Straßburg

Deutschland in der Azubirolle

Die Mission lebt nicht von nationalen Sonderwegen. Warum die deutschen Katholiken von der Weltkirche lernen können.
Deutsche Kirche und Mission
Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa) | Missionarische Baustelle: Das Unbehagen am biblischen Missionsauftrag wird in Deutschland gern hinter dem stillschweigenden Konsens, dass man immerhin Spendeweltmeister ist, versteckt.

Der Weltmissionsmonat verspricht auch in diesem Jahr einen Déjà-vu-Effekt: Mit Nigeria rückt erneut ein Land in den Fokus, dessen Christen zweifellos die finanzielle Unterstützung und das Gebet der deutschen Katholiken verdient haben. Doch damit dürfte sich das Transfervermögen aus Deutschland auch schon weitgehend erschöpft haben, denn der weitaus wichtigere Teil der Mission – das Glaubenszeugnis und die Bereitschaft zur Nachfolge Christi – ist eher umgekehrt zu erwarten.

Unbehagen am biblischen Missionsauftrag

In den Ohren der Priester aus den berufungsstarken Ortskirchen Afrikas und Asiens, die seit Jahren die Gemeindearbeit in Deutschland unterstützen, dürfte das Mehrheitsvotum der jüngsten Synodalversammlung für eine Debatte über die Frage, ob das Priesteramt überhaupt gebraucht werde, einigermaßen irritierend klingen. Dürfen die Katholiken in Deutschland vor diesem Hintergrund noch guten Gewissens die Zeit und Energie von Geistlichen beanspruchen, denen solche Auseinandersetzungen in ihren Heimatdiözesen erspart blieben?

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Das Unbehagen am biblischen Missionsauftrag wird in Deutschland gern hinter dem stillschweigenden Konsens, dass man immerhin Spendenweltmeister ist, versteckt. Hinzu kommt eine Flucht in die Geschwätzigkeit über Begriffsbestimmungen, die durch den Synodalen Weg enormen Auftrieb erhalten hat. Es ist müßig, die Vokabel Mission auf Bedeutungsänderungen hin immer wieder zu durchleuchten, um den unbequemen und opferreichen Anspruch darin herunterzudimmen. Denn es ist eine Banalität, dass sich die Sprache im Lauf der Zeit wandelt. Auch traditionsfremde Interpretationen des Schlüsselbegriffs Evangelisierung – etwa als Synonym für Strukturreformen – führen nicht weiter.

In Deutschland ist Innehalten angesagt

Das katholische Leben in Deutschland lebt inzwischen so stark vom Ideenimport und der personellen Verstärkung aus anderen Ländern, dass von einer deutschen Avantgarde der Weltkirche keine Rede sein kann. Bemerkenswert ist vielmehr, dass sich Offenheit gegenüber bewährten Adressen der Weltkirche lohnt. Die Wiederbesiedlung des Klosters Neuzelle durch Mönche von Stift Heiligenkreuz und die erste Niederlassung der französischen Priestergemeinschaft Saint-Martin in Neviges zeigen das. Wo Pfarreien bereit sind, zur intensiveren Neuevangelisierung über den deutschen Tellerrand hinauszuschauen, waren sie mit dem Erneuerungskonzept des amerikanischen Pfarrers James Mallon oder den in England entstandenen Alphakursen gut beraten. Neue Gemeinschaften wie die die Emanueller, Comunione e Liberazione und die Monastische Familie von Jerusalem haben das katholische Spektrum ebenfalls bereichert.

So gesehen, sprechen alle Erfahrungen dafür, sich in Bescheidenheit zu üben und die Lernphase im weltkirchlichen Rahmen intensiv weiterzubetreiben. Wenn Papst Franziskus am Wochenende den synodalen Prozess der Weltkirche eröffnet, ist auch in Deutschland innehalten angesagt: In Fragen der geistlichen Erneuerung der Kirche sind wir durchaus in der Azubirolle. Der Versuch, die Missbrauchskrise zum Aufhänger für eine Protestantisierung der Kirche zu benutzen, ist bisher ein rein deutsches Phänomen und stößt in den Nachbarländern auf begründete Bedenken. Wenn der synodale Prozess der Weltkirche die Demut der deutschen Katholiken fördert, kann er sich dauerhaft lohnen.

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