Der stille Ratgeber

Der Präfekt der Kleruskongregation: Kardinal Beniamino Stella – Serie über die Kurie (Teil 6). Von Guido Horst
Italian cardinal Beniamino Stella at Havana
Foto: dpa | Kardinal Beniamino Stella.
Italian cardinal Beniamino Stella at Havana
Foto: dpa | Kardinal Beniamino Stella.

Dass Franziskus ausgerechnet von einem Vatikandiplomaten und ehemaligen Nuntius an das Messer der eher konservativen amerikanischen Katholiken geliefert worden ist, muss den Papst bestürzt haben. Denn Erzbischof Carlo Maria Vigano gehört zu der Sorte von Vatikanprälaten, die Jorge Mario Bergoglio seit seinem Amtsantritt in Rom besonders schätzt: die Diplomaten im Dienste seiner Heiligkeit. Für sie hat er im Laufe der Kurienreform eine eigene dritte Sektion im vatikanischen Staatssekretariat einrichten lassen – von der man aber noch nichts sieht und hört, über die das Päpstliche Jahrbuch 2018 kaum Auskunft gibt und von der man nur weiß, dass der polnische Erzbischof und Nuntius Jan Romeo Pawlowski ihr Leiter ist. Eine der vielen noch offenen Baustellen der laufenden Kurienreform.

Einer der ehemaligen Nuntien, denen Franziskus sein besonderes Vertrauen schenkt und die er mit wichtigen Positionen in der Kurie betraute, ist Lorenzo Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode, den der Papst in seinem ersten Konsistorium 2014 in den Kardinalsstand befördert hat. Der andere ist Beniamino Stella, den Franziskus ebenfalls im ersten Konsistorium seines Pontifikats mit dem Purpur auszeichnete, nachdem er ihn im September zuvor an die Spitze der Kleruskongregation berufen hatte.

Stella ist kein Mann der Schlagzeilen und steht kaum im Rampenlicht, auch wenn er – wie der meist sehr gut unterrichtete Vatikankenner Sandro Magister schreibt – der Kurienkardinal ist, den Papst Franziskus am häufigsten hört und am meisten konsultiert. Stella soll es gewesen sein, auf den die Zusammenstellung der neuen Spitze der Glaubenskongregation mit Präfekt, Sekretär und Untersekretär nach dem Abgang von Kardinal Gerhard Müller zurückzuführen ist. Seine Karriere im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls verlief schnörkellos und führte über wichtige Posten. Wie Staatssekretär Pietro Parolin stammt Stella aus der Diözese Vittorio Veneto und wurde nach seiner Priesterweihe 1966 und dem Abschluss des Kirchenrechtsstudiums von seinem Bischof Albino Luciani, dem späteren Johannes Paul I., auf die Diplomatenakademie des Vatikans nach Rom geschickt. Der Ausbildung dort folgten Jahre des Dienstes in Nuntiaturen in der Dominikanischen Republik, im damaligen Zaire oder auf Malta beziehungsweise in der für die auswärtigen Beziehungen zuständigen Sektion des vatikanischen Staatssekretariat. 1987, mit der ersten Stelle als Nuntius in der Zentralafrikanischen Republik, kam dann auch die Bischofsweihe, die ihm Johannes Paul II. spendete. Nach einer Station im Tschad kam dann im November 1992 die erste wirkliche Bewährungsprobe: Nuntius Stella wechselte nach Havanna, wo er die Beziehungen der Ortskirche zum Regime Fidel Castros zu verbessern half – dazu gehörte unter anderem die Wiedereinführung des 1969 abgeschafften Weihnachtsfests – und schließlich den ersten Besuch eines Papstes in Kuba im Januar 1998 vorzubereiten hatte.

Dann ein weiterer „heißer Posten“: die Nuntiatur in Kolumbien. Es war die Zeit, als die Guerilleros der FARC den Vorsitzenden des lateinamerikanischen Bischofsrats CELAM, Bischof Jorge Enrique Jiménez Carvajal, entführten, zahlreiche Priester und 2002 sogar Erzbischof Isaias Duarte Cancino von Kali töteten. Als Nuntius in Kolumbien nahm Stella an der fünften Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Aparecida teil. Hier und in den langen Jahren in Lateinamerika hat ihn Kardinal Jorge Mario Bergoglio kennengelernt. Als dieser als Papst Franziskus auf die Loggia trat, hatte Stella schon knapp sechs Jahre lang wieder ein Amt in Rom: als Präsident der Päpstlichen Diplomatenakademie neben dem Pantheon, wohin ihn 2007 Benedikt XVI. berufen hatte.

In seinen Jahren dort war es ein Anliegen Stellas, die Akademie von dem Geruch als „Fabrik der Karriere-Kleriker“ zu befreien, er legte Wert auf die Pflege der priesterlichen Spiritualität der zukünftigen Vatikandiplomaten, die lernen sollten, so Stella, „in der Optik der Weltkirche zu denken“. Die Schüler der Akademie sollten Zeitungen lesen und wissen, was die Gesellschaften dieser Welt bewegt. Der heute 77 Jahre alte Stella nahm in seiner Zeit als Präsidenten der Diplomatenschule schon das vorweg, was Franziskus später den Absolventen der Akademie ins Stammbuch schreiben sollte: Wenn ein Nuntiatursekretär oder ein Nuntius nicht den Weg der Heiligkeit gingen und sich von den vielfältigen Formen des mondänen Geistes anstecken ließen, machten sie sich lächerlich und die Leute würden über sie lachen. Im September 2013 machte ihn Franziskus in der Nachfolge des auf den Stuhl des Großpönitentiars des Vatikans wegbeförderten Kardinals Mauro Piacenza zum Präfekten der Kleruskongregation.

Was früher die klassischen Seilschaften im Vatikan waren – die Seilschaft der Gefolgsleute eines einflussreichen Kardinals, die Seilschaft der Piemontesen oder die der Sizilianer –, sind heute die Netzwerke, die weit über die italienische Halbinsel hinausgehen. So wie der „Club von Sankt Gallen“ mit den Kardinälen Martini, Danneels und anderen, der Kardinal Bergoglio schon 2005 als Papst installieren wollte. Wie viele Vertraute von Papst Franziskus ist auch Kardinal Stella kein Solitär. Als Präsident der Diplomatenakademie hatte er einen Assistenten, den spanischen Priester und Vatikandiplomaten Fernando Chica Arellano, der zugleich Leiter der spanischen Sektion im Staatssekretariat war. Heute ist dieser der Ständige Beobachter des Heiligen Stuhls bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen in Rom.

Die Figur eines Sekretärs des Akademiepräsidenten ist eigentlich nicht vorgesehen, aber für Chica Arellano wurde sie vor Jahren geschaffen. Dieser ist wiederum sehr eng dem spanischen Jesuiten Germán Arana verbunden, ehemals Dozent an der Gregoriana in Rom, Priesterseelsorger, seit 2011 Rektor des Seminars in Comillas im Norden Spaniens, ein sehr enger Vertrauter von Papst Franziskus und geistlicher Leiter des inzwischen zurückgetretenen Bischofs im chilenischen Osorno, Juan de la Cruz Barros Madrid, dessen hartnäckige Verteidigung durch den Papst bei dessen Chilebesuch im Januar dieses Jahres die Missbrauchskrise in diesem Land erst so richtig hochkochen ließ. Dass Franziskus so lange an dem Bischof von Osorno festgehalten hat, verdankt sich wohl dem Jesuiten Arana, bei dem sich Barros Madrid vor dem Amtsantritt in Osorno und nach seiner Zeit als Militärbischof zu geistlichen Exerzitien aufgehalten hat. Und auch als Barros mit den anderen Bischöfen Chiles im vergangenen Mai zum Krisengipfel im Vatikan eintraf, kam er in Begleitung Aranas aus Spanien. Germán Arana gehört wiederum zu der kleinen Kommission, die in der Diplomatenakademie in Rom die aufzunehmenden Anwärter für die dortige Ausbildung auswählt. Und so schließt sich wieder der Kreis zum ehemaligen Akademiepräsidenten Stella.

Mit dem Lateinamerikaner Franziskus sind Netzwerke und Verbindungen im Vatikan wichtig geworden, die in Europa nur die wenigsten kennen und die nichts mehr mit den althergebrachten Seilschaften zu tun haben. Franziskus telefoniert viel und mancher Vatikanist gäbe viel dafür, wenn er wüsste, mit wem sich der Papst berät. Kardinal Stella jedenfalls gehört zu dem „inner circle“ der Vertrauten von Franziskus. Aber im Päpstlichen Jahrbuch steht so etwas natürlich nicht.

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