Spanien

„Die Migranten haben Leben in unsere Pfarreien gebracht“

Der emeritierte Madrider Erzbischof Kardinal Antonio María Rouco Varela beschreibt die Situation der Kirche in Spanien.
Kardinal Rouco
Foto: Regina Einig | Kardinal Antonio María Rouco Varela beurteilt die Lage der Kirche im heutigen Spanien als wesentlich schwieriger als im Pontifikat Johannes Pauls II.

Eminenz, der Synodale Prozess der Weltkirche wird um ein Jahr verlängert bis 2024. Welche Themen beschäftigen die Gläubigen?

Ich habe den Eindruck, dass man im Vorfeld der Bischofssynode über die synodale Kirche über alles Mögliche außer über Synodalität selbst spricht. Nach der Lektüre der Arbeitsdokumente Instrumentum Laboris I und II sollte die Synodalität im Mittelpunkt stehen. Es ist ja auch kein neuer Begriff, zumindest aus der Sicht der Kanonistik. Unter dem Vorwand der Synodalität sind in Spanien andere Themen im Hinblick auf die Synode angesprochen worden. Allerdings ist die Beteiligung der Gläubigen, der geistlichen Bewegungen und auch der Priester an der diözesanen Vorbereitungsphase sehr bescheiden gewesen.

Warum?

Das Interesse am Synodalen Prozess ist so gering, weil die meisten Leute mit anderen Problemen beschäftigt sind. Wie man an die Machthebel in der Kirche kommt, ist eine Frage, die sich für viele gar nicht stellt. Auch angesichts der politischen Lage in Spanien haben wir andere Sorgen: Was geschieht mit dem Recht auf Leben, mit den Familienrechten und auch im Zug der Migration, die einige Madrider Stadtviertel besonders betrifft?

Wie macht sich die Zuwanderung bemerkbar?

Wir haben das Glück, dass die Einwanderer aus Lateinamerika kommen und katholisch sind, auch wenn Sekten versuchen, sie für sich zu gewinnen. Für die Kirche in Spanien ist die Zuwanderung positiv zu bewerten. Es kommen junge Leute mit Kindern in einer Zeit, in der sich die Krise von Ehe und Familie in Spanien stark auswirkt. Vor einiger Zeit habe ich in einer Madrider Pfarrei jungen Leuten das Firmsakrament gespendet: 17 stammten aus Ecuador, zwei aus Peru und einer aus Madrid. Die Migranten haben Leben in viele unserer Pfarreien gebracht.

Wenn Sie rückblickend die Initiativen des heiligen Johannes Paul II. und des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zur Neuevangelisierung betrachten – welche sind geglückt?

Meine Perspektive ist natürlich sehr durch meine zwanzigjährige Amtszeit als Erzbischof von Madrid geprägt worden. In den beiden Pontifikaten, die Sie genannt haben, hat die Neuevangelisierung sehr stark in allen Seelsorgebereichen und auch im öffentlichen Leben an Dynamik gewonnen. Diese Entwicklung ist nicht zu trennen vom Kirchen- und Weltbild der beiden Päpste. Die geistlichen Impulse Johannes Pauls II., die Benedikt XVI. dann aufgegriffen und fortgesetzt hat, haben sich stark ausgewirkt. Der Säkularisierungstrend in Europa war zwar nicht zu stoppen. Trotzdem konnte man die Kraft dieses Säkularisierungstrends zu einem großen Teil neutralisieren. Und es war auf jeden Fall ein gelungener Versuch, die positive Kraft des Zweiten Vatikanischen Konzils in die Gesellschaft einzubringen.

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Können Sie ein Beispiel nennen?

Als ich vor 46 Jahren Weihbischof in Santiago de Compostela wurde und im Seminar wohnte, lebten im Haus etwa 27 Seminaristen aus ganz Galicien. Sechs oder sieben stammten aus Santiago de Compostela. Zehn Jahre später waren es sechzig aus Santiago. Und diese Entwicklung spielte sich in ganz Spanien ab. So hat die Zahl der Seminaristen im Pontifikat Johannes Pauls II. in Spanien beinahe den Stand wie vor dem Konzil erreicht.

Die Kirche in Spanien hat soeben des historischen Papstbesuchs von 1982 gedacht. Was macht ihn so bedeutsam?

Wenn wir heute die Ansprache über Europa lesen, die Papst Johannes Paul II. in der Kathedrale von Santiago de Compostela gehalten hat, fragen wir uns: Hat sich nichts geändert? Europa steckt heute in einer gesellschaftlichen und religiösen Krise, die viel gefährlicher ist als 1982. Das hat der Papst klar gesehen. Heute ist die Situation viel komplizierter. Die anthropologische Entwicklung zielt auf eine Dekonstruktion des Menschen ab. Damit entzieht man einer halbwegs vernünftigen Theorie der Menschenrechte den Boden. Die natürlichen Menschenrechte werden infrage gestellt. Jetzt ist die Verwirrung perfekt.

Und die Kirche?

Wenn sich die katholische Kirche nicht erholt – die Anzeichen einer Krise sind da – wird sich das auf das europäische Projekt sehr negativ auswirken. In den sechziger und siebziger Jahren wurde so viel vom prophetischen Auftrag der Kirche in der Gesellschaft gesprochen, aber davon merkt man heute kaum mehr. In den siebziger Jahren waren Theologen in Westeuropa gesellschaftlich relevant, aber jetzt?

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