die frage

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Ist das Allerheiligste bei „niedrigschwelligen Angeboten“ wie Nightfever angemessen? Wäre ein Kreuz nicht genug? von Bettina Arnold, Dresden

Es antwortet: Cornelius Roth, Theologische Fakultät Fulda Foto: Privat

Wer die Nightfeverabende kennt, beobachtet zumindest bei den jungen Menschen, die von der Straße in die Kirche kommen, eine gewisse Unsicherheit, da sie schon lange nicht mehr in einer Kirche waren und die Atmosphäre ihnen dort fremd ist. Wahrscheinlich macht es für diese Gruppe auch keinen Unterschied, ob vorne am Altar das Allerheiligste ausgesetzt ist oder nur ein einfaches Kreuz oder eine Ikone zu sehen sind.

An der meditativen Atmosphäre, der getragenen Musik, der Stille und Ruhe im Raum, die zum Gebet einladen, ändert sich ja nichts. Von daher würde das Format Nightfever für diese Gruppe auch ohne Allerheiligstes funktionieren.

Die Frage ist nun aber, ob man Nightfever in diesem Sinn überhaupt als ein niederschwelliges Angebot bezeichnen kann. Denn es gibt neben den Menschen, die ohne religiöse Erfahrungen in die Kirche eingeladen werden, noch mindestens zwei andere Gruppen, die daran beteiligt sind: zum einen die Gruppe der jugendlichen Ausrichter des Abends, die zum Teil selbst sehr stark von der eucharistischen Spiritualität geprägt sind und die Anbetung des Allerheiligsten als Kraftquelle für Ihren Dienst begreifen. Sie vertrauen auf die Kraft des eucharistischen Herrn, der in ihrer Mitte zugegen ist. Zum anderen kommen auch viele Menschen zu Nightfever, die durchschnittliche Sonntagskirchgänger sind, aber schon lange keinen Bezug mehr zur eucharistischen Anbetung und/oder zur Beichte haben.

Die klassische Sakramentsandacht am Sonntagnachmittag gibt es nicht mehr, und das Angebot, eventuell Samstag nachmittags in der Pfarrkirche zur Beichte zu gehen, wird von ihnen eher selten wahrgenommen. Für diese Gruppe bietet Nightfever eine meditative Atmosphäre an, die ihnen einen neuen Zugang zur eucharistischen Anbetung und zur Beichte eröffnet.

Viele Menschen von heute suchen Ruhe und Stille, Meditation und Gebet, gedimmtes Licht und langsame Musik, um so neu ihrer Sehnsucht nach dem Glauben Raum zu geben. Insofern ist Nightfever nicht nur ein niederschwelliges Angebot für „religiös Unmusikalische“.

Gleichwohl sollte die Gruppe der Unerfahrenen, die ja bewusst in die Kirche eingeladen wird, nicht vergessen werden. Deswegen gibt es meist Katechesen für junge Leute, in denen die eucharistische Spiritualität, wie sie in der Katholischen Kirche gepflegt wird, erklärt wird. Anzuraten wäre grundsätzlich, auch für diejenigen, die nicht an einer solchen Katechese teilnehmen (wollen), eine theologische Erklärung mit einem kurzen Gebet auf einem Zettel parat zu haben, damit jeder, der es will, mit dem Sinn der eucharistischen Anbetung kurz vertraut gemacht werden kann.

Bei der Frage nach der als problematischen empfundenen Frontalerfahrung mit dem Allerheiligsten lassen sich übrigens in der Geschichte der Spiritualität Beispiele anführen, in denen gerade durch die Konfrontation mit einer liturgischen Hochform eine Wende im Glauben geschah. Paul Claudel (1868–1955) berichtet etwa, er sei „aus Langeweile“ (ein Motiv, das auch mancher Besucher von Nightfever zwischen einem Kino- und Kneipenbesuch haben könnte) am Nachmittag des Weihnachtstages in die Vesper in die Kathedrale Notre Dame in Paris gegangen. Dabei stand er zunächst im Hintergrund an einer Säule, doch sein Herz wurde bei dem gesungenen Magnificat des Chores so ergriffen, dass er von jetzt auf gleich zu einem gläubigen Menschen wurde. Ähnlich ging es Charles de Foucauld (1858–1916), der eines Tages zu seinem Seelenführer Abbé Huvelin ging, um mit ihm über den Glauben zu diskutieren. Dieser ließ ihn aber gar nicht zu Wort kommen, sondern sagte nur: „Knien Sie nieder und beichten Sie.“ Diese Beichte wurde für ihn zum Wendepunkt seines Lebens. Er verließ die Kirche als ein Mensch, dem Gott in den Weg getreten war. Man sollte zumindest nicht ausschließen, dass solche Dinge auch bei Nightfever geschehen können.

Wenn Sie, liebe Leser, eine Frage haben: leserfragen@die-tagespost.de

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