Die Lehre geht der Pastoral voran

Die deutschen Bischöfe diskutieren den Kommunionempfang für Protestanten. Man muss kein Unheilsprophet sein, um vorherzusehen: Innerhalb von wenigen Jahren wird jeder zur Kommunion gehen, der dies möchte. Von Andreas Wollbold
Papstwahl im Vatikan
Foto: dpa | Wer darf die Kommunion empfangen, wer nicht und vor allem warum?
Papstwahl im Vatikan
Foto: dpa | Wer darf die Kommunion empfangen, wer nicht und vor allem warum?

Es ist noch gar nicht erschienen und hat doch schon einigen Staub aufgewirbelt: Das Papier der Deutschen Bischofskonferenz zu „Konfessionsverschiedene Ehen und gemeinsame Teilnahme an der Eucharistie“. Die Grundlinien sind bereits bekannt geworden, und da steigt eine Reihe von Bedenken auf. Befremdlich erscheint zunächst der Schlüsselbegriff „schwerwiegendes geistliches Bedürfnis“. Er will das lateinische „gravis spiritualis necessitas“ wiedergeben. Das aber bezeichnet eine heilsbedeutsame Zwangs- oder Notlage und eben nicht einfach ein Bedürfnis. Der Begriff „Bedürfnis“ findet sich zwar in der deutschen Übersetzung der Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ von Johannes Paul II. (Nr. 45). Doch diese Übersetzung wirkt in hohem Maße tendenziös, um nicht zu sagen falsch.

Das Sakramentenrecht der Kirche kennt nämlich seit alters her eine Art Notstandsrecht, d.h. bei Todesgefahr und anderen schwerwiegenden Zwangslagen, wo bestimmte Begrenzungen entfallen können. „Spiritualis – geistlich“ wird von Johannes Paul II. hinzugefügt, um zu unterstreichen, dass diese Notlage entscheidend „im Hinblick auf das ewige Heil“ sein muss. Beispiele dafür sind die Nottaufe oder die Generalabsolution an Soldaten vor einer Schlacht (allerdings mit der Auflage, die Sünden später einzeln zu beichten). Anderer Fall: Ein suspendierter Priester kann einem Gläubigen in Todesgefahr die Sterbesakramente spenden (bekannt etwa durch das Ende von Georges Bernanos‘ „Tagebuch eines Landpfarrers“). Mit „Bedürfnis“ übersetzt wird dagegen diese Notlage zu einer subjektiven Dringlichkeit: „Ich brauche das einfach.“ Jeder definiert selber, wie schwerwiegend sie ist.

Das „schwerwiegende geistliche Bedürfnis“ wird von den Bischöfen aus einer Gefahr für die Ehe und den Glauben abgeleitet. D. h. wenn der nichtkatholische Partner nicht zur Kommunion gehen darf, droht, so heißt es, diese zu zerbrechen oder der Glaube zerstört zu werden. Ein Dreifaches ist darauf zu erwidern.

1. In unzulässiger Weise wird hier ein „Hunger nach der Eucharistie“ verknüpft mit dem gemeinsamen Kommunionempfang der Ehepartner (die gemeinsame Teilnahme an der Messfeier ist ja ohne Weiteres möglich). Doch der Empfang der Kommunion ist stets eine individuelle Angelegenheit, für die jeder für sich bereit sein muss. Auch wer nicht kommuniziert, nimmt ganz an der Eucharistiefeier teil. Auch die geistliche Kommunion ist möglich.

2. Die beschriebene Situation ist keine unaufhebbare Notlage, die nur ein Heilmittel kennt. An sich wäre sie sogar sehr einfach zu beheben, nämlich durch Konversion. Dabei kann es natürlich keinen Zwang geben, sondern die volle Religionsfreiheit muss respektiert werden. Doch Freiheit heißt immer auch, Verantwortung für die eigene Wahl zu übernehmen und sich nicht sozusagen aus jeder Alternative die Rosinen herauspicken zu können. Wer also nicht zum Übertritt in die katholische Kirche bereit ist, sei es aus persönlich-biografischen Gründen oder weil er oder sie nicht den ganzen katholischen Glauben teilt, von dem darf erwartet werden, auch die Folgen zu tragen und die Regeln der Kirche seines Ehepartners zu respektieren. Nur mit dieser Rücksicht kann ja die Ehe gelingen. In der Begleitung Betroffener sollte man darum einsichtig machen, dass es hier nicht um eine persönliche Zurückweisung oder mangelnde Wertschätzung geht, sondern gerade um den Respekt vor dem Weg jedes Einzelnen mit seinen Konsequenzen. A zu sagen, aber B nicht zu wollen wäre dagegen keine erwachsene Haltung. Das ist kein Vorwurf an Betroffene, ist es doch zutiefst menschlich, bei zutiefst persönlichen Fragen nicht einfach nüchtern und objektiv zu bleiben. Dennoch hat ein Seelsorger hier gerade die Aufgabe, bei aller Empathie doch auch Abstand und Objektivität zu wahren und das größere Ganze zu vertreten. Nur so hilft er zu echter menschlicher Reifung, ehelicher Festigkeit und Vertiefung des Glaubens.

