Weinberg

Diener der Freude

Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. – ein großer und demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn.
Joseph Ratzinger, neuer Erzbischof von München und Freising, 1977
Foto: Hartmut Reeh (dpa) | ARCHIV - Joseph Ratzinger, neuer Erzbischof von München und Freising, trägt während der Fronleichnamsprozession am 09.06.1977 in der Münchner Innenstadt die Monstranz.

Dass es im Leben von Joseph Ratzinger mehrfach anders kam, als er wollte, ist bekannt. „Ich wollte mein Leben lang ein richtiger Professor sein“, sagte er 2016 in seinen „Letzten Gesprächen“. Der Wechsel von der Universität Tübingen an die Universität Regensburg 1969 sollte nach vorherigen Stationen in Münster, Bonn und Freising „ganz entschieden der letzte sein“. Als nach dem plötzlichen Tod des Erzbischofs von München, Julius Kardinal Döpfner, im Juli 1976 Gerüchte auftauchten, die unter den Kandidaten für die Nachfolge auch seinen Namen enthielten, wollte er sie „nicht sehr ernst nehmen, denn die Grenzen meiner Gesundheit waren ebenso bekannt wie meine Fremdheit gegenüber Aufgaben der Leitung und Verwaltung; ich wusste mich zum Gelehrtenleben berufen“. So dachte er auch „an nichts Schlimmes“, als Nuntius Del Mestri ihn in Regensburg besuchte, in ein Hotel einbestellte, über Belangloses mit ihm plauderte und ihm einen Brief in die Hand drückte, den er zu Hause lesen und bedenken sollte. „Er enthielt meine Ernennung zum Erzbischof von München und Freising.“

Dem Ruf nach München gefolgt

Joseph Ratzinger gehorchte dem Ruf von Papst Paul VI. und trat am 28. Mai 1977 sein Amt in München an. Schon vier Wochen später wurde er zum Kardinal ernannt. Als Papst Johannes Paul II. ihn bald nach seiner Wahl als Leiter der Kongregation für die katholische Erziehung nach Rom holen wollte, lehnte er mit der Begründung ab, er sei als Erzbischof von München noch viel zu kurz im Amt. Als ihn Johannes Paul II. Ende 1981 erneut nach Rom berief, diesmal als Präfekt der Glaubenskongregation, stellte er eine für einen Professor typische Bedingung, die er für unerfüllbar hielt: „Ich kann es nur annehmen, wenn ich auch weiterhin publizieren darf.“ Johannes Paul II. ließ das prüfen und antwortete: „Können Sie“. Auch als Präfekt der Glaubenskongregation träumte er immer wieder vom Gelehrtenleben. Nach jeweils fünf Jahren im Amt bat er Johannes Paul II. um Entlassung. Die Antwort war jedes Mal „Nein“, und noch bevor er an seinem 75. Geburtstag 2002 das übliche Rücktrittsschreiben überreichen konnte, ließ ihn Johannes Paul II. wissen: „Sie brauchen mir nicht zu schreiben, brauchen mir nicht zu sagen, dass Sie losgebunden werden wollen, es wird nicht erhört. Sie müssen bleiben, solange ich da bin.“

Die Wahl als Fallbeil

Joseph Ratzinger gehorchte erneut. Dem Konklave nach dem Tod Johannes Pauls II. sah er gelassen entgegen: „Schließlich war ich inzwischen 78 Jahre alt, was natürlich beruhigend war. Wenn die Bischöfe mit 75 Jahren aufhören, kann man nicht einen 78-Jährigen auf den Stuhl Petri hieven.“ Es kam wiederum anders. Die Kardinäle einigten sich sehr schnell auf ihn. Er scheute sich nicht, von einem Fallbeil zu sprechen und die Wahl mit einer Guillotine zu vergleichen. „Das Unglaubliche jetzt tatsächlich geschehen zu sehen, war wirklich ein Schock. Ich war überzeugt, dass es Bessere und Jüngere gab. Warum der Herr es mir angetan hat, musste ich ihm überlassen. Ich habe versucht, den Gleichmut zu bewahren, ganz im Vertrauen darauf, dass er mich jetzt schon führen wird.“ Nach dem großen Papst Johannes Paul II. habe Gott, so verkündete er am 19. April 2005 auf der Loggia des Petersdomes, „einen einfachen, demütigen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ erwählt.

