Die Krux mit der Kunst: Partner im Dialog oder Vorbildfunktion?

Während der Vatikan ein Treffen mit Kulturschaffenden plant, fordert ein Appell an den Papst, dass die Kirche das Sakrale wieder pflegt

Rom (DT) 45 Jahre nach dem Treffen von Paul VI. mit Künstlern in der Sixtinischen Kapelle und zehn Jahre nach dem Brief, mit dem sich Johannes Paul II. am Ostersonntag 1999 an die Kulturschaffenden wandte, kommt es im Vatikan am kommenden 21. November erneut zu einer Begegnung des Papstes mit den verlorenen Söhnen und Töchtern der Welt der Kunst. So zumindest klang es, als der Präsident des vatikanischen Kulturrates, Erzbischof Gianfranco Ravasi, das Ereignis, dessen Höhepunkt wiederum in der Sixtinischen Kapelle stattfinden wird, in der vergangenen Woche vorstellte. Es sei nicht nur einfach eine Audienz, die Benedikt XVI. Künstlern gewähre, sagte Ravasi vor Journalisten, sondern ein „repräsentativer Augenblick des Willens zum Dialog zwischen der Kirche und der Welt der Künste“, der dazu führen solle, dass die „zwischen Kunst und Glaube vollzogene Scheidung“ überwunden werde.

Schon die Ansprache von Paul VI. vor 45 Jahren war von dem Gedanken durchzogen, dass zwischen Kunst und katholischer Kirche etwas in die Brüche gegangen und ein gesundes Verhältnis, vielleicht sogar ein Pakt zwischen beiden, erst noch wieder herzustellen sei. 35 Jahre später schloss sich Johannes Paul II. diesem Gedanken an, als er in seinem Brief vom 4. April 1999 beklagte, dass sich in der Moderne neben dem christlichen Humanismus zunehmend auch eine Form von Humanismus durchgesetzt habe, „für den die Abwesenheit Gottes und häufig der Widerstand gegen ihn charakteristisch ist. Dieses Klima hat bisweilen, zumindest im Sinn eines verminderten Interesses vieler Künstler für religiöse Themen, zu einer gewissen Distanz zwischen der Welt der Kunst und jener des Glaubens geführt.“

So als sei in den vergangenen Jahrzehnten nichts geschehen, soll auch die Begegnung der Künstler mit Papst Benedikt dieser Suche nach einem neuen, fruchtbaren Austausch zwischen Kirche und Kulturschaffenden dienen. „Wir wollen“, sagte jetzt Erzbischof Ravasi, der Organisator des Treffens, „jenen tiefliegenden Wohlklang wiederfinden, der im Grunde zwischen Kunst und Glaube besteht und der heute zerstört ist.“

Fünfhundert Vertreter aller Sparten des künstlerischen Schaffens habe man eingeladen, so Ravasi, ungeachtet ihrer Konfession, Religion oder weltanschaulichen Zugehörigkeit, und 262 davon haben zugesagt.

Darunter der Architekt Daniel Liebeskind, die Literaten Alberto Bevilacqua und Claudio Magris, die Schauspieler und Regisseure Lino Banfi, Nanni Moretti, Franco Zeffirelli und Terence Hill sowie Musiker wie Andrea Bocelli, Antonello Venditti, Ennio Morricone, Angelo Branduardi und die Mitglieder der italienischen Schlagergruppe Pooh. Auch einige Gaukler und Zwerge sollen unter den Gästen sein. Die Dirigenten Riccardo Muti und Daniel Barenboim oder die israelischen Autoren David Grossman, Amos Oz und Abraham Yehoshua haben abgesagt.

Der Papst wird eine Ansprache halten, es werden Auszüge aus dem Brief Johannes Pauls II. von 1999 verlesen, Sponsor des Treffens ist der Spirituosenhersteller „Martini e Rossi“, der die Begegnung mit zwei Empfängen umrahmen wird.

Fünfhundert Unterzeichner, darunter Martin Mosebach

Dass man das zerstörte Verhältnis zwischen Kirche und der zeitgenössischen Kunst auch anders angehen kann, zeigt indes ein „Appell an Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI.“, der pünktlich zum Künstler-Treffen im Vatikan in den Sprachen Italienisch, Englisch, Spanisch und Schwedisch erschienen ist (siehe www.appelloalpapa.blogspot.com) und im Umfeld des Priesters und Theologen Nicola Bux entstanden sein soll, der als Vizepräsident eines Instituts für Ökumenische Theologie in Bari zugleich Berater der Glaubenskongregation und gelegentlicher Autor des „Osservatore Romano“ ist. Zu den Initiatoren des Appells, der inzwischen von etwa fünfhundert Personen unterzeichnet wurde, zählen aber auch der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach, der italienische Vatikanist Sandro Magister oder der Rom-Korrespondent der Tageszeitung „Die Welt“, Paul Badde. Anders als Erzbischof Ravasi vom päpstlichen Kulturrat legt der Appell den Akzent nicht auf den Dialog zwischen Glaube und Kunst, sondern auf die Verantwortung der Kirchenoberen, in Liturgie, sakraler Architektur und Kirchenmusik das genuin Katholische, das heißt die Hinführung zur höchsten Wahrheit und Schönheit der Inkarnation wieder zu stärken.

