Konversion

Edith Steins Taufe wurde getragen von der Sehnsucht nach  Seligkeit

Ein katholischer Hauch durchwehte das Land. Edith Steins Taufe vor 100 Jahren erschließt sich auch im Licht der Konversionen der 1920er Jahre. Glaube und Vernunft gehen Hand in Hand.
Edith Stein Denkmal in Köln
Foto: Adobe Stock | Für Edith Stein war das philosophische Werk Husserls von besonderer Bedeutung. Unser Bild zeigt ihr Denkmal in Köln.

Am 15. August 1920 schreibt ein anonymer Autor in der Kölnischen Volkszeitung: ",Es geht ein katholischer Zug durch die heutige Geisteswelt, eine stille Sehnsucht nach Katholizität, nach einem universalen Kirchenideal.  Dies Wort Friedrich Heilers, das er in seiner Arbeit über ,Das Wesen des Katholizismus  (München 1920) niederlegte, entspricht einem Tatbestande. Seit den Tagen der deutschen Romantik ist die Sympathie für das Leben und die Lehre der Kirche nie eine so starke gewesen als in unserer Gegenwart. Eine nicht kleine Schar evangelischer und jüdischer Intellektueller befindet sich auf der Pilgerschaft zur Kirche. (...) Aber leider sind es mehr die außerhalb der Kirche Stehenden und sich nach ihr Sehnenden, als die eigenen Söhne und Töchter, die von dem Wert der kirchlichen Kräfte lebendig, um nicht zu sagen leidenschaftlich, durchdrungen sind."

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Diese hellsichtigen Worte treffen auch auf Edith Stein zu. Der lebensgeschichtliche und gesellschaftliche Hintergrund erhellt sich durch die zwei Jahrzehnte von 1910 bis 1930: Sie enthalten einerseits den katastrophalen Ersten Weltkrieg, nämlich den Bruch der europäischen Geschichte mit dem bürgerlichen 19. Jahrhundert. Dieser Bruch mit der bisherigen politischen Verfassung Zentral- und Osteuropas führte zur Beendigung des österreichischen und deutschen Kaiserreiches und zur russischen Revolution 1917. Eine verlorene und gebrochene Generation suchte nach Neuordnung auf den Ruinen Europas; diese Neuordnung bot sich für Mitteleuropa in einer nicht eingeübten Demokratie an und musste daher von Grund auf neu erarbeitet werden. 1918 markiert dabei nicht allein das Ende eines Krieges, sondern auch eines Lebensgefühls. Symptomatisch für die Epoche ist Oswald Spenglers zweibändiges Werk "Der Untergang des Abendlandes".

Auch Edith Stein hat Teil an der Gesamtstimmung. Ihr depressiver Grundzug, wie ihn ihre Autobiographie schildert, nach den Weltkriegstoden ihres verehrten Lehrers Adolf Reinach (+16.11.1917) und anderen Kommilitonen ist nicht zu überhören; der Jugendübermut sei "zum Teufel", schreibt sie am 6. Juli 1927 an den polnischen Kommilitonen und Freund Roman Ingarden. Sie fühlt sich als Überlebende gleichsam mitgestorben und nur zufällig entkommen. 1917 bis 1919 sind wohl die Jahre ihrer tiefsten menschlichen Krise, die sich erst in der Konversion aufzulösen beginnt. Wie der Briefwechsel mit Ingarden ausweist, empfindet Stein auch persönlich den Untergang des bisherigen Reiches als Erdbeben.

Eine neue Epoche 

Andererseits schließt sich, wenn auch unter wirtschaftlichen Krisenzeichen, ein Jahrzehnt voller schöpferischer künstlerischer, literarischer und philosophischer Impulse an. Insbesondere philosophisch wird das Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930 fruchtbar: Heidegger veröffentlicht 1927 "Sein und Zeit", Husserl 1928 "Cartesianische Meditationen"; Edith Stein wird sich mit beiden auseinandersetzen.

"Und in wie Vielen, in wie Unzähligen ist jetzt die Haupt- und Lebensfrage nach Gott aufgestiegen!", schrieb der junge Karl Barth schon 1914. In diesem neu anhebenden Schaffen standen die konfessionelle Jugendbewegung, die liturgische Bewegung  mit einer starken Aufwertung der Monastik die Akademikerbewegung und eine unerwartete Konversionswelle. Das Wort "katholisch" wurde auch über die kirchliche Bindung hinaus zustimmend wahrgenommen "als Losungswort einer neuen Epoche deutscher, ja europäischer Entwicklung", so Erich Przywara SJ, der seit 1925 ja auch Edith Stein begleitete.

