Kirche

Die zwei Spanien streiten um ein Grab

Francos sterbliche Überreste sollen umgebettet werden. Von Regina Einig
Grab von Diktator Franco
Foto: dpa | Blumen und Protest: Der Streit um das Grab General Francos im Tal der Gefallenen veranschaulicht den Bruch zwischen dem katholischen und dem „roten“ Spanien.

Drei Worte in knallroter Farbe und eine mit hastiger Hand skizzierte Taube markieren den Graben zwischen den Spaniern. Am Tag vor Allerheiligen fachte der Bildhauer Enrique Terneiro den Streit um das Grab General Francisco Francos (1892–1975) erneut ang: Während der 11-Uhr-Messe in der Benediktinerabtei Heilig Kreuz im Tal der Gefallenen pinselte er den Spruch „Für die Freiheit“ und eine Friedenstaube auf die Grabplatte des Caudillo. Aufgebrachte Gläubige überwältigten ihn, noch ehe die Sicherheitskräfte zur Stelle waren. Der alte Bruch zwischen dem katholischen, wertkonservativen Spanien und dem republikanisch-atheistischen Teil des Landes ist seit dem Bürgerkrieg nicht verheilt. Die Regierung sowie republikanisch eingestellte Spanier betrachten das Grab des Caudillo in der von Zwangsarbeitern errichteten Gedenkstätte in den Bergen von Madrid als fehl am Platz. Medienberichten zufolge erwägen die Sozialisten, die Bestattung Francos an einem öffentlich zugänglichen Ort durch eine Novellierung des 2007 verabschiedeten Gesetzes des historischen Andenkens zu verbieten. Für Franco-Anhänger ist die von Benediktinern betreute Gedenkstätte längst ein Wallfahrtsziel. „Meine Mitbrüder in Osteuropa wären froh gewesen, wenn ein General wie Franco ihnen die Kirchenverfolgung hinter dem Eisernen Vorhang erspart hätte“, erklärt ein Madrider Geistlicher im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass polnische Militärs an Francos Grab eine Ehrenwache halten und Gläubige kniend im Gebet verharren ist keine Seltenheit.

Ein schwieriger Balanceakt für die Kirche, in dem sich das Erzbistum Madrid bisher Zurückhaltung verordnet hat. Inzwischen beschäftigt der Konflikt auch den Vatikan. Ende Oktober traf Spaniens stellvertretende Ministerpräsidentin Carmen Calvo Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, um über Francos letzte Ruhestätte zu sprechen. Die Sozialistin hatte vorab angekündigt, die Regierung wolle eine Umbettung in die Madrider Almudena-Kathedrale verhindern. Man werde die Verehrung des Diktators nicht fördern. Doch in Rom biss Calvo auf Granit. Der Vatikan werde sich einer Umbettung der Gebeine Francos in die Madrider Almudena-Kathedrale nicht widersetzen, teilte das Pressebüro des Heiligen Stuhls anschließend mit. Spaniens Regierung solle im Gespräch mit der Familie bleiben. Letztere lehnt die Exhumierung des Generals ab. Der Anwalt der Familie ließ die Öffentlichkeit wissen, falls die Regierung die Umbettung beschließe, käme für die Familie ausschließlich die Krypta der Almudena-Kathedrale als Bestattungsort infrage. In dem öffentlich zugänglichen Raum besitzt die Familie vier Grabplätze. In zweien haben Francos Tochter Carmen und sein Schwiegersohn ihre letzte Ruhe gefunden. In den beiden anderen könnten Franco und Carmen Polo bestattet werden. Die 1988 verstorbene Gattin Francos liegt im Familiengrab mit integrierter Kapelle auf dem Prominentenfriedhof Mingorrubio in der Madrider Gemeinde El Pardo. Dort wollte Franco auch beerdigt werden, doch König Juan Carlos setzte seine Bestattung im Tal der Gefallenen durch. Weitab vom Stadtzentrum sollte kein Schatten des Caudillo auf die heikle Übergangsphase der Nation zur Demokratisierung fallen. Francos Enkel lehnen eine Verlegung der Gebeine nach Mingorrubias ab, weil sie um die Sicherheit der Grabstätte fürchten. Die Familie will gegebenenfalls vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Innerhalb der Kirche wird die Rechtslage unterschiedlich beurteilt. Ob der Gesetzgeber das Erzbistum zwingen kann, die bis dato öffentliche Krypta zu schließen, sollte Franco hier bestattet werden, ist ungewiss. Auch in Kirchenkreisen teilen manche die Auffassung der Sozialisten, das Grab Francos dürfe die Verehrung der Person nicht fördern. Bischof Francesc Pardo von Girona äußerte sich gegenüber der Tageszeitung „El País“ ablehnend über die letzte Ruhe des Caudillo in einem Gotteshaus. Dies könne den Eindruck erwecken, der Diktator erhalte einen Ehrenplatz. Andere wenden ein, dass die Familie Franco rechtmäßiger Eigentümer der Grabstellen in der Krypta der Almudena-Kathedrale ist und damit wie viele Gläubige zur Finanzierung des Gotteshauses beigetragen hat. Die fünfschiffige neoromanische Krypta ist die exklusivste Grabstätte der spanischen Hauptstadt. Bischöfe, Priester und Laien haben dort in Boden- oder Nischengräbern ihre letzte Ruhe gefunden. Jeden Tag wird die heilige Messe für die Seelen der Verstorbenen gefeiert. An heißen Tagen zieht mancher erschöpfte Touristen einen Besuch des atmosphärisch dichten Gotteshauses dem Trubel rund um den benachbarten Königspalast oder einem überteuerten Altstadtcafé vor. Zwischen marmornen Grabkapellen, mehr als vierhundert Säulen mit wunderbaren Kapitellen und dem ältesten Marienbild Madrids erwartet sie im Hauptschiff ein exzellentes Programm zur Neuevangelisierung. Im halbdunklen Raum leuchten auf Monitoren Kernsätze der katholischen Lehre über die Letzten Dinge auf. Im Frage-Antwort-Modus behandeln sie Tod und Auferstehung, während der Blick des Besuchers zum Hauptaltar gelenkt wird.

Nur wenige Meter vom Hauptaltar entfernt ruhen Francos Familienangehörige unter einer blumengeschmückten Marmorplatte. Die Kathedrale steht an einem geschichtsträchtigen Ort. In einer Mauernische wurde der Überlieferung zufolge das älteste Marienbild der Stadt gefunden. Vor dem Portal warten Scharen von Menschen, um das Gnadenbild der Stadtpatronin von Madrid, der „Virgen de la Almudena“, zu besichtigen. Viele sorgen sich um die Zukunft des Landes. Die Säkularisierung fordert auch im traditionell katholischen Spanien ihren Tribut. Jüngsten Umfragen des Zentrums für gesellschaftliche Forschungen (CIS) zufolge bekennen sich lediglich 54 Prozent der Madrider, die sich selbst als religiös bezeichnen, zur katholischen Kirche. Nichts deutet darauf hin, dass sich die Hoffnung Francos, durch eine starke, katholische Monarchie zur Einheit Spaniens beizutragen, erfüllen könnte. Die Borbonen machen durch Skandale von sich reden. König Felipe enttäuschte viele Katholiken, als er bei seiner Inthronisierung jede religiöse Zeremonie ablehnte. Ein Besuch an Francos Grab verbunden mit einem Gebet für die Einheit Spaniens hätte in ihren Augen nichts Anstößiges.

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