Der Papst-Appell beruft sich dabei auf ein Zitat von Kardinal Gabriele Palotti aus dem Jahr 1582, das auch heute noch, nach über vierhundert Jahren, das Grundübel des gegenwärtigen Niedergangs der Kirchenkunst zum Ausdruck bringe: „Es scheint uns, dass die Missbräuche nicht so sehr den Fehlern zuzuschreiben sind, die die Künstler bei der Bildgestaltung begehen, sondern den Fehlern der Herren, die die Künstler beauftragen und die es unterlassen, die Künstler so zu beauftragen, wie man es müsste: Diese Herren sind die wahren Gründe der Missbräuche, denn die Künstler führen nur die Anweisungen aus, die man ihnen gegeben hat.“

Auch der an Papst Benedikt gerichtete Appell geht von der Ansprache Pauls VI. vor 45 Jahren aus und stellt fest, dass heute alles noch viel schlimmer geworden sei. „Mit einem Wort:“, so heißt es dort, „die sakrale Kunst und Architektur scheinen heute die süße und belebende Begegnung mit dem einzig wahren Gott nicht zu erleichtern, sondern diese beständig zu behindern und zu pervertieren.“ Sakralbauten würden des Sakralen beraubt und ohne Kenntnis der Liturgie errichtet. Funktionalismus, ein vager religiöser Symbolismus sowie die uninformierten und zufälligen Eingebungen der Architekten verdunkelten das Katholische, Melodien und Gesänge hätten in ihrer prosaischen Art immer weniger mit der feierlichen Tradition des gregorianischen Gesangs zu tun.

In den weiteren Kapiteln liest sich der Text wie ein Aufruf an die Kirche, das künstlerische Schaffen in der sakralen Architektur und Musik wieder in die Hand zu nehmen und nach katholischen Kriterien zu gestalten, bei denen auf dem Gebiet der Ästhetik die Prinzipien der „Integritas“ (Unversehrtheit), „Proportio“ (Proportion) und „Splendor formae“ (Schönheit der Form) unverzichtbar seien. Schön sei, was dem Blick gefalle. Und so müsse auch die sakrale Kunst von Natur her allen auf höchste Weise gefallen und sie erfreuen. Theologisch müsse die Fleischwerdung des Sohnes Gottes Prinzip und Quelle der Sakralkunst sein. Alle Sakralität, auch die der Liturgie, leite sich davon ab, dass sie von oben komme, vom Dreifaltigen Gott, und deshalb ein Stück Himmel auf Erden sei. Die Kunst sei die Dienerin der Liturgie und könne deshalb nur als die sichtbare Vergegenwärtigung der geheimnisvollen und übernatürlichen Geschehnisse verstanden werden. Treue zur Inkarnation und Treue zur Liturgie seien deshalb die beiden Türangeln der katholischen sakralen Kunst.

Die Altarinsel soll höher liegen als das Kirchenschiff

Ausführlich widmet sich der Appell dem Kirchenraum. So wie der Priester zum auferstandenen Herrn hin ausgerichtet sein müsse, denn Christus sei das Zentrum in jeder Kirche, so müssten auch der Tabernakel und die wirkliche Gegenwart des Herrn eine den sakralen Raum beherrschende Stellung einnehmen. Der Eingang einer Kirche habe den sakralen Raum deutlich vom säkularen Umfeld abzugrenzen, und der Sakralraum selber müsse – einhergehend mit einer „Hierarchie der Dekoration“ – eine „Hierarchie der Flächen“ aufweisen: So habe etwa der Ort, wo sich die liturgischen Handlungen vollziehen, höher zu liegen als das Kirchenschiff.

Immer wieder, so fordert der Appell vor allem dann mit Blick auf die Kirchenmusik, sei „das Gebäude der römischen Liturgie“ von säkularen Einflüssen zu reinigen, die vor allem von der Musik in den Kirchenraum hereingetragen würden. Abschließend richten die Autoren die Bitte an den Papst, dass er dabei helfe, dass die sakrale Kunst und Architektur wieder wahrhaft katholisch werden. So könne die Kirche in einer Zeit der „weltlichen, irrationalen und verbildenden Barbareien“ zur Förderin und Wächterin einer neuen und wirklich „originellen“ Kunst werden, aus der jene innere Schönheit wieder erwachse, die in der Wahrheit Jesu Christi erstrahle.

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