 

 

Die Übertritte in den Nachkriegsjahren waren von erstaunlicher Häufigkeit und Prominenz. Sie fanden meist im Zeichen dieses neuen "katholischen Frühlings" statt, während Übertritte zum Protestantismus seltener waren. 1924 erschienen die ungemeines Aufsehen erregenden "Hymnen an die Kirche" der Protestantin Gertrud von le Fort, die 1926 in Rom zum Katholizismus konvertierte.

Viele Konvertiten

Andere exponierte Konvertiten dieser Jahre vom Protestantismus zum Katholizismus waren schon 1914 Dietrich von Hildebrand, dann Theodor Haecker aufgrund seiner Übersetzungen John Henry Newmans, 1924 die junge Künstlerin Ruth Schaumann (1899-1975), 1929 der Maler Richard Seewald und 1930 noch Erik Peterson, 1936 Werner Bergengruen; im englischen Raum nicht zu vergessen Gilbert Keith Chesterton 1922 und die Nobelpreisträgerin Sigrid Undset in Norwegen 1924.
Edith Stein kennt und liest in dieser Konvertitenliteratur nicht nur den Kommilitonen Hildebrand und Erik Peterson, sondern schätzt und empfiehlt auch le Fort und Undset für den Schulunterricht.

Zu Edith Steins Entwicklung vor diesem Zeithintergrund findet sich noch ein etwas eigenartiges Urteil ihres Lehrers Edmund Husserl. In einem Brief vom 25. November 1921 an Ingarden über die bevorstehende Konversion seiner Meisterschülerin heißt es: "Was Sie von Frl. Stein schrieben, hat mich betrübt   mir selbst schrieb sie nicht. Es ist leider eine große Übertrittsbewegung   ein Zeichen des inneren Elends in den Seelen. Ein echter Philosoph kann nur frei sein: das Wesen der Philosophie ist radikalste Autonomie; ganz in Ihrem Sinne." Aber das Urteil lässt sich auch umkehren: Die vom Christentum angebotene Sinngebung wurde zum Leuchtfeuer einer verlorenen Generation.

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Versöhnung von Intellekt und Glauben

Und es kann keinen Zweifel geben, dass Edith Steins Entscheidung keineswegs auf intellektueller Kapitulation, vielmehr im Gegenteil auf einer Versöhnung von Intellekt und Glauben aufruhte. Am Ende einer langen mühsamen Suche, am Ende auch halbwegs ausgestandener Lebensenttäuschungen sprang ihr Entschluss zur Taufe auf   nach längerer Lektüre der Autobiographie Teresas von  vila. Die letzte Entscheidung Edith Steins fiel in einer Nacht im Juni 1921 in Bad Bergzabern. Es war Teresa, die mit ihrer Selbsterforschung über alles hinweg, was Edith Stein sich intellektuell erarbeitet hatte, auch ihr Innerstes erreichte. In dieser einen Nacht fielen drei unwiderrufliche Entscheidungen: Christin zu werden, Katholikin zu werden und Karmelitin zu werden.

Die Wucht der neuen Anziehung war erheblich. Edith Stein ließ sich am 1. Januar 1922 in Bad Bergzabern taufen und 33 Tage später, am 2. Februar 1922, in Speyer firmen   an zwei bewusst gewählten Festtagen, an denen die katholische Liturgie jüdische Rituale mitfeiert. Denn am ersten Januar wurde bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil das "Fest der Beschneidung des Herrn" begangen; am 2. Februar das "Fest der Reinigung Marias" oder der "Darbringung des Erstgeborenen im Tempel".

Lyrisch ausgedrückt

Edith Stein hat ihre Konversion später in ihrem Hauptwerk "Endliches und ewiges Sein" (1936/37) in eine bei ihr seltene, lyrisch anmutende Ausdrucksweise gekleidet und sich damit gegen Martin Heideggers "Sein zum Tode" gewandt: "Dieses Sein ist nicht nur ein sich zeitlich streckendes und damit stets sich selbst voraus, der Mensch verlangt nach dem immer neuen Beschenktwerden mit dem Sein, um das ausschöpfen zu können, was der Augenblick ihm zugleich gibt und nimmt.

Was ihm Fülle gibt, das will er nicht lassen, und er möchte ohne Ende und ohne Grenzen sein, um es ganz und ohne Ende zu besitzen. Freude ohne Ende, Glück ohne Schatten, Liebe ohne Grenzen, höchst gesteigertes Leben ohne Erschlaffen, kraftvollste Tat, die zugleich vollendete Ruhe und Gelöstheit von allen Spannungen ist   das ist ewige Seligkeit. Das ist das Sein, um das es dem Menschen in seinem Dasein geht." (ESGA 11/12, 479)

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