Adieu Papst Benedikt

Die Mission Benedikt ist nicht beendet

Mit der Kombination von von theologischer Tiefe und geistreicher Präsentation war Joseph Ratzinger ein Glücksfall für den katholischen Journalismus. Ein Kommentar.
Papst Benedikts XVI. Mission ist nicht beendet
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Mit seiner Kombination von theologischer Tiefe und geistreicher Präsentation war Joseph Ratzinger ein Glücksfall für Journalisten.

Diese Zeitung hat Kardinal Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI. schon so viele Jahre lang begleitet, dass der Abschied von dem nun in hohem Alter Verstorbenen keine von großer Anteilnahme und Bewunderung geprägte, letztlich aber doch gebotene Pflichtübung ist. Der große Gelehrte, den die kirchliche Laufbahn auf den Papstthron führte, stand uns nahe. Was es an Kontakten in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab, müssten Kollegen erzählen, die allesamt schon verstorben sind.

Anteil an personeller Entwicklung von Redaktion und Verlag

In den achtziger Jahren nahm Joseph Ratzinger Anteil an der personellen Entwicklung von Redaktion und Verlag und verfolgte aus nächster Nähe, dass die Zeitung mit eigenem Personal eine römische Berichterstattung aufbaute. Um jeder Legendenbildung vorzubeugen: Es war nicht so, dass der römische Korrespondent morgens einen Anruf aus der Glaubenskongregation erhielt, um zu erfahren, was er Stunden später zu vermelden hatte. Ratzinger war kein „Influencer“. Auch nicht einer, in dessen Salon sich in ausgewählten Kreisen stille Koalitionen Gleichgesinnter gegenseitig informierten. Er ging seinen Weg – und wirkte anders.

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Was ihn später als Papst auszeichnen sollte – dass er mit Schriften und Ansprachen Zeitgenossen überzeugte, die mit dem ehemaligen Glaubenswächter und Panzerkardinal zunächst gar nichts zu schaffen haben wollten –, gelang ihm auch schon vorher. Seine Analysen waren umfassend, er stellte verblüffende Zusammenhänge her und führte sie zurück auf den theologischen Kern. Seine Einordnung der Befreiungstheologie war kein simples Anathema, sondern eine brillante Unterscheidung der Geister, wie auch seine Beschreibung des Wesens kirchlicher Reform als Wegnahme des Überflüssigen treffend wie auch anschaulich war, weil er sie mit dem Fortschlagen des überflüssigen Marmors verglich, das für den jungen Michelangelo der einzige Weg war, um seine geniale „Pietà“ aus dem groben Klotz zu schälen.

Ein Glücksfall für Journalisten

Mit dieser Kombination von theologischer Tiefe und geistreicher Präsentation war Joseph Ratzinger ein Glücksfall für Journalisten. Er lieferte den Teig, aus dem man viele Brötchen backen konnte. Wenn es denn die Schere im eigenen Kopf zuließ, sich diesem deutschen Gelehrten hörend und lesend zu nähern, ohne gleich aus einer voreingenommenen Abwehrhaltung heraus in Schnappatmung zu geraten. Trauer erfüllt uns nicht so sehr, weil der emeritierte Papst nach einem langen und erfüllten Leben von uns gegangen ist. Sondern weil so viele ihn bis zuletzt missverstanden haben oder missverstehen wollten. Da gibt es noch vieles aufzuarbeiten. Die Mission Ratzinger ist also nicht beendet.

„Die Tagespost“ wird sie weiter betreiben. Allein schon aus Dankbarkeit. Noch in den letzten Jahren seiner Zeit als Emeritus hat Benedikt XVI. seinen Namen unter die „Tagespost-Stiftung für katholische Publizistik“ gesetzt, die den Bestand der katholischen Stimme in den deutschsprachigen Medien finanziell absichern soll. Das wird ein zusätzlicher Ansporn sein, das reiche Erbe Joseph Ratzingers und Papst Benedikts über seinen Tod hinaus fruchtbar zu machen. Gerade kommende Generationen werden nach den zurückliegenden Jahren der spirituellen Dürre und den alles in Frage stellenden Wissenschaften von Gott und vom Menschen wieder geistige Nahrung brauchen. Bei dem „Mozart der Theologie“ werden sie sie finden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

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