3. Überhaupt: Ist diese beschriebene Not nicht ohnehin nur bei wenigen Paaren gegeben? Wie viele der ca. 40 Prozent Mischehen in Deutschland weisen überhaupt regelmäßige Kirchgänger auf? Geht es den meisten nicht um die Kommunion als ein soziales Zeichen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit? Sodass jeder, der nicht zum Tisch des Herrn treten kann, ausgeschlossen, zurückgewiesen und stigmatisiert wirkt (letztlich auch ein Nichtgetaufter)? Wirklich, mancherorts wird ein solcher Eindruck erweckt. Doch da haben wir kolossal etwas falsch gemacht. Auch unter Katholiken ist das Bewusstsein für Prüfung und rechte Disposition zum Empfang des Altarsakramentes geschwunden zugunsten einer allgemeinen und selbstverständlichen „Tischgemeinschaft“ Jesu mit allen Anwesenden.

Schließlich: Wo ist die Grenze zu ziehen? Endet die Möglichkeit des vielleicht bereits jahrelang praktizierten Kommunionempfangs mit dem Tod des katholischen Partners? Mit der Trennung? Und was ist mit den Kindern: Sind sie nicht vielleicht noch viel mehr in ihrem Glauben gefährdet? Was ist auf Reisen im Gebiet einer anderen Bischofskonferenz mit einer restriktiveren Regelung? Können endlich nicht auch Paare vor ihrer Hochzeit einen unstillbaren Hunger nach der Eucharistie empfinden? Und baut sich nicht der Druck auf, dass dann auch Katholiken das evangelische Abendmahl empfangen dürfen? Sieht man all das nicht oder will man es nicht sehen?

Im ersten Moment erscheint es wie ein geschickter Schachzug: Das Dokument versteht sich bescheiden als Pastoralanweisung. Das hat zur Folge, dass die Bischofskonferenz hier nicht einstimmig entscheiden muss, sondern mit Zweidrittelmehrheit, allerdings um den Preis einer gewichtigen Minderheit von Gegenstimmen. War das klug? Doch bei dieser Frage geht es um weitaus mehr als um ein paar Hinweise zum seelsorglichen Gespräch. Zentrale Glaubensgeheimnisse wie Eucharistie, Kirche und Ehe und das heilige Recht der Sakramente dürfen nicht in die Mühlen von Mehrheitsbeschaffungen geraten. Auch überschreitet die Richtlinie den Radius deutlich, der nach c. 844 § 4 CIC dem Diözesanbischof oder der Bischofskonferenz zu regeln erlaubt ist. Deshalb ist hier ein weltkirchlicher Rahmen sicherzustellen.

Auf Voraussetzung für Kommunion hinweisen

Übrigens: Pragmatisch hat es sich ohnehin weithin als gute Praxis bewährt, keinen Erwachsenen an der Kommunionbank zurückzuweisen, es sei denn, es handele sich um eine offenkundige Provokation oder ein Ungetaufter erscheine hier einfach aus Unwissenheit. Infolgedessen empfangen de facto natürlich immer wieder auch evangelische Christen das Sakrament. Nicht selten wird der Priester sogar darum wissen und zuvor auch das Gespräch gesucht haben. Auf jeden Fall sollte er immer wieder in Predigt und Pfarrbrief auf die Voraussetzungen hinweisen. Wenn Nichtkatholiken dennoch am Kommuniongang teilnehmen, wird er häufig zur „dissimulatio“ (dem bewussten Tun, als ob man es nicht bemerke, um so einen größeren Schaden zu vermeiden) greifen, denn die Zurückweisung vor aller Augen würde nun tatsächlich als Stigmatisierung erscheinen. Genau in diesem Sinn dürfte auch die spontane mündliche Äußerung von Papst Franziskus in der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Rom am 15. November 2015 zu verstehen sein: „Ich werde nie wagen, eine Erlaubnis zu geben, das zu tun, weil das nicht meine Kompetenz ist. Eine Taufe, ein Herr, ein Glaube. Sprecht mit dem Herrn und geht weiter. Mehr wage ich nicht zu sagen.“ Wenn schon der Papst sagt, er habe keine Kompetenz dazu, wie viel weniger dann ein Pfarrer oder Pastoralreferent unter Berufung auf die Bischofskonferenz!

Im Ökumenischen Direktorium von 1993 (Nr. 131), in KKK 1401 und in c. 844 § 4 CIC werden bei der Kommunionspendung vier Bedingungen für eine schwere geistliche Notlage genannt, die allesamt erfüllt sein müssen:

(a) die Nichterreichbarkeit eines Amtsträgers der eigenen Konfession,

(b) die eigene Bitte um die Kommunion,

(c) das Bekenntnis des katholischen Eucharistieglaubens und

(d) die rechte Disposition.

