Junge Federn

Die drei Hügel des Abendlands

Europa ist für mich nicht mehr als der geographische Rahmen dessen, was man noch vor einigen Jahrzehnten als das „Abendland“ bezeichnete.
Büste des griechischen Philosophen Platon
Foto: Tobias Hase (dpa) | Eine Büste des griechischen Philosophen Platon im bayerischen Landtag in München.

Heute hört man viel von Europa: „Europa-Wahlen“; politische Parteien, die sich für oder gegen „Europa“ aussprechen; „Europa-Kritiker“. Europa ist im heutigen Diskurs das kulturelle, politische und wirtschaftliche Gebilde der aufgeklärten, freiheitlichen, demokratischen Staaten auf dem europäischen Kontinent. Europa ist für mich aber nicht mehr als der geographische Rahmen dessen, was man noch vor einigen Jahrzehnten als das „Abendland“ bezeichnete.

Das Abendland ist auf drei Hügeln gegründet

Das Abendland, um einen Ausspruch von Theodor Heuss zu paraphrasieren, ist auf drei Hügeln gegründet: die Akropolis in Athen, das Capitol in Rom, der Ort der Kreuzigung Jesu auf Golgotha. Dies fasst sehr treffend den besonderen Charakter des Abendlandes zusammen, das tatsächlich weltweit einzigartig ist. Diese Einzigartigkeit begründet sich nicht auf einer rassischen Überlegenheit oder auf einer besonderen Erwählung durch Gott, sondern auf der Leistung, die antiken Philosophien – besonders von Platon und Aristoteles –, das römische Rechtssystem und die christliche Lebensweise auf hervorragende Art miteinander zu verbinden.

Nach dem Fall des weströmischen Reiches im Jahr 476 setzte sich ein Prozess der gegenseitigen Befruchtung zwischen den Horden der Barbaren und der römischen Hochkultur in Gang, der dazu führte, dass ein fränkischer Herrscher namens Karl am Weihnachtstag des Jahres 800 vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurde und damit das alte Kaisertum wieder herstellte. Zwar stand das Rhomäische Reich (Byzanz) als östliche Reichshälfte in direkter Kontinuität zum einstigen Imperium Romanum, aber auch der Westen hatte ein Selbstbewusstsein erlangt, dem nur das Kaisertum entsprechen konnte, das erst unter Otto I. im Jahr 962 endgültig konsolidiert wurde.

Sakrale, von Gott gestiftete Herrschaft der Kaiser und Könige

Bereits im 6. Jahrhundert entstand mit dem westlichen Mönchtum des heiligen Benedikt eine Grundlage für die spätere Karolingische Renaissance, welche merowingisch-fränkische Kultur mit dem Christentum und graeco-römischen Errungenschaften vereinte. In der Scholastik entstand aus Platon, Aristoteles und Christentum ein System, das fortan die abendländische Philosophie über Jahrhunderte maßgeblich prägen sollte. Das Kaisertum im Heiligen Römischen Reich, ebenso wie das Königtum im Nachbarland Frankreich verstanden ihre Herrschaft als eine sakrale, von Gott gestiftete. Die Könige von Frankreich trugen wie auch die römisch-deutschen Könige/Kaiser am Tag ihrer Krönung pontifikale Gewänder. Der heilige Louis IX. dürfte wohl eines der glänzendsten Beispiele dafür sein, wie selbstverständlich Sakrales und Weltliches zwei Seiten einer Weltordnung waren.

Der Autor, 23, studiert Theologie in Münster

Der Beitrag ist der erste in einer vierteiligen Serie. Diese wird demnächst fortgesetzt.

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