IM BLICKPUNKT

Die Achse verschiebt sich

Das Apostolische Schreiben aus Rom zur liturgischen Bildung ist ein Denkanstoß. An der Eigendynamik der „alten Messe“ in den Diözesen ändert es nichts.
Freude am Glauben
Foto: Renate Gindert (KNA) | Auch das neue Liturgieschreiben ändert nichts an der Lebendigkeit der Alten Messe.

Das jüngste Apostolische Schreiben über die liturgische Bildung des Volkes Gottes verpflichtet niemanden zu mehr als zur Kenntnisnahme. Schon die Textgattung signalisiert gewollte Unverbindlichkeit: Papst Franziskus hat kein Motu proprio erlassen und auch kein Lehrschreiben verfasst, sondern er will „schlichtweg einige Denkanstöße geben“. Deren Tenor hat viele Traditionalisten erneut verstimmt, denn die Betriebstemperatur gegenüber unzähligen loyalen und friedlichen Gläubigen bleibt so frostig wie in Traditionis custodis. So unerquicklich die raue Behandlung aus Rom ist, so unerlässlich ist es, sich die rein atmosphärische Bedeutung des Textes zu vergegenwärtigen.

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Unbelastet von Querelen

Dass es unterschiedliche Kirchenbilder innerhalb der katholischen Kirche gibt und die Grundhaltung der Gläubigen zur Kirche gerade an ihrem liturgischen Verhalten erkennbar ist, ist keine neue Erkenntnis. Schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil ließ sich dieses Phänomen beobachten. Gerade in der verschärften Debatte infolge der Liturgiereform Pauls VI. (siehe Seite 11) hat sich in der Kirche gegenüber liturgischen Erneuerungsversuchen aber eine Langmut eingestellt, die früher oder später eine größere Gelassenheit gegenüber dem überlieferten Ritus hervorrufen musste. Wer Klettergärten in Sakralräumen einrichtet und selbstverfasste Hochgebete verwendet, wird jungen Gläubigen kaum verbieten, in der lateinischen Liturgie eine spannende geistliche Entdeckungsreise zu sehen.

Der Großteil der Besucher der überlieferten lateinischen Liturgie ist innerlich unbelastet von den Querelen der sechziger und siebziger Jahre um den Ritus und hat erlebt, dass kirchliche Dokumente keinen maßgeblichen Einfluss auf das liturgische Geschehen haben. Kein Bischof könnte derzeit eine liturgische Zäsur einführen, deren Tragweite beispielsweise den Folgen nahekommt.

Zahlen steigen

Corona hat nicht nur die Besucherzahlen der „alten Messe“ vielerorts steigen lassen, sondern auch den Interessentenkreis bemerkenswert erweitert. Neuerdings kann man in der überlieferten Liturgie Gottesdienstbesucher aus dem Charismatiker-Milieu antreffen, die auf der Suche nach Gemeinschaft und Gesang sind. Sie klagen nicht über Missstände im neuen Ritus, sondern sind von der Abschaffung von Messen betroffen. Für sie zählen weder der Ritus noch Spitzenrochette, sondern sie suchen nach einer Alternative zur Tristesse in ausgezehrten Pfarrgemeinden, in denen auch bei korrekt gefeierten Eucharistiefeiern keine wirkliche Festfreude aufkommen will, weil das Gotteslob zwischen nahezu leeren Bänken verhallt.

Eine Eigendynamik

Die „alte Messe“ hat in den Ortskirchen eine bemerkenswerte Eigendynamik gewonnen. In Deutschland haben die Traditionalisten in diesem Jahr erlebt, was jahrzehntelang undenkbar schien: Der Augsburger Bischof Bertram Meier weihte höchstselbst die Kandidaten der Petrusbruderschaft und stellte sich damit demonstrativ hinter die Gemeinschaft. Auch in Frankreich stimmen die Gläubigen mit den Füßen ab: Die traditionsreiche Pfingstwallfahrt der jungen Traditionalisten von Paris nach Chartres zählte mehr Teilnehmer denn je.

Der Ortsbischof ließ es sich nicht nehmen, die Jugendlichen auf einer Etappe zu begleiten. In Spanien hat sich inzwischen ein Tochterbewegung etabliert, die von Oviedo ins Marienheiligtum Covadonga pilgert. Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet, lediglich die Achse verschiebt sich. Die Vitalität der Traditionalistenbewegung speist sich mehr denn je aus den Ortskirchen; weniger aus Rom. Diese Entwicklung macht ihn zum Synodalitätsfaktor par excellence.

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