Die Nichterreichbarkeit eines Amtsträgers der eigenen Konfession wird hierzulande nur sehr selten gegeben sein. Nur en passant gesagt: Die rechte Disposition würde in der Regel auch die Beichte des evangelischen Christen verlangen. Aber das ist ein weites Feld. Verweilen wir darum noch etwas bei dem Bekenntnis des katholischen Eucharistieglaubens, denn das ist sicherlich ein „springender Punkt“, bei dem vielfach eine Zulassung scheitern muss. „Ecclesia de eucharistia“ (Nr. 46) stellt klar: „Die Ablehnung einer oder mehrerer Glaubenswahrheiten über diese Sakramente, etwa die Leugnung der Wahrheit bezüglich der Notwendigkeit des Weihepriestertums zur gültigen Spendung dieser Sakramente, hat zur Folge, dass der Bittsteller nicht für ihren rechtmäßigen Empfang disponiert ist.“ Ebenso forderte bereits das Einheitssekretariat 1973 den vollen katholischen Eucharistieglauben: „Dieser Glaube beschränkt sich nicht allein auf das Bekenntnis der ,Realpräsenz‘ in der Eucharistie, sondern impliziert die Eucharistielehre, wie sie die katholische Kirche lehrt“ (Nr. 7). Damit ist in der Tat eine sehr hohe Bedingung gestellt. Es genügt also keinesfalls zu sagen: „Ein frommer evangelischer Christ glaubt ja durchaus auch an die Gegenwart Christi in der Eucharistie. Für ihn ist der Auferstandene darin wirklich nahe.“ Nein, hier wird die volle Bejahung der Eucharistielehre verlangt. Natürlich muss diese zwar in ihren wesentlichen Punkten, aber doch nicht in allen Einzelheiten gekannt sein, wohl aber muss sie grundsätzlich – und darum eben gerade auch in ihren Unterscheidungsmerkmalen, die sie von einem evangelischen Verständnis trennt – bejaht werden. Ein Seelsorger müsste einen Betroffenen also fragen: „Glauben Sie so an die Eucharistie, wie es die katholische Kirche lehrt – auch in den Punkten, die sich vom evangelischen Verständnis unterscheiden?“

Allein persönliche Wünsche werden angeführt

Schließlich: Das Papier liegt ganz auf der Linie der DBK der letzten Jahre, nicht zuletzt zur Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Einmal mehr wird der Sakramentenempfang allein von persönlichen Wünschen und Vorstellungen abhängig gemacht. Ihre sichtbare Seite und öffentlicher Charakter kommen dagegen kaum mehr zur Sprache. Doch in den Sakramenten, zuhöchst in der Eucharistie, tritt die Kirche selbst in Erscheinung. In ihnen tritt das sichtbare Volk Gottes vor seinen Herrn und begeht die Geheimnisse, die er selbst ihr anvertraut hat. In diesen Feiern muss die Kirche ihrer eigenen Wahrheit treu bleiben, mehr als an jedem anderen Ort. In Treue zum Herrn und seiner göttlichen Ordnung der Sakramente muss sie zu ihnen zulassen oder eben auch Grenzen dafür bestimmen. Die persönliche Prüfung der Disposition im Gewissen ist eines, die äußere Zulassung aufgrund objektiv feststellbarer Kriterien wie der Kirchenzugehörigkeit ist das andere.

Seelsorge, Gespräch, Weggemeinschaft und Wertschätzung sind wichtig, gerade auch in so sensiblen Fragen wie dem Kommunionempfang. Dennoch, all das gelingt nur, wenn es sich in einem sicheren Rahmen vollzieht: Grundsätzliche Rahmenbedingungen des Sakramentenrechtes und der Glaubenslehre sind Voraussetzungen der Seelsorge und nicht ihr „Verhandlungsspielraum“. Starke Institutionen schaffen Raum für echte Menschlichkeit und Nähe. Genau diese Ebenen sind aber vermischt, wenn die Seelsorger ähnlich wie nach „Amoris Laetitia“ mit den Worten des Vorsitzenden der Bischofskonferenz aufgerufen werden, „um im seelsorglichen Gespräch die konkrete Situation anzuschauen und zu einer verantwortbaren Entscheidung über die Möglichkeit des Kommunionempfangs des nichtkatholischen Partners zu kommen“. Diese Vermischung der Ebenen spiegelt die Vermischung von forum internum und forum externum, wenn der Sakramentenempfang nach den deutschen Bischöfen letztlich nur vom Gewissensentscheid des Einzelnen abhängt. Konkret: Welcher Priester sollte nun einem evangelischen Christen noch Nein sagen, wenn dieser die Kommunion für sich in Ordnung findet? Letztlich wird er mehr oder weniger freudig bestätigen, was die Betroffenen für sich entschieden haben. Man muss kein Unheilsprophet sein, um vorherzusehen: Innerhalb von wenigen Jahren wird jeder zur Kommunion gehen, der dies möchte. Was bleibt, ist eine „Ökumene der Verschiedenheit“, verbunden mit einem vagen Glauben, dass Jesus irgendwie im Stückchen Brot nahe ist. Wer wagt es, diesen Preis zu zahlen, wenn wir einst als Verwalter Rechenschaft ablegen müssen über das uns anvertraute Gut der Eucharistie?

Der Autor ist Professor für Pastoraltheologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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