Kirche

„Der Primat des Papstes ist die Hürde“

Der chaldäisch-katholische Patriarch will die Einheit mit den getrennten Schwesterkirchen – Der Ostkirchenexperte - Dietmar W. Winkler hält das für mutig, aber schwierig. Von Oliver Maksan
Dietmar W. Winkler lehrt Patristik und Kirchengeschichte in Salzburg
Foto: IN | Dietmar W. Winkler lehrt Patristik und Kirchengeschichte in Salzburg. Er ist Konsultor des Päpstlichen Einheitsrates.

Herr Professor Winkler, wie realistisch ist der kürzlich gemachte Vorschlag des chaldäischen Patriarchen Louis Raphael I. an die assyrischen Schwesterkirchen, einen gemeinsamen Patriarchen zu wählen und die getrennten Kirchen so zu einen?

Ich halte den Vorschlag für außergewöhnlich mutig und richtig. Patriarch Mar Louis Raphael I. ist die Einheit ein Herzensanliegen. Er wäre sogar bereit, dafür sein Amt aufzugeben. Das hat meinen ganzen Respekt. Es wüchse zudem zusammen, was zusammengehört. Denn die aus der „Kirche des Ostens“ hervorgegangenen Kirchen gehören ja liturgisch, theologisch, spirituell und ihrer Geschichte nach zusammen. Ich sehe aber sowohl förderliche als auch hinderliche Umstände, was eine Realisierung der Einheit anlangt. Förderlich ist, dass auch die beiden aus der Kirche des Ostens hervorgegangenen nicht-katholischen Kirchen dabei sind, ein auf die 1960er Jahre zurückgehendes Schisma zu heilen. Damals ging es unter anderem um Kalenderfragen. Kürzlich starb mit Mar Dinkha IV. ja der in Chicago residierende Patriarch der „Assyrischen Kirche des Ostens“. Deren Synode hat Anfang Juni beschlossen, mit der Wahl eines Nachfolgers zu warten, bis die Einigungsgespräche mit der „Alten Kirche des Ostens“ zu einem Ergebnis kommen. Wären sie erfolgreich, müsste allerdings der in Bagdad residierende Patriarch der Alten Kirche des Ostens, Mar Addai II., abdanken, um einem gemeinsamen neuen Patriarchen Platz zu machen. Gelänge das, müssten sich nur mehr zwei statt drei Seiten einigen.

Was ist der hinderliche Aspekt?

Die große Hürde für die nicht-katholischen Kirchen sehe ich darin, dass sie aus heutiger Sicht in die Einheit unter den Papst treten müssten. Dies ist vermutlich der Stolperstein. Der theologische Dialog mit der Assyrischen Kirche in der Vergangenheit hat gezeigt, dass sich genau an der Frage des römischen Primats die Geister scheiden. Die Angst ist, als kleinere Kirche in der großen unterzugehen. Rom müsste ein Modell schaffen, das diese Ängste ernst nimmt.

Wie könnte das aussehen?

Wir haben momentan katholischerseits keine Ökumene-Modelle, die in diesem Fall greifen könnten. Klassische Unionen wollen wir nicht mehr, weil diese davon ausgingen, dass die anderen Kirchen zur katholischen Kirche und unter den Bischof von Rom zurückkehren müssten. Dies ist aber bei den Ostkirchen historisch falsch. De facto müsste das so aussehen, dass beide Kirchen, die Roms und die des Ostens, voneinander unabhängig sind. Der Jurisdiktionsprimat des Papstes würde sich so auf die neugeeinte ost-syrische Kirche nicht erstrecken können. Sie stünden aber dennoch in kirchlicher Gemeinschaft. Bis in das 13. Jahrhundert ist eucharistische Gemeinschaft zwischen der Kirche des Ostens, die sich über Asien ausbreitete, und der katholischen Kirche auf dem europäischen Kontinent nachweisbar. Ein Rückgriff auf diese Form der Kircheneinheit wäre aus heutiger Perspektive übrigens ein Novum. Sie müssen sehen, dass die Kirche des Ostens nie in jurisdiktioneller Gemeinschaft mit Rom gestanden hat. Man lag ja weit außerhalb der Grenzen des römischen Reiches. Erst durch lateinische Missionare und mongolische Botschafter ist man sich physisch begegnet. Heute hingegen sind die assyrischen und chaldäischen Kirchen wegen der Auswanderung in der ganzen Welt präsent, in Australien, USA und Europa. Man lebt also erstmals in direkter Nachbarschaft mit der römisch-katholischen Kirche. Da müsste ein Autokephalie-Modell gefunden werden, das die Eigenständigkeit garantiert.

Nun hat das Erste Vatikanum nicht nur die Unfehlbarkeit des Papstes definiert, sondern auch seinen höchsten Jurisdiktionsprimat. Kann man katholischerseits deshalb nicht allenfalls sagen: Der Papst übte seine höchste Gewalt vielleicht faktisch über die neue Kirche nicht aus, aber theologisch hätte er sie?

Das wird derzeit katholischerseits sicher eher so gedacht. Aber man muss sehen, dass das Erste Vatikanum in einer Zeit stattfand, wo es keine Ökumene im heutigen Sinn gab. Man hat den Unionsbemühungen auch die Fiktion zugrunde gelegt, dass sich die verschiedenen Kirchen irgendwann von Rom abgespalten hätten und jetzt wieder zurückkehren müssten. Aber das stimmt ja historisch nicht, schon gar nicht für die Kirchen der ost-syrischen Tradition. Es müsste also eine Kirche eigenen Rechts sein. Der Papst wäre Primus inter pares, Erster unter Gleichen. Es wäre ein eher koordinierendes, moderierendes Amt, aber das wäre noch weiter zu definieren. Für die östliche Tradition müsste die Synode das höchste Gremium bleiben. Alles andere würden die nicht-katholischen Kirchen nicht akzeptieren.

Das heißt, die Autonomie, die die katholischen Ostkirchen wie die Chaldäer jetzt haben, ist nicht genug?

Die katholischen (unierten) Ostkirchen sind sogenannte Kirchen eigenen Rechts (sui iuris), aber letztlich auch dem Papst unterstellt. Im Vatikan ist die Ostkirchenkongregation für diese Kirchen zuständig. Es ist für die orthodoxen und orientalischen Kirchen sicherlich kein Angebot, mit Rom über ein Dikasterium der Kurie zu kommunizieren.

Wo sehen Sie Widerstände gegen eine Einigung: Bei den Gläubigen oder eher bei der Hierarchie?

Ich glaube, die Gläubigen vor allem im Nahen Osten würden das begrüßen. Es gibt etwa im Irak auch eine assyro-chaldäische politische Bewegung, die das Gemeinsame betont. Diese sähe die Einheit sicher auch positiv, weil dadurch die nationale Identität gestärkt würde. Schwierigkeiten sehe ich eher in der Hierarchie, und zwar aus durchaus menschlichen Gründen. Es gäbe zum Beispiel nur noch einen statt drei Patriarchen. Und auf der Ebene der Diözesen könnte sich das fortsetzen. Auch hat Patriarch Louis Raphael in der chaldäischen Kirche nicht uneingeschränkten Rückhalt. Vor allem die Bischöfe mancher chaldäischer Diasporadiözesen in den USA sehen ihn kritisch. Es gibt da etwa starke Unterschiede in der Beurteilung der amerikanischen Irak-Politik. Ich weiß also nicht, ob ihm seine Synode bei seinem Vorschlag uneingeschränkt folgen würde. Ganz abgesehen davon, dass nicht abzuschätzen ist, wie Rom die Sache sieht.

Die Kirchen im Irak sind nicht erst seit dem Vormarsch des IS existenziell bedroht. Würden sie durch eine Kircheneinheit gestärkt?

Grundsätzlich ist die Einheit der Kirche schon aus theologischen Gründen eine Notwendigkeit. Sie gäbe den Christen etwa des Irak aber auch gegenüber der Politik mehr Gewicht. Eine konfessionelle Auseinandersetzung kann man sich angesichts des „Islamischen Staats“ einfach nicht mehr leisten.

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