Kinder in unserem Land, über unsere Verantwortung, Frauen zuzuhören und zu unterstützen“.

Ungeborenes Leben aus dem Blick verloren

Der deutsche „Familienbischof“ Heiner Koch kritisierte die „Härte und Brutalität“ der Debatte um das Abtreibungsverbot in den USA. Dieser „aggressive politische Streitfall“ tue weder Frau noch Kind in den USA gut, sagte der Berliner Erzbischof der Katholischen Nachrichten-Agentur am Samstag am Rande des Weltfamilientreffens in Rom.

Das eigentliche Drama sei, dass das Leben des ungeborenen Kindes immer mehr aus dem Blick gerate, so Koch, der Vorsitzender der Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz ist. Das gelte auch für Debatten zu dem Thema in Deutschland. Trotzdem könne es nur eine gute Lösung gemeinsam mit der Frau geben. Der Erzbischof plädiert den Agenturangaben zufolge für das deutsche System im Umgang mit Schwangerschaftsabbrüchen.

Missbräuchliche Nutzung des Systems

Hierzulande bleibt die Abtreibung in den ersten drei Monaten straffrei, wenn sich die schwangere Frau zuvor beraten lässt; zwischen Beratung und möglichem Abbruch müssen mindestens drei Tage liegen. Natürlich sehe er auch die Gefahren einer missbräuchlichen Nutzung des Systems, so Koch.

Aber mit einer qualifizierten Beratung gebe es eine Chance für Frau und Kind, „im Frieden zu einer guten Entscheidung zu kommen“, die er dann auch respektieren müsse.

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Maximilian Lutz

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