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Der Professor

Meine erste Begegnung mit Joseph Ratzinger ist mir unvergesslich. Ich war Mitarbeiter im Sekretariat der Synode der westdeutschen Bistümer. Am Rande der konstituierenden Sitzung der Synode Anfang Januar 1971 in Würzburg verabredete sich mein Doktorvater Hans Maier, auf dessen Vorschlag hin ich die Stelle bei der Synode angenommen hatte, mit Joseph Ratzinger zum Abendessen im Burkardushaus. Maier war vier Wochen zuvor bayerischer Kultusminister geworden. Die Gestalt Ratzingers faszinierte mich: Unprätentiös, freundlich, mit einem Gesicht, so transparent, dass ich spontan dachte: ein Professor, der sich mit seiner Wissenschaft nicht nur am Schreibtisch und in Bibliotheken befasst, sondern auch auf den Knien vor dem Tabernakel.
Was war die Signatur seiner theologischen Wissenschaft und wie hat er sie Studenten, Kollegen, Kirche und Gesellschaft vermittelt? Die ersten beiden Sätze der Enzyklika „Fides et ratio“ von Johannes Paul II. (1998), an der er als Präfekt der Glaubenskongregation maßgeblich mitwirkte, enthalten auch die Signatur seiner Theologie: „Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. Das Streben, die Wahrheit zu erkennen und letztlich ihn selbst zu erkennen, hat Gott dem Menschen ins Herz gesenkt, damit er dadurch, dass er Ihn erkennt und liebt, auch zur vollen Wahrheit über sich selbst gelangen könne.“

Das Verhältnis von Schrift und Tradition

Zeit seines Lebens bemühte sich Joseph Ratzinger darum, seine Dogmatik biblisch zu begründen. Das Verhältnis von Schrift und Tradition wurde so ein zweites großes Thema seiner Theologie. Es prägte sein Buch „Eschatologie. Tod und ewiges Leben“, das einzige, das er noch als Professor in Regensburg abschließen konnte. Seine Eschatologie ist zugleich eine christliche Anthropologie. Die Auseinandersetzung mit dem Leid ist die eigentliche Entscheidungsstätte des Menschlichen. Der Mensch, der sich dem Leiden nicht stellt, verweigert sich dem Leben. Nicht Prometheus, sondern der Kreuzesgehorsam des Sohnes ist die Stätte, in der die Gottwerdung des Menschen aufgeht.
Wohlwollen und Aufmerksamkeit kennzeichneten sein Verhältnis zu Kollegen, seine öffentlichen Dialoge mit Jürgen Habermas und Marcello Pera, sein Streitgespräch als Erzbischof von München mit dem damaligen Bundesjustizminister Hans-Jochen Vogel am 20. Dezember 1979, dem er – mild in der Form, aber hart in der Sache – wegen der Legalisierung der Abtreibung widersprach, und selbst sein Verhältnis zu Hans Küng, den er kurz nach seiner Wahl zum Papst zu einem langen Gespräch nach Castel Gandolfo einlud, ohne freilich dessen antirömische Allergie heilen oder auch nur mildern zu können.

Der Glaubenspräfekt

Die Auseinandersetzung mit der Befreiungstheologie kennzeichnete seine ersten Jahre als Präfekt der Glaubenskongregation. Diese Theologie verstehe sich, schrieb er 1984 in der „Neuen Ordnung“, als eine neue Hermeneutik des christlichen Glaubens, die alle Formen kirchlichen Lebens verändere: die kirchliche Verfassung, die Liturgie, die Katechese und die moralische Option. Sie verschmelze die Hoffnung auf das Reich Gottes mit der politischen Aktion und der sozialistischen Utopie. Zwei Instruktionen der Glaubenskongregation dokumentieren diese Auseinandersetzung, die Instruktion „über einige Aspekte der ,Theologie der Befreiung‘“ (1984) und die Instruktion „über die christliche Freiheit und die Befreiung“ (1986). Die Kritik an der Befreiungstheologie, der er wegen ihres Einsatzes für arme und marginalisierte Teile der Gesellschaft wiederholt einen Kern an Wahrheit zubilligte, zwang Joseph Ratzinger zu einem neuen Blick auf die katholische Soziallehre, der er in einem Aufsatz 1964 wegen ihres naturrechtlichen Ansatzes noch kritisch gegenübergestanden hatte. Ihr „Realismus“ zeige sich darin, schrieb er 1986 in der Internationalen Katholischen Zeitschrift „Communio“, „dass sie kein irdisches Paradies, keine unumkehrbar und endgültig positive Gesellschaft innerhalb dieser Geschichte verheißt“. Ihre moralischen Forderungen basierten auf dem Evangelium und der menschlichen Natur, einem Erbe, das allen Menschen gehört.

Im Zentrum von Kontroversen

Als Präfekt der Glaubenskongregation stand Ratzinger auch im Zentrum der Kontroversen um die kirchliche Beteiligung an der nachweispflichtigen Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland. Es ging in diesen Kontroversen um das moraltheologische Problem der unerlaubten Mitwirkung an einer bösen Tat und letztlich um die Frage, ob es in sich schlechte Handlungen gibt, die immer zu vermeiden sind, die also weder durch besondere Umstände noch durch gute Absichten zu guten oder akzeptierbaren Handlungen werden können. Diese Frage hatte Johannes Paul II. mit Ratzingers Unterstützung 1993 in der Enzyklika „Veritatis splendor“ über einige grundlegende Fragen der kirchlichen Morallehre behandelt und bejaht. Ist die Ausstellung eines Beratungsscheins ein Mittel, um das Leben des ungeborenen Kindes zu retten, also eine gute Tat, oder ist sie eine Mitwirkung an der Tötung des Kindes, also sittlich verwerflich? Ratzinger erkannte im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Bischöfe das in der Beratungsregelung enthaltene strukturethische Problem: Eine Mitwirkung an einer bösen Tat liegt nicht nur dann vor, wenn die Tat aufgrund ihres Wesens oder der Intention des Mitwirkenden böse ist, sondern auch dann, wenn der rechtliche Kontext die Tat in eine solche Mitwirkung verwandelt.

Der deutsche Papst

In den fast acht Jahren seines Pontifikats blieb er als Benedikt XVI. der Gelehrte auf der cathedra Petri, die für ihn nie ein Thron war. Er wollte Diener der Freude sein in seinen Bemühungen um die Einheit der Kirche, um die Interpretation des Zweiten Vatikanischen Konzils, um die Einheit der Christenheit, um das Verhältnis zu den Juden als den älteren Brüdern im Glauben und um die Beziehungen zu den Muslimen, deren Anliegen, der Religion öffentliche Präsenz zu verschaffen, er teilte. Dass ein Papst nicht jedermanns Liebling sein kann, war ihm bewusst. „Wenn ein Papst immer nur Beifall bekäme“, sagte er in seinen „Letzten Gesprächen“, „müsste er sich fragen, ob er etwas nicht richtig macht. Denn in dieser Welt ist die Botschaft Christi ein Skandal, angefangen mit Christus selbst. Es wird immer Widerspruch geben, und der Papst wird immer Zeichen des Widerspruchs sein.“
Die Balance zwischen Zurückgezogenheit und In-der-Welt-Sein, die schon seinen Studenten auffiel, kennzeichnete auch seine Reden und sein Auftreten als Papst. In England gelang es ihm im September 2010, ein vor seinem Besuch höchst feindliches Klima durch sein Auftreten in große Sympathie zu verwandeln. Er verfolgte auch als Papst demütig und furchtlos die Anliegen, Glaube und Vernunft, Schrift und Tradition, Kirche und Welt zu verbinden, die schon seine Tätigkeit als Professor und Präfekt kennzeichneten.

Bundestagsrede: Vernunft und Natur

Seine Rede im Deutschen Bundestag am 22. September 2011 illustriert dies wie kaum eine andere. Damit der Politiker seine grundlegende Aufgabe erfüllen kann, dem Recht zu dienen und dem Unrecht zu wehren, müsse er sich auf die klassischen Erkenntnisquellen für Ethos und Recht besinnen: Vernunft und Natur. Klug war seine Würdigung der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik in den siebziger Jahren, mit der er seine Zuhörer zugleich fesselte und erheiterte. Er wolle damit nicht Propaganda für eine bestimmte politische Partei machen, aber doch auf ein Defizit hinweisen. Es werde in der ökologischen Bewegung immer noch ausgeklammert, dass es auch eine Ökologie des Menschen gibt: „Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann... Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur achtet, sie hört und sie annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Die Ökologie des Menschen als Fundament

Die Ökologie des Menschen war Fundament für zwei weitere Pfeiler seines Pontifikats, die Kritik an der Gender-Theorie und die Verbindung der katholischen Soziallehre mit der Ethik des Lebens. Mit der Gender-Theorie befasste er sich bei seinem letzten Weihnachtsempfang für das Kardinalskollegium am 21. Dezember 2012. „Die tiefe Unwahrheit dieser Theorie“, die er eine anthropologische Revolution nannte, läge darin, dass sie leugnet, dass der Mensch „eine von seiner Leibhaftigkeit vorgegebene Natur hat“. Die im Umgang mit der Umwelt so oft beklagte „Manipulation der Natur … wird hier zum Grundentscheid des Menschen im Umgang mit sich selber… Wenn es aber die von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau nicht gibt, dann gibt es auch die Familie als von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit nicht mehr.“ Das Kind werde dann aus einem eigenen Rechtssubjekt zu einem Objekt, das man sich beschaffen kann. Wo aber „die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt“. Da sich die Zukunft der Menschheit in der Biomedizin entscheidet, ist die soziale Frage, so Benedikt XVI. in der Enzyklika „Caritas in veritate“ von 2009, zu einer anthropologischen geworden. Die Kirche muss deshalb „mit Nachdruck diesen Zusammenhang zwischen der Ethik des Lebens und der Sozialethik“ betonen.

Benedikts XVI. Stellungnahmen zur Ökologie des Menschen waren, wie seine ganze Verkündigung auch zur Befreiungstheologie und zur Schwangerschaftskonfliktberatung, nie laut und apodiktisch, sondern argumentierend, fragend und einladend. Sie waren immer demütig und furchtlos. Demütig und furchtlos war auch seine Erklärung zum Rücktritt am 10. Februar 2010. Demütig und furchtlos waren schließlich seine seltenen öffentlichen Stellungnahmen als Papst emeritus: sein Nachruf auf Kardinal Meisner, einen der von Papst Franziskus nicht empfangenen Dubia-Kardinäle, im Juli 2017, den er als furchtlosen Hirten rühmte, der der Diktatur des Zeitgeistes immer widerstanden hatte; sein Brief zur Kirchenkrise nach dem Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker vom April 2019, in dem er sich nicht scheute, als Hauptursachen den Zusammenbruch der Moraltheologie zwischen 1960 und 1980 und die Rolle der Homosexualität zu benennen und an die Enzyklika „Veritatis splendor“ zu erinnern sowie sein Empfang am 1. August 2019 für Professor Livio Melina, den entlassenen Kopf und langjährigen Präsidenten des Instituts Johannes Pauls II. für Ehe und Familie – ein Protest ohne Worte gegen die kuriale Zerstörung des Instituts. Demütig und furchtlos ist nun sein Heimgang zum Vater. Santo